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Sonntag, 16. Mai 2021

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Im Festspielhaus laufen alle Fäden zusammen: auf der Opera die Schüler und die drei Musikerinnen auf der Bühne, Copyright: Michael Bode

Im Festspielhaus laufen alle Fäden zusammen: auf der Opera die Schüler und die drei Musikerinnen auf der Bühne, © Michael Bode

Diggins Opera II in Baden-Baden

Im Chaos kreativ

Aus der pessimistischen Endzeit-Stimmung der apokalyptischen Zeilen „Things fall apart“ („Die Welt zerfällt“) des Iren William Butler Yeats machten zwei kunstbeflissene Schülerschaften aus Deutschland und Irland im Festspielhaus Baden-Baden am vergangenen Wochenende eine multimediale Oper mit Lichtblicken von personaler Stärke, Vertrauen und Individualität. Die knapp einstündige interdisziplinäre Performance aus Gesang, Sprache, Instrumentalspiel, Videobild und chorischer Geräuschproduktion ergab nun schon zum zweiten Mal mit digitalen Medien (daher der Untertitel „Diggins Opera II“) ein beeindruckendes Abbild kreativen Engagements einer nachrückenden Generation von Opernfans.

Dass die singenden, sprechenden, blinzelnden und zischenden 13 Schüler des Offenburger Oken-Gymnasiums und ihre auf den Schienen von abstraktem Expressionismus und Pop Art gestaltenden Altersgenossen aus dem irischen Limerick bei ihrem eindrucksvollen „Dennoch“ auf ihre Belastungen und Probleme von professionellen Künstlern an die Hand genommen wurden, spricht nicht gegen die musische Durchschlagskraft der jungen Leute. Das 1919 die Auflösung der überkommenen Weltordnung mit Erstem Weltkrieg und Spanischer Grippe beklagende Gedicht von Yeats hat in der gegenwärtigen pandemischen Corona-Gefahrenlage eine fatale Entsprechung. Schon länger empfehlen Sozialpädagogen für die Förderung Jugendlicher in nachteiliger Lebenslage medienpädagogische Aktivitäten zur Stärkung ihres Selbstwerts und zur Erfahrung ihrer Selbstwirksamkeit.

So komponierte der in Berlin wirkende Israeli Micha Kaplan eindringliche Aufrufe zu Stärke, Individualität und optimistischen Aktionen im schlagkräftigen neoklassischen Songstil von Hanns Eisler und Kurt Weill. Drei professionelle Musikerinnen trugen die musikalische Hauptlast mitten auf der Festspielhausbühne: Sopranistin Dana Marbach, Cellistin Tom Kellner und Hornistin Merav Goldbach.

Die appellativen Musikstücke Kaplans wurden eng mit Sprech- und Chor-Nummern des Schulchors verschränkt, den Rebecca Tüttelmann in plastischer Geräuschproduktion, ausgezeichnet deutlicher (deutscher und englischer) Artikulation und mitteilsamer Mimik vorbereitet hatte. Die steuernde Regie von Marcel Kanapke und Björn Lengers brachte das Kunststück fertig, die zuvor eingespielten trotzig-mutigen Statements der jungen Offenburger Choristen und Akteure in den Gesamtablauf der mut-machende Performance hinein zu holen. Da gab es keinen Leerlauf. Das saß alles rhythmisch und in den Abläufen exakt, plakativ und gut verzahnt. Die Namen von Rebecca Tüttelmanns Schützlingen haben es darum verdient, genannt zu werden. Von der schachbrettartigen Video-Leinwand des Festspielhauses sangen und agierten Ipek Binay, Viktoria Brade, Kim-Jana Buss, Fabian Eitel, Caroline Ganter, Vincent Gutmann, Marwin Heuberger, Anastasia Janzen, Stefanie Junker, Alma Königsmann, Loana Magel, Sophie Seel und Jasmin Ungefug.

Die Botschaft dieser Digital-Oper der jungen Kunstbeflissenen war also eminent durchschlagskräftig: Die Gedicht-Klage über die zerborstene Welt von 1919 des Dichters Yeats in die oftmals chaotische Gegenwart herunter zu brechen. Frust, Kontrollzwänge, Aggressionen, Karrierestreben, Klimakatastrophe, Überforderung, Nervosität, Isolation, Wut und Ohnmacht wurden beklagt. Die Augenpaare der Sängerschar blinzelten irre von den Leinwandkästchen – eine ganz starke Bildfolge war das. Freundschaft, Vertrauen und Kreativität wurden dagegen gesetzt. Kaplan fand hier ausdrucksstarke, lange Cello- Sentenzen. Und einen lichten, liedhaft-fröhlichen Chorsatz, der auf einem optimistischen, grün-gelben Hintergrundbild eingesungen wurde. Das summierte sich also oft genug zum eindrucksvollen Gesamtkunstwerk, das die Felicitas und Werner Egerland Stiftung aus Osnabrück mit ihrem Sponsoring ermöglichte.

Irre Avatare

Dazwischen irrten mehrfach geklonte, außerirdische Avatare als Fantasiewesen umher, machten sich an verschlungenen Apparaturen zu schaffen und drohten mit Wurf-Speeren. So waren also auch die Gefahren optisch ins Bild geholt. Wie die jungen Bühnengestalter aus Limerick für die humane Atomisierung und Vereinzelung mit fliegenden Papier-Schnipseln, für die Monster-Bedrohung mit Kraken-Fangarmen und für die Fegefeuer-Apokalypse mit glühenden Scheiterhaufen arbeiteten. Leider gerieten diese bildkräftigen Ausstattungen der jungen Iren hinter dem von der Bildregie im Live-Stream zu groß gezoomten Musikerinnen-Trio zu klein und zu verdeckt in den Bild-Hintergrund. Auch der Sinn und Zweck des Gebrauchs der Virtual-Reality-Brillen erschloss sich dem Betrachter der Übertragung nicht.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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