> > > > > 23.06.2021
Sonntag, 1. August 2021

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Igor Levit, Copyright: Peter Meisel

Igor Levit, © Peter Meisel

Igor Levit bei den Europäischen Wochen Passau

Spannende Synthese

Einen der derzeit prominentesten Namen zu verpflichten, ist dem traditionsreichen Festival „Europäische Wochen“ in Person von Igor Levit in diesem Jahr gelungen. Ursprünglich hätte er zusammen mit dem Hagen Quartett auftreten sollen, aufgrund einer Verletzung von Clemens Hagen hatte er sich stattdessen bereit erklärt, ein Recital zu spielen. Fast zwangsläufig Beethoven assoziiert man mit Levits Namen, ohne Frage haben seine Auseinandersetzung mit dessen Oeuvre Maßstäbe gesetzt. Mit einem Programm ganz anderer Art war er am gestrigen Abend im Großen Rathaussaal der Stadt Passau zu hören. Zahlenmäßige Besucherbeschränkungen gelten noch immer, zwei Mal nacheinander spielt Levit eine Auswahl aus Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87. Seine Teilnahme am Leipziger Bachfest im Jahr 1950 hatte den Komponisten zu diesem Zyklus inspiriert, der russischen Pianistin Tatjana Nikolajewa hat er ihn gewidmet, sie war es auch, die ihn erstmals öffentlich aufführte. Nach dem Vorbild von Bachs WTC sind die insgesamt 48 Stücke paarweise angeordnet, mit Chopin, Skrjabin und Debussy hatten zuvor schon andere namhafte Kollegen ähnlich konzipierte Werke geschaffen. Schostakowitsch selbst wiederum hatte mit seinem Opus 34 ebenfalls bereits eine frühere Sammlung von 24 Präludien veröffentlicht, anders als jener liegt der späteren eine insgesamt derbere Tonsprache zu Grunde.

Akustischer Problemfall

Acht Präludien- und Fugenpaare hat Levit ausgewählt, am Beginn steht das erste in C-Dur, in dem er atmosphärisch dicht schwebende Sphären erzeugt. Stimmlich klar artikuliert er die zugehörige Fuge, eine Komplikation tritt dabei allerdings schon frühzeitig zu Tage: Wer mit den akustischen Gegebenheiten des Passauer Rathaussaals vertraut ist, kennt deren äußerst problematische Eigenschaften: Fast im Moment seiner Entstehung verfließt hier der Klang und neigt dazu, sich unmittelbar im Raum zu verlieren. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass man teils Mühe hat, die saubere Trennung von Klangschichten zu erkennen. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, Levits Pedalgebrauch sei chronisch überdosiert, wer sein Spiel kennt, weiß aber um dessen tatsächliche Präzision, zu einem gewissen Grad muss man sich die Eigenschaften des wahren Klangbildes also quasi hinzudenken. Hat man sich in besagte akustische Verhältnisse „eingehört“, erkennt man trotz allem durchaus, welch' sensible Schattierungen Levit dem dunkel pulsierenden g-Moll-Präludium op. 87/22 verleiht, mit plastischen Konturen spielt er das Fugen-Pendant. Wie ungemein kontrastreich – und darum auch so schwer zu spielen – die einzelnen Stücke im Verhältnis zueinander sind, zeigt sich in der ganz anderen, tänzerisch anmutenden Geste des darauffolgenden D-Dur-Präludiums (Nr. 5), die Repetitionen der Fuge besitzen immense Spannkraft. Schostakowitschs kompositorisches Konzept vereint klassizistische Elemente mit Aspekten der Moderne - Levit führt beides stilsicher zu einer musikalisch spannenden Synthese.

Kontrapunktische Präzision

An Bachs cis-Moll-Kombination aus dem ersten Band des WTC sind Präludium und Fuge e-Moll (Nr. 4) angelehnt, dessen ruhigen Bewegungen und den mit beinahe orgelartigem Duktus vorwärts schreitenden Basslinien verleiht Levit hohe Intensität, prägnante Stimmführung herrscht in der Fuge, die sich zu einem kraftvoll bewegten, von Levit meisterhaft dargestellten expressiven Teil aufschwingt. Geläufiges Passagenwerk lässt er im B-Dur-Präludium funkeln, kontrapunktischer Präzision und dynamisch explosiven Momenten begegnet man in der korrespondierenden Fuge. Eindringlich formt er die introvertierten Phrasen im Präludium Nr. 16, ausgerechnet die fein ziselierte Struktur der Fuge stören Geräusche eines Mobiltelefons. Spielfreudig geht er mit dem vitalen Thema des Präludiums As-Dur op. 87/17 um, energetisch aufgeladen spielt er die zugehörige, Toccata-artige Fuge. Zur pathetisch-voluminösen Geste holt er in den vollgriffigen Akkorden und mächtigen Oktaven des d-Moll-Präludiums aus, das zu Beginn der Fuge würdevoll getragene, archaische Thema wächst sich zum abschließend wuchtig mitreißenden agogisch-dynamischen Rausch aus. Die Veröffentlichung von Levits Schostakowitsch-Album steht im Herbst bevor, in der nächsten Saison wird er mit diesem Repertoire regelmäßig konzertieren. Wer die Gelegenheit hat, ihn damit zu hören, sollte sie nicht verpassen.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Igor Levit: Werke von Schostakowitsch

Ort: Großer Rathaussaal,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Igor Levit (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Europäische Wochen Passau

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