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Samstag, 18. September 2021

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Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst, Copyright: Marco Borrelli

Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst, © Marco Borrelli

Die Wiener Philharmoniker in Salzburg

Einstand nach Maß

Eine feste musikalische Institution der Salzburger Festspiele sind die Wiener Philharmoniker, insgesamt fünf Programme spielen sie unter wechselnder Leitung bei der diesjährigen Ausgabe. Das erste fand am Sonntagabend im Großen Festspielhaus statt. Im programmatischen Mittelpunkt dieses Konzerts steht mit Richard Strauss einer der künstlerischen Väter der Festspiele, am Pult steht Franz Welser-Möst. Den Anfang macht Strauss´ Rosenkavalier-Suite op. 59 – wer, wenn nicht dieses Orchester sollte dieses musikalische Sujet als eines der „Ur-Wienerischsten“ überhaupt perfekt beherrschen? Zum Einstieg begeistern geschmeidige Streicherfülle und scharfe Blech-Konturen. Nur einen kurzen Moment lang greifen Bläserstimmen nicht ganz sauber ineinander, im weiteren Verlauf filtert Welser-Möst die komprimierte Essenz der Oper mit sauber geschliffenen Proportionen aus der Partitur heraus. Kantabler Schmelz, agogisch raffiniert forcierte Walzer-Seligkeit (manchmal eben auch mit ironischem Unterton!), spielfreudiger Impetus und innehaltende Melancholie, das Spiel der Wiener kann alles, Herauszuheben aus den Reihen der Musiker ist Sebastian Breit an der Solo-Oboe. Die Rosenblätter könnten vereinzelt mit etwas mehr silbrigem chromatischem Glanz fallen, ansonsten treffen die Philharmoniker souverän den richtigen Wiener Ton.  

„Jedermann“ mal anders

Danach wird die Besetzung vorübergehend verkleinert, Matthias Goerne betritt als Solist in Frank Martins (1890-1974) „Sechs Monologen aus Jedermann für Bariton und Orchester" die Bühne. Ebenso untrennbar wie der Name Richard Strauss ist das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ mit den Festspielen verbunden, erst am Vorabend hatte die Aufführung von Hugo von Hofmannsthals Salzburger "Markenzeichen" witterungsbedingt vom traditionellen Schauplatz ins Festspielhaus verlegt werden müssen. Die vergleichsweise selten zu hörende, etwas andere Bekanntschaft mit dem Stoff kann man hier machen, direkt in der ersten Episode („Ist alls zu End das Freudenmahl“) fasziniert Goernes warm timbriertes, selbst im Pianissimo mühelos raumgreifendes Volumen. Daneben besticht sein Gesang durch höchste Textverständlichkeit, mit eindringlicher Deklamation stellt er die aufgewühlte Unruhe des zweiten Stücks dar. Die Philharmoniker malen die Zustände der Handlung mal mit messerscharfen Akzenten, mal in sensibel nach innen gerichteter Reflexion aus (“Ist als wenns eins gerufen hätt“/““Ja! Ich glaub: Solches hat er vollbracht“). Die Balance zwischen Klangkörper und Singstimme ist auch im stark perkussiv angehauchten „So wollt ich ganz zernichtet sein“ jederzeit ausgewogen. Durchgängig phrasiert Goernes Stimme ungemein beweglich, unmöglich kann man sich der Intensität seines Vortrags entziehen.  

Klanggewaltiger Gipfelsturm

An Pausen und opulent besetzte Orchesterwerke war bis vor Kurzem noch nicht zu denken – beides kann man derzeit in Salzburg wieder erleben. Strauss´ „Alpensinfonie“ op. 64 bildet den klanggewaltigen Abschluss des Programms, Welser-Möst und die Philharmoniker schwelgen genüsslich in der üppigen programmatischen Bilderwelt. Mit zielstrebigem Elan gelingt der Anstieg, mit geheimnisvoller Klangkonzentration betreten sie den Wald. Klangfarblich prachtvolle Idylle herrscht “Auf der Alm“, von Gustav Mahler einst salonfähig gemachte Kuhglocken inklusive. Bewundernswert homogen agiert der riesige Streicherapparat, auch im „Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen“ verliert Welser-Möst nicht den stimmlichen Überblick. Mit majestätischer Klangfülle und hellglänzendem Blech wird über den „Gletscher“ schließlich der Gipfel gestürmt, Welser-Möst findet das richtige Maß für Crescendi. Alle dynamischen Schleusen dürfen sich dann vollends im tosenden Unwetter öffnen, auch in schwersten Turbulenzen bleiben Konturen transparent. Atmosphärisch ebenso dichte „Nacht“ wie zu Beginn umfängt den Hörer zum Ausklang und beschließt die Bilderfolge imposanter Naturschilderungen. Alles in allem ein Einstand nach Maß – für die Wiener Philharmoniker in ihrem ersten Konzert und für die Festspiele am offiziellen Eröffnungstag.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Wiener Philharmoniker: Franz Welser-Möst

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Richard Strauss, Frank Martin

Mitwirkende: Franz Welser-Möst (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Matthias Goerne (Solist Gesang)

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