> > > > > 05.09.2021
Mittwoch, 1. Dezember 2021

1 / 4 >

Renée Fleming, Filarmonica della Scala, Copyright: Lukas Beck

Renée Fleming, Filarmonica della Scala, © Lukas Beck

Die Filarmonica della Scala und Renée Fleming

Funkensprühendes Finale

Ganz im Zeichen der Romantik hatte das Abschlusswochenende in Grafenegg bis dahin gestanden, dieser Epoche bleibt auch der Großteil des letzten Abends programmatisch treu. Musikalisch gewissermaßen „erfunden“ hat Carl Maria von Weber die Romantik mit seinem „Freischütz“. Die komplette Oper war im Wolkenturm 2017 in einer speziell angefertigten Textfassung konzertant vom Tonkünstler-Orchester unter Yutaka Sado aufgeführt worden, die Ouvertüre spielt diesmal zu Beginn die Filarmonica della Scala unter Leitung von Andrés Orozco-Estrada.

Wolfsschlucht-Spuk im Wolkenturm

Opernerfahren sind die Musiker dieses einst von Claudio Abbado gegründeten Klangkörpers alle, mit hoher Spielgenauigkeit in den rhythmischen Verschiebungen illustrieren sie die Handlung klangmalerisch und sorgen für atmosphärisch dichten Wolfschlucht-Spuk im Wolkenturm. Renée Fleming ist anschließend Solistin in Strauss´ „Vier letzten Liedern“ AV 150, sie war schon bei der ersten Festival-Auflage 2007 in Grafenegg dabei. Auch hier füllt das Orchester die Partitur mit symphonisch-programmatischem Leben und führt einen beredten Dialog mit der Singstimme. Mit angenehm unaufgeregter Phrasierung gestaltet Fleming Hermann Hesses „Frühling“. Nicht immer steuert sie dabei Höhen ganz geradlinig an, mitunter dringt sie dynamisch nicht ganz durch. Feinfühlig lässt sie dafür zarte Pianissimo-Wolken über dem Wolkenturm schweben und beschreibt auch in „September“ stimmungsvolle poetische Zustände. In „Beim Schlafengehen“ führt sie sensibel die melodische Linie der Solovioline fort und hebt die wunderbaren Textzeilen „Und die Seele unbewacht, will in freien Flügen schweben“ in schwerelose Sphären. „Im Abendrot“ sind die einzigen Verse, die nicht von Hesse, sondern von Eichendorff stammen, hier bleibt wiederum Fleming dynamisch etwas zu sehr im Hintergrund. Im Wesentlichen finden Orchester und Singstimme aber eine gute Balance.

Direkter Brahms-Vergleich

Einen direkten Brahms-Vergleich kann man an diesem Wochenende nach der Pause ziehen. Zwei Tage zuvor hatten die Münchner Philharmoniker die „Erste“ gespielt (klassik.com berichtete), die Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 ist an diesem Abend an der Reihe. Der Filarmonica gelingt eine nicht weniger überzeugende Deutung als den Münchnern. Im Kopfsatz entfaltet sich üppige romantische Klangfülle, das Seitenthema besitzt viel lyrische Violoncello-Wärme. Orozco-Estradas präzises Dirigat verleiht Phrasen klare Impulse und leistet präzise motivische Arbeit. In klanglicher Hinsicht wird die „Amerikanische Aufstellung“ den akustischen Rahmenbedingungen noch besser gerecht als die „deutsche“ Sitzordnung der Münchner. Orozco-Estradas hellwache, sicht- und hörbare Musizierfreude überträgt sich auf das Orchester, im langsamen Satz schwelgt die Filarmonica in warmen Streicherfarben. Klare Bläserstrukturen überzeugen im dritten Satz, auch hier samtiges Streichertimbre. Vitale Frische und Esprit im „Allegro con spirito“ runden das Romantik-Wochenende und den Ausklang des Festivals ab. Für begeisterten Applaus bedanken sich die Mailänder mit der Ouvertüre zu Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ – schwungvolles „Opera buffa“-Flair aus erster italienischer Hand. Dieses spritzige Finale sprüht nicht nur musikalische Funken, auch durchweg sonniges Spätsommerwetter spielt am letzten Wochenende bis zum Schluss perfekt mit.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Filarmonica della Scala: Renée Fleming

Ort: Wolkenturm,

Werke von: Richard Strauss, Johannes Brahms, Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Andrés Orozco-Estrada (Dirigent), Renée Fleming (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich