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Montag, 25. Oktober 2021

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Die Meistersinger von Nürnberg (2021), Copyright: Enrico Nawrath

Die Meistersinger von Nürnberg (2021), © Enrico Nawrath

Barrie Koskys Meistersinger in Bayreuth

Kollektives Meisterstück

Seit 2017 stehen Wagners „Meistersinger“ in der Regie von Barrie Kosky auf dem Spielplan. Nachdem im vergangenen Jahr zwangspausiert werden musste, ging zu Wochenbeginn die vorletzte Vorstellung dieser Produktion über die Bühne. Nur einige wenige Details wurden seither abgewandelt, so dürfen z.B. Wagners Hunde, die beiden Neufundländer Molly und Marke, nicht mehr mitspielen. Ansonsten ist aber nach wie vor gleich im ersten Bild geballte historische Prominenz im Haus Wahnfried versammelt: Franz Liszt schaut mal eben vorbei, Hermann Levi ist da - und natürlich der Meister selbst, der sich im weiteren Verlauf quasi mit sich selbst multipliziert. Augenzwinkernd werden dessen persönliche Schrulligkeiten aufs Korn genommen, etwa, wenn er sich ausgiebig an frisch ausgepackten Duft-Flacons ergötzt. Auch sonst gibt es etliche humorvolle Momente, der Reihe nach entsteigt die exklusive Gilde der Meistersinger Wagners Flügel, mit ihren langen Renaissance-Mähnen üben sie sich schon mal im „Headbanging“. Uhren spielen gern eine Rolle in Koskys Inszenierungen, zu sehen nicht nur im neuen Münchner „Rosenkavalier“, sondern auch hier, wo die Zeit auf dem großen Ziffernblatt im Hintergrund rückwärtsläuft.

Quadratur des Kreises

Gleichzeitig fasst Kosky durchaus politisch und gesellschaftlich heiße Eisen an. Mit den Aspekten Antisemitismus im Besonderen und soziales Außenseitertum im Allgemeinen setzt er sich auseinander. Auch die dunkle Seite der Bayreuther Vergangenheit wird nicht ausgespart, bis in die Nachkriegszeit spannt Kosky den historischen Bogen, der im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse endet. Seine große Leistung dabei: Das Geschehen kippt deswegen nicht in ein problembeladenes Lehrstück oder artet in schwer verdauliche Kost aus, sondern bewahrt sich trotz Eingehens auf brisante Themen die hintersinnig-verspielte Leichtigkeit. Ein „Satyrspiel“, eine ausgewiesene musikalische Komödie sind die „Meistersinger“ ja von Haus aus, Kosky gelingt das seltene Kunststück, beste, gerne auch mal turbulente Unterhaltung mit dem gebotenen Ernst im Umgang mit aktuellen Themen zu verbinden. Das Ganze pointiert, kurzweilig und in angenehm unverklausulierter, ästhetischer Bildersprache - Koskys Konzept schafft die Quadratur des Kreises, indem er authentisches Meistersinger-Ambiente im Gewand des Librettos, ein psychologisches Porträt des Komponisten, aber eben auch historisch-kritische Gegenwartsbezüge unter einen Hut bringt. Ein echtes Regie-Meisterstück, dem man auf der „Merker-Tafel“ nichts ankreiden kann.

Schmerzlicher Abschied

Meistersinger stehen überwiegend auch auf der Bühne – allen voran Klaus-Florian Vogt als bewundernswert souveräner, jugendlich-draufgängerischer Walther von Stolzing und Michael Volle als zurzeit wahrscheinlich der Hans Sachs schlechthin. Auch Georg Zeppenfeld überzeugt mit charismatischer Bass-Autorität als Veit Pogner, seine Tochter Eva (Camilla Nylund) ist stimmlich eine Wagner-Bank, lässt allerdings die darstellerische Lebendigkeit etwas vermissen. Bei Günther Groissböcks (Nachtwächter) herrlich voll abgerundetem, kernigem, Bass bedauert man, dass er nur eine so kleine Rolle hat. Ein weiteres Mal ausgefallen ist Johannes Martin Kränzle als ursprünglich vorgesehener Beckmesser. Für ihn eingesprungen ist diesmal Martin Gantner. Darstellerisch verkörpert er die ihm von Koskie „zugeschusterte“ Rolle als in sich selbst gefangener, unbeliebter und verbissen wirkender Außenseiter gut, stimmlich bleibt er dahinter leider zurück. Dennoch fällt an diesem Abend der Urteilsspruch auf der Festspiel-Festwiese eindeutig aus: „Versungen“ hat hier keiner. Das gilt auch für Daniel Behle als David – ungeklärt bleibt allerdings, weshalb er im zweiten Akt vorübergehend als "indisponiert" ersetzt wurde, im dritten dann aber wieder auftrat. Philippe Jordan leitet das Festspielorchester mit feinem Gespür für Tempi und die klangliche Balance zu den Singstimmen, allein die feierlich-pompöse Geste vermisst man manchmal. Auch der Chor weiß unter den erschwerten, zur Hälfte technisch zugespielten Umständen bemerkenswert zu überzeugen. Dieses kollektive Meisterstück wird dem Spielplan fehlen - so mancher wird sich dann vielleicht wünschen, man könne Koskys rückwärtslaufende Uhr wirklich zurückdrehen!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Die Meistersinger von Nürnberg: Oper in drei Akten

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Phillippe Jordan (Dirigent), Barrie Kosky (Regie), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Günther Groissböck (Solist Gesang), Martin Gantner (Solist Gesang), Daniel Behle (Solist Gesang)

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