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Dienstag, 30. November 2021

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Jewgenij Kissin bei den Salzburger Festspielen 2021, Copyright: Marco Borrelli

Jewgenij Kissin bei den Salzburger Festspielen 2021, © Marco Borrelli

Jewgenij Kissin bei den Salzburger Festspielen

Unbegrenzte Möglichkeiten

Die geballte Klavierelite gibt derzeit bei den Salzburger Festspielen ein Stelldichein. Nach u.a. unlängst Grigory Sokolov und Arcadi Volodos war gestern im Großen Festspielhaus Jewgenij Kissin zu Gast.

Ihm falle nichts Rechtes mehr für die Fortsetzung ein, erklärte Alban Berg seinem Mentor Arnold Schönberg, nachdem er den ersten Satz seiner unter Opus 1 firmierenden Klaviersonate vollendet hatte. Dann sei sie eben einfach fertig, antwortete dieser sinngemäß lapidar. Von den ersten Takten an durchdringt Kissin mit energischem Zugriff und plastischen Konturen die komplexe thematische und harmonische Anlage. Formal-analytische Klarheit verbindet er mit impulsiven Emotionen. Mit zahlreichen Vortragsangaben hat Berg die Partitur versehen, häufig taucht darin die Anweisung „espressivo“ auf. Diesen Zustand bringt Kissin auf den Punkt. Ganz im Sinne von Schönbergs Statement hat man hier das Gefühl: Es ist alles gesagt.

Neue Wege

Den wenigsten ein Begriff sein dürfte der russische Komponist Tichon N. Chrennikow (1913-2007). Ein spannendes Licht auf dessen noch von vorstalinistischer Avantgarde geprägtes Frühwerk wirft Kissin zunächst mit dem energetisch aufgeladenen „Tanz/Proato“ aus den "Drei Klavierstücken" op. 5. Ein rhythmisch markantes Profil verleiht er dem "Vivace" als erstem der "Fünf Stücke für Klavier" op.2. Kräftig massierte Repetitionen prägen das „Andante con moto“, leise, lyrische Töne dominieren im „Moderato“. Behutsame Pianissimo-Sphären werden im „Andante“ von jähen dynamischen Eruptionen unterbrochen, raumgreifend ausgebreitete Akkordflächen und klangvoll exponierte Einzeltöne bringt Kissin schließlich im „Allegro vivace“ zur vollen Entfaltung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verweilt das Programm, macht aber eine stilsitisch beträchtliche Zäsur: In George Gershwins drei „Preludes for Piano“ beweist Kissin ein feines, spielerisch-lässiges Händchen für eine ganz ungewohnte Seite und schlägt weitere neue Repertoirewege ein: Mit schwungvollem Drive, auch mal swingender Geste und improvisatorischer Grundhaltung bewegt er sich staunenswert sicher auf jazzig angehauchtem Terrain. Nachhaltige “Blue notes“ setzt er im zweiten Stück, raffinierte rhythmische Akzente setzt er im dritten Prelude, das Ganze technisch gewohnt superb.  

Chopin de luxe

Seine Extraklasse als Chopin-Spieler untermauert Kissin in der zweiten Programmhälfte. Zarte Phrasen voll innehaltender Melancholie zu Beginn des H-Dur-Nocturne op. 62/1, daraus entwickelt sich vollgriffiges Pathos. Meisterhaft hält er die Spannung in den langgezogenen Trillerketten. Wunderbar warme, abgerundete Fülle besitzen Bassregionen im Impromptu Nr. 1 As-Dur op. 29, darüber formt er luzide Oberstimmen. Lediglich stellenweise artikuliert er ein paar Phrasen etwas zu affirmativ. Voluminöser Zugriff und perlende Skalen begeistern im Fis-Dur-Impromptu. Was er dann im Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 und der Polonaise As-Dur op. 53 abliefert, ist schlicht phänomenal: Super-Virtuose und Poet – Kissin ist beides in einer Person. Technisch traumwandlerisch sicher meistert er schwierigste Akkordsprünge, Passagenwerk funkelt lupenrein, eine geradezu rauschhafte Intensität geht von seinem Spiel aus. Den kantablen Mittelteil des Scherzo vernachlässigt er bei aller Brillanz nicht. Die As-Dur-Polonaise hatte unlängst auf gleicher Bühne auch Grigory Sokolov gespielt, technisch ist Kissin ihm von Haus aus überlegen. Das nutzt er aber eben nicht für selbstdarstellerische Effekte, bei ihm ist Virtuosität stets Mittel zum musikalischen Zweck, den er in jeder Hinsicht erreicht. Nicht nur in den oktavierten Hochgeschwindigkeits-Sechzehnteln des E-Dur-Teils setzt er elektrisierende agogische und dynamische Kräfte frei. Fast niemand bewältigt dieses Stück ohne Fehlgriffe – Kissin schon. Völlig zu Recht gibt es stehende Ovationen. Großzügig beschenkt er das Publikum mit einer Reihe von Encore-Juwelen. Wo andere mit Chopins b-Moll-Scherzo op. 31 schon im Hauptteil an Grenzen stoßen, schüttelt Kissin es scheinbar mal eben so aus dem Ärmel – nicht nur in all seinen technisch unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch mit höchster gestalterischer Intensität. Dazu gibt es Mendelssohns empfindsam gesungenes „Duett“ aus den „Liedern ohne Worte“, Kissins fulminante Eigenkomposition „Dodecaphonic Tango“ und Debussys mit sensiblem Diskant-Klanglicht umhülltes „Claire de lune“. Ein Klavierabend, den man lange nicht vergisst.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Solistenkonzert: Jewgenij Kissin

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Alban Berg, George Gershwin, Frédéric Chopin

Mitwirkende: Evgeny Kissin (Solist Instr.)

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