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Sonntag, 19. September 2021

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Cellist Gautier Capucon, Copyright: Fabien Monthubert

Cellist Gautier Capucon, © Fabien Monthubert

Die Münchner Philharmoniker in Grafenegg

Schostakowitsch zum Geburtstag

Als zweites von insgesamt drei Orchestern sind an diesem letzten Festivalwochenende die Münchner Philharmoniker in Grafenegg zu Gast. Ihr erstes von zwei Konzerten spielten sie zusammen mit Starcellist und Geburtstagskind Gautier Capuçon. Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107 steht am Beginn, seinem Freund Mstislav Rostropowitsch hatte Schostakowitsch das Stück gewidmet, der es 1959 in Leningrad uraufführte. Capuçon eröffnet den Kopfsatz mit gestochen scharfen, bissigen Akzenten, die sich aus Schostakowitschs gern verwendetem Tonfolge-Motiv DSCH speisen. Die Philharmoniker liefern dazu eknallige perkussive Impulse und dezent grundierende Farben. Capuçon bringt die buchstäblich aufgekratzte Grundstimmung auf den musikalischen Punkt und verleiht den marschartig straffen, agogisch treibenden Bewegungen vitalen Ausdruck. Mit expressiver Tongebung kommt  besonders in tiefen Lagen die warme Klangschönheit seines Instruments (Matteo Goffriller/1701) voll zum Tragen. Gergiev lässt dem Solopart dazu den nötigen klanglichen und phrasierungsflexiblen Entfaltungsspielraum.

Politische Botschaft

Geschliffen gelingen im zweiten Satz die Dialoge, die Schostakowitsch immer wieder für Cello und wechselnde Solostimmen hineinkomponiert hat – allen voran mit dem glänzend aufgelegten Solo-Hornisten Matías Piñeira. Stefan Gagelmann kann sich an der Pauke auszeichnen. Capuçon lässt filigrane Flageolett-Sphären über sanften Celesta-Tupfern und einem zart geknüpften Streicherteppich schweben. Exponierte Pizzicato-Schläge setzt er wirkungsvoll in der ausladenden Kadenz, breit gestrichene kantable Phrasen und subtiles Pianissimo stellt er raumgreifendem Volumen gegenüber. Viel wird immer wieder darüber diskutiert, ob – und wenn ja, welche und wie viel – unterschwellige regimekritische Botschaften in Schostakowitschs Werken vor dem Hintergrund seiner Dauer-Fehde mit dem sowjetischen Parteiapparat Stalins mitschwingen. In einige Stücke wird dabei sicherlich zu viel hineininterpretiert, hier ist der Fall klar: Stalins Lieblingslied „Suliko“ zitiert er im „Allegro con moto“ – eine wirkliche Abrechnung mit dem Diktator und seinem verhassten System. In rasanten Sechzehntelketten und Skalen kann Capuçon in diesem fulminanten, auch durch Gergievs Dirigat statisch aufgeladenen Schlusssatz seine technische Brillanz ausspielen. Festivalchef Rudolf Buchbinder lässt es sich nicht nehmen, Capuçon anschließend persönlich zum Geburtstag zu gratulieren, die Philharmoniker bringen ihm dazu ein  Ständchen. Bei der Zugabe sind dann Cellisten unter sich: Zusammen mit den Kollegen aus den Reihen der Philharmoniker bedankt sich Capuçon mit einem lyrisch-sensibel vorgetragenen Prélude von Schostakowitsch.

Romantisches Pathos

Nach der Pause gibt es Brahms' Symphonie Nr. 1 c-Moll, den Kopfsatz eröffnen die Philharmoniker mit satter Tutti-Fülle, Gergievs Dirigat macht Gegenstimmen und schweres – aber nicht zu schweres – romantisches Pathos gut hörbar. Im „Andante sostenuto“ glänzt vor allem die Solo-Oboe. Kurzzeitig fehlt hier die Streicherhomogenität, die Konversation zwischen Solovioline und Horn gelingt ausnahmsweise nicht ganz synchron. Kräftige Pizzicato-Impulse und ein warm gesungenes Choral-Thema markieren das Streicherbild im Schlusssatz, dynamische Intensität und leidenschaftliche Gestik runden diesen ersten Auftritt der Philharmoniker in Grafenegg ab.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Münchner Phiharmoniker: Valery Gergiev I

Ort: Wolkenturm,

Werke von: Johannes Brahms, Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester), Gautier Capuçon (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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