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Sonntag, 19. September 2021

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Leonidas Kavakos, Copyright: Marco Borggreve

Leonidas Kavakos, © Marco Borggreve

Die Münchner Philharmoniker und Leonidas Kavakos

Ungleicher Dialog

Ihr zweites Konzert am abschließenden Festivalwochenende haben die Münchner Philharmoniker unter Chefdirigent Valery Gergiev vor der malerischen Wolkenturm-Kulisse in Grafenegg gespielt. Diesmal als Solist mit dabei: Leonidas Kavakos in Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35. Leopold Auer, zu Zeiten Tschaikowskys einer der hellsten Sterne am Geigenhimmel und später Wegbereiter der weltberühmten sogenannten „Russischen Schule“ lehnte sowohl die ihm vom Komponisten angetragene Widmungsträgerschaft des Konzerts als auch dessen Aufführung als unspielbar ab. Damals unüberwindbar erscheinende Herausforderungen sind heute längst spieltechnischer Standard, Schwierigkeiten hat an diesem Abend allerdings auch Kavakos.

Temposchwankungen

Mehrfach unterlaufen ihm schon zu Beginn des Kopfsatzes technische Unsauberkeiten und Intonationsprobleme, stellenweise spielt er über Noten hinweg. Das bessert sich zwar in der Wiederholung der Exposition, Unebenheiten im Solopart werden aber im weiteren Verlauf nie ganz verschwinden. Das gilt auch für die Kadenz, wo schon mal ein Flageoletton verrutscht, erst in deren zweiten Hälfte findet er zu einer stabileren Tongebung. Dazu kommen teils stark verlangsamte, inkohärent wirkende Tempi. Im Mittelsatz findet Kavkos am ehesten eine expressive, durchgängig lyrische Linie, besonders sein Pianissimo weiß hier zu überzeugen. Zumindest teilweise funkelt Passagenwerk im „Finale“ virtuos. Speziell, wenn man das hört, steht man etwas ratlos vor den übrigen Unsauberkeiten. Insgesamt lässt sein Spiel aber auch dort Impulsivität vermissen, erneut zurückgenommene, musikalisch unschlüssige Tempi wirken eher wie eine Verlegenheitslösung. Dass Kavakos das alles besser kann, weiß man natürlich, das ist aber definitiv nicht sein Tag. Zumindest sein Bach-Spiel in der Zugabe deutet mit plastischer Stimmführung an, wozu er eigentlich fähig ist. Mit derlei Problemen hat das Orchester derweil nicht zu kämpfen. Gergiev nimmt die zwischenzeitlich verlangsamten Tempi von Kavakos zwar in Kauf, ansonsten agieren die Philharmoniker aber deutlich mehr am Puls der Musik, exemplarisch mit tänzerisch gefederter Spielfreude im Finale oder genau geführten Bläserstimmen zu Beginn des zweiten Satzes. Es ist insofern ein etwas ungleicher Dialog zwischen Klangkörper und Solopart.

Stringente Entwicklung

Zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen kann man nach der Pause an diesem Abschlusswochenende im Wolkenturm Bruckner hören. Nach der „Vierten“ von den Wiener Philharmonikern diesmal die Symphonie Nr. 6 A-Dur WAB 106. Wie gut auch die Münchner Bruckner nicht nur einst in der Ära Celibidache konnten, sondern auch unter Gergiev können, haben sie schon hinlänglich mit ihrem in St. Florian aufgenommenen und unlängst auf Tonträger veröffentlichten Zyklus bewiesen. Den Kopfsatz eröffnen sie aus dumpf pulsierenden Bassregionen heraus mit kraftvollem „Maestoso“-Volumen. Transparent werden wuchtige Klangmassen bewegt, Gergiev arbeitet gegenläufige Stimmen sorgfältig heraus und lässt zielstrebig aufgebaute Klangwellen anrollen, die sich zwingend in der mächtigen Coda brechen. Scharf konturiert zünden die typischen Bruckner-Blechsalven, Bruckners hier vorhandene Angaben zu Tempowechseln setzt Gergiev überzeugend um. Warme Streicherfarben erfüllen das „Adagio“, wie schon am Vortag bei Brahms verdient sich auch hier die Solo-Oboe Bestnoten. Mit zumeist sauberer Stimmübergabe zeigen sich die Philharmoniker den akustisch erschwerten, technisch verstärkten Freiluftbedingungen gewachsen, gut zur Geltung kommt die an- und abschwellende Melodik. Rhythmisch elastisch beginnt das „Scherzo“, ein wenig prägnanter könnten die Pizzicato-Impulse vor dem jeweiligen Horneinsatz gesetzt werden. Alles in allem gelingt Gergiev aber eine stringente Entwicklung des Themenmaterials und eine gute Einteilung der dynamischen Kräfte.  

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Kritik von Thomas Gehrig

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Münchner Philharmonker: Valery Gergiev II

Ort: Wolkenturm,

Werke von: Peter Tschaikowsky, Anton Bruckner

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester), Leonidas Kavakos (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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