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Dienstag, 9. August 2022

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Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Copyright: Marco Borrelli

Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, © Marco Borrelli

Die Wiener Philharmoniker mit Mahler in Salzburg

Tief empfunden

Das dritte von insgesamt fünf Programmen haben die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen gespielt. Am Pult: Andris Nelsons, der dort nach der „Auferstehungssymphonie“ (2018) auch im vergangenen Jahr mit Mahlers Symphonie Nr. 6 auf ganzer Linie überzeugt hatte. Ohnehin war Salzburg 2020 der wahrscheinlich einzige Ort, an dem man derlei symphonische „Schlachtrösser“ überhaupt live vor Publikum antreffen konnte, Mahlers dritte Symphonie setzt auch heuer, in nach wie vor „pandemiegebeutelten“ Zeiten, ein klanggewaltiges Zeichen auf dem Weg zurück zur erhofften Normalität. Viel mehr Besetzung geht nicht, mit an die 150 Ausführenden sprengte Mahler alle bis dato bekannten Grenzen, mit insgesamt sechs, in zwei Abteilungen gegliederten Sätzen und einer entsprechenden Spieldauer auch die der formalen Anlage. Nicht ganz unbescheiden war er sich dessen auch selbst durchaus bewusst, als er 1896 brieflich äußerte: "Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat!"

Suggestive Erzählkraft

Mit scharfkantigem Blech über subtil tremolierenden Streichern geben die Wiener eine erste Visitenkarte ihres geschliffenen Klangs zu Beginn des Kopfsatzes ab. Auch dessen weiteren Verlauf erfassen sie in all seinen gewaltigen Dimensionen, perkussiv minutiöse Akzente des filigranen Schlagwerks entladen sich in dynamischen Detonationen, die – ganz gemäß Mahlers Vortragsanweisung – schon mal „mit furchtbarer Gewalt“ einschlagen können. Kurze gesangliche Episoden strahlen einen hellen, freundlichem Tonfall aus. In prall gesättigten orchestralen Farben bricht immer wieder massive Tutti-Wucht über den Hörer herein. Unter den exzellenten Instrumentalisten ragt die Solo-Posaune heraus. Die ursprünglich angedachten programmatischen Titel der einzelnen Abschnitte zog Mahler noch vor der Uraufführung zurück. „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ hätte dieser im Fall des zweiten Satzes gelautet. Legt man diese Überschrift vor dem geistigen Auge über die Partitur, manifestiert sich die ganze suggestive Erzählkraft sowohl von Mahlers Musik als auch von Nelsons' Dirigat. Über schwelgerischer Streicherpracht erklingt lupenrein das von fern intonierte Posthorn-Solo im "Trio" des dritten Satzes, ausgefeilt gelingt die Konversation mit den „anwesenden“ Hörnern.

Greifbare Emotionen

Die einleitenden Basslinien greift mit wunderbar warmer, voluminöser Altstimme und hoher Textverständlichkeit Violeta Urmana als Solistin im vierten Satz auf. Eindringlich stellt sie Nietzsches Verse dar, eine Nuance stärker könnte im Orchester das von Mahler notierte "durchaus ppp" ausfallen. Luftig schwebende Sphären erzeugen im fünften Satz die Frauenstimmen des von Howard Armen glänzend eingestellten Chors des Bayerischen Rundfunks. Flankiert vom Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, führt Nelsons die Klangblöcke zum raumgreifenden, stimmlich klar strukturiertern Großen und Ganzen zusammen. „Was mir die Liebe erzählt“ steht programmatisch hinter dem Schlusssatz. „Empfunden“ lautet eine von Mahlers Vortragsbezeichnungen – „tief empfunden“ müsste man bei Nelsons und den Wienern eigentlich noch hinzufügen. Innige Wärme verströmen die weit gespannten melodischen Streicherbögen bis zum meisterhaft aufgebauten, ekstatisch anschwellenden Ausklang. Nelsons absorbiert den ganzen Klangreichtum der Partitur, die Philharmoniker machen die tiefgreifenden Emotionen musikalisch greifbar. Mahler, Nelsons und die Wiener – das passt! Die wünschenswert logische Folge wäre: Eine Fortsetzung des „Zyklus“´ bei den Festspielen im nächsten Jahr. Die ultimative Steigerung wäre: Mahlers „Achte“ – und dann vielleicht sogar wieder ganz ohne Corona-Auflagen. Träumen ist ja zumindest erlaubt.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Wiener Philharmoniker: Andris Nelsons

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Chor des Bayerischen Rundfunks (Chor), Andris Nelsons (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Violeta Urmana (Solist Gesang)

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