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Sonntag, 14. August 2022

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Teodor Currentzis, musicAeterna, Copyright: Marco Borrelli

Teodor Currentzis, musicAeterna, © Marco Borrelli

Teodor Currentzis und musicAeterna in Salzburg

Organisch musiziert

Als „Enfant terrible“ wird Teodor Currentzis gerne bezeichnet, was immer genau darunter zu verstehen sein soll. Gemeint sein mag damit das nach außen hin zuweilen exzentrische Auftreten, unter Künstlerkollegen ist er da allerdings nicht allein. Soweit er nicht selten zu unkonventionellen musikalischen Lösungen greift, sollte das für sich genommen noch kein Werturteil darstellen. Der Vorwurf, mehr sich selbst zu inszenieren als das Werk in den Mittelpunkt zu stellen, steht in diesem Zusammenhang immer wieder im Raum, mitunter fallen da schon 'mal Worte wie „Guru“ oder „Zeremonienmeister“. Zumindest zwiespältig und eher wenig freundlich fielen auch die Reaktionen auf seinen Umgang mit Mozart im diesjährigen Salzburger „Don Giovanni“ aus, ein reines Mozart-Programm spielte er mit seinem Ensemble musicAeterna im Rahmen der Reihe „Orchester zu Gast“ nun im Großen Festspielhaus

Konsequente Haltung

Wer hier allerdings spektakuläre Stilbrüche, gar Skandalträchtiges erwartet, wird "enttäuscht“. Nicht alle Werke waren vorab angekündigt, Chor und Sopran-Solo „Alzai le flebili voci al Signor“ aus der Kantate „Davide penitente“ KV 469 (die musikalische Entsprechung zum „Kyrie“ aus der c-Moll-Messen KV 427) und die „Maurerische Trauermusik c-Moll KV 477 tauchten erst kurzfristig auf dem Programmzettel auf. Nun gut, Currentzis´ Pianissimo ist in ersterer schon eher dreifach dosiert, dynamische Kontraste sind teils sicherlich stärker als gewohnt. Nadezhda Pavlovas großartige Stimme kommt bei so viel Zurückhaltung denn auch (noch) nicht zur rechten Entfaltung. Der Rest ist aber – auch mit Blick auf die Balance zwischen Chor und Orchester – nachdrückliches, organisches Musizieren mit einer gehörigen Portion Originalklang und lediglich manchmal etwas klappernden Bässen. Das gilt auch für die Trauermusik: Auch wenn er einzelnen Passagen eine Extraportion Schwere verleiht, wirkt Currentzis´ musikalische Haltung konsequent und keineswegs affektiert, seine Artikulation ist zwar zugespitzt, schießt aber nicht übers Ziel hinaus. Dass Chor bzw. Solistin vor bzw. nach der Pause während der beiden im Mittelpunkt stehenden Symphonien jeweils auf der Bühne sitzen bleiben, wirkt dann zwar tatsächlich wie reine, inszenierte Staffage, ein „echter Currentzis“ eben. Das ist aber rein äußerlicher Rahmen und hat mit der Musik nichts zu tun.

Intensive Spannungsfelder

Die bleibt auch in der g-Moll-Symphonie durchweg fokussiert. Die im Kopfsatz zum Teil etwas abgesetzte Phrasierung wirkt stellenweise etwas spröde, das ist aber – zumal auf dem Originalklangsektor – soweit nichts, was man nicht auch bei anderen Ausführenden einmal finden könnte. Aufgesetzt wirkt das Mozartspiel von musicAeterna jedenfalls nicht, Currentzis´ Dirigat fordert und fördert hörbare Intensität. Im Menuett ist das zupackende, gezackte Staccato einmal dann zwar doch des Guten zu viel, derlei gibt die Partitur nun wirklich nicht her. Im Schlusssatz überzeugen aber wiederum stringenter Elan und sorgfältige Stimmführung. Nicht den besten Tag haben die Hornisten erwischt, ein paar Kiekser zum Ende des zweiten Satzes und im Menuett schrecken kurzzeitig mehr auf als vermeintliche musikalische Currentzis-Eskapaden. Prädestiniert für eine suggestive Geste sind die drei exponierten Schläge zu Beginn der C-Dur-Symphonie KV 551, so einen Effekt lässt sich Currentzis natürlich nicht nehmen. Hier und da zeitigt die historisch informierte Haltung im Kopfsatz vielleicht etwas trockene klangliche Früchte, gut gelingt aber die intensive Darstellung der harmonischen Spannungsfelder im „Andante cantabile“. Erfrischend vital klingt der Menuettsatz, das „Molto allegro“ verfehlt seine Sogwirkung nicht – abgesehen von ein paar Ungenauigkeiten in der Intonation der Holzbläser eine runde musikalische Sache. Einen echten Glanzpunkt setzt dann noch die Zugabe. Nadezhda Pavlova löst mit der hinreißend gesungenen Arie der Donna Anna „Non mi dir bell´idol mio“ aus Mozarts „Don Giovanni“ Beifallsstürme aus, musicAeterna begleitet mit hellwacher Verve. Mag sein, dass Currentzis´ musikalische Sicht der Dinge auch an diesem Abend polarisiert. Die ihm gerne  nachgesagte „Brechstange“ packt er aber nicht aus, den Eindruck einer willkürlichen dynamischen oder agogischen „Wundertüte“ hat man nicht. Und auch wenn Currentzis an der einen oder anderen Stelle etwas dicker aufträgt: Das ist allemal spannender als zu geglättete Deutungen und würde mitunter durchaus auch mancher anderen Originalklangformation guttun.  

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Kritik von Thomas Gehrig



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musicAeterna: Teodor Currentzis

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Teodor Currentzis (Dirigent), MusicAeterna (Orchester)

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