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Montag, 25. Oktober 2021

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Szenenfoto, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenfoto, © Enrico Nawrath

Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen

Anarchie auf dem Grünen Hügel

2019 hatte der Bayreuther „Tannhäuser“ in der Dresdner Fassung und der Regie von Tobias Kratzer Premiere. Nach der pandemiebedingten Pause 2020 ist er in diesem Jahr wieder aufgenommen worden, immerhin zur Hälfte kann das Festspielhaus heuer wieder gefüllt werden. Kratzers Konzept basiert zentral auf dem Aufeinanderprallen zweier Welten: Die anarchistische Venusberg-Fraktion auf der einen Seite, die wertebewusst-konservative Wartburg-Fraktion auf der anderen. So weit so klar und verständlich von der Grundidee her, die Stilmittel sind allerdings nicht immer ganz glücklich gewählt. Generell viel gearbeitet wird mit Film- und Videosequenzen, gleich die erste gerät so ausführlich, dass man zunächst einmal eher das Gefühl hat, im Kino zu sitzen und sich fragt, wann eigentlich das Musiktheater beginnt. In einem in die Jahre gekommenen Kastenwagen sind Venus, Tannhäuser und ihre schräge Entourage samt Blechtrommel-Oskar und Dragqueen im Gefolge anfangs unterwegs.

Überfrachtete Bilder

Irgendwann wird aber auch dem Titelhelden das rücksichtslos, sogar um den Preis von Menschenleben erstrebte, bei Wagner selbst entlehnte Motto „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“ zu sehr ins Extrem verkehrt. Spätestens, als seine „Mentorin“ in an "Thelma & Louise" erinnernder, radikaler Roadmovie-Manier buchstäblich über Leichen geht, will er sich von ihr und ihrem Lebenswandel losreißen. Warum Tannhäuser ausgerechnet als Clown dargestellt und damit optisch zur Witzfigur degradiert wird, erschließt sich konzeptionell nicht. Dass die kompromisslos erkaufte Freiheit mit einer ausgiebigen „Burger King“-Mahlzeit zelebriert wird, kommt dann doch eine Spur zu plump daher, die bildhaft bemühte Symbolik der „Burger King“-Krone setzt der zugespitzten Klischeehaftigkeit wirklich vollends selbige auf. Im zweiten Akt verläuft das Regiekonzept buchstäblich auf zwei Ebenen: Auf der Bühne findet in stilecht traditionellem Ambiente der „Sängerkrieg“ statt. Darüber entert und infiltriert derweil – erneut per Videoprojektion – die Venusberg-Clique das Festspielhaus und mischt den auf den Catwalk verlegten Wettstreit so lange auf, bis die von Katharina Wagner gerufene Polizei einschreiten muss. Nicht, dass man dem Ganzen als Zuschauer nicht folgen könnte, ein bisschen Bayreuther Backstage-Perspektive ist ja ganz spannend, und die eine oder andere augenzwinkernde Pointe, wie die Anspielung auf die notorische Unpünktlichkeit eines prominenten Stardirigenten, zündet auch. Auf Dauer wird die Überfrachtung mit visuellen Reizen aber auf die Spitze getrieben, ganz abgesehen davon, dass sich der parallele Anarcho-Handlungsstrang auch erzählerisch irgendwann einmal erschöpft. Eine stärkere Konzentration auf die Charaktere der Protagonisten wäre hier mehr gewesen. Im dritten Akt ist schließlich alles und jeder abgewrackt – der nur noch fragmentarisch erhaltene Kastenwagen und die ihn umgebende Szenerie genauso wie die Figuren, die sich allesamt irgendwie verzettelt und sich selbst oder ihr Leben verloren haben.

Heller Stern am Wagner-Himmel

Ganz anders auf der musikalischen Seite: An vorderster Front liefern hier die Frauen Glanzleistungen ab: Lise Davidsen begeistert als Elisabeth mit sattem Volumen und  Strahlkraft in allen Registern stimmlich ebenso wie mit durch und durch glaubwürdigem Schauspiel. Keine Frage: Ein sicherlich dauerhaft hell leuchtender Stern am Wagner-Himmel. Auch Ekaterina Gubanova füllt ihre Rolle als darstellerisch umtriebige, stimmlich äußerst bewegliche und jederzeit tonsichere Venus mit prallem musikdramatischem Leben aus. Stephen Gould stemmt die fordernde Titelpartie im ersten Akt noch sicher, im zweiten und dritten lässt er stellenweise ein wenig nach. Günther Groissböck gibt einen souveränen Landgraf Hermann, Markus Eiche verleiht der Figur des Wolfram eindringliches Charisma. Axel Kober führt das Festspielorchester zu einem sauber ausgefeilten Klangbild, großartig vor allem die luftig-transparenten Holzbläsersphären im dritten Akt. Ein wenig wirkt sein Dirigat durch den gesamten Abend hindurch allerdings gedeckelt, dem Orchesterklang fehlt stellenweise die dynamische Explosivität, das Sinnlich-Rauschhafte der Venusberg-Dimension kommt nicht ganz zur Geltung. Bestens disponiert und von Eberhard Friedrich eingestellt ist auch der Festspielchor, die schwierige Herausforderung der zur Hälfte elektroakustischen Zuspielung gelingt auch technisch relativ gut.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Tannhäuser: Romantische Oper in drei Akten

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Axel Kober (Dirigent), Ekaterina Gubanowa (Solist Gesang), Stephen Gould (Solist Gesang), Günther Groissböck (Solist Gesang), Markus Eiche (Solist Gesang)

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