> > > > > 23.08.2021
Sonntag, 28. November 2021

Daniil Trifonov, Copyright: Marco Borelli

Daniil Trifonov, © Marco Borelli

Daniil Trifonov in Salzburg

Nichts für Puristen

Zahlreich funkeln die Sterne derzeit am Salzburger Klavierhimmel, mit Daniil Trifonov war gestern ein weiterer zu Gast. Kein publikumswirksames romantisches Repertoire hat er im Gepäck, mit einem (fast) reinen Bach-Programm serviert er im Großen Festspielhaus gewichtige kontrapunktische Kost. Dennoch von der romantischen Seite nähert er sich der Musik des Thomaskantors, den Anfang macht Brahms' Bearbeitung der Chaconne aus der d-Moll-Partita BWV 1004 für die linke Hand. Reflexartig denkt man da an die Busoni-Adaption, Brahms' Version ist weniger überfrachtet und kommt streckenweise sogar mit linearer Stimmführung aus. Trifonovs Spiel besticht von Anfang an durch klangliche Präzision, selbst "einfache"  Terzen entfalten plastische Wirkung. Vollkommen organisch und ohne jegliche Brüche gelingt sein einhändiger Vortrag, bewundernswert sein technisch makellos erzeugtes Legato.

Zeitloser Kosmos

Bis heute gibt das Monumentalwerk „Die Kunst der Fuge“ etliche Rätsel auf: Nicht nur, dass Bach über der Vollendung starb und den letzten Abschnitt nur fragmentarisch hinterließ, diverse Vervollständigungsversuche wurden im Lauf der Zeit unternommen. Unklar rund um die Entstehungsgeschichte ist auch, für welches Instrument und zu welchem Zweck die Sammlung konzipiert ist, auch eine Reihenfolge der Fugen ist dem Grunde nach nicht festgelegt. Zudem existieren abweichende Autographe – alles Fragen, denen sich der Interpret stellen muss. Klar und prägnant stellt Trifonov das Thema im „Contrapunctus I“ vor, als nicht immer unproblematisches Merkmal erweist sich allerdings schon hier sein reger Pedalgebrauch. Die romantisierende Haltung des Brahms-Arrangements behält er tendenziell bei, da ist dann stellenweise schon einmal eine Überdosis Pedal dabei. Dennoch: Eine individuelle und spannende Handschrift trägt Trifonovs Spielweise im Zeichen spätromantischer Transkriptionsauffassungen allemal. Mehr über dynamische Kontraste als über Anschlagsnuancen arbeitet er Stimmen heraus. Bei einem wie ihm, der am Klavier wirklich alles kann, ist klar: Das ist keine Verlegenheitslösung, das ist Absicht. Und es zeigt: Dieser Kosmos ist ganz einfach so zeitlos, dass man tatsächlich alles damit machen kann. Nicht zufällig gibt es - von der heute herrschenden These, der Zyklus sei jedenfalls für ein Tasteninstrument komponiert, abgesehen - mangels vordefinierter Aufführungspraxis eine Vielzahl von Fassungen für alle möglichen Besetzungen. Und musikalisch verträgt er eben auch einen wie den von Trifonov verfolgten Ansatz, der für jede Fuge eine hauptsächlich auf agogischen und dynamischen Steigerungen basierende Dramaturgie entwirft.

Kein Gestikulieren

Für Puristen und Originalklangverfechter ist das sicher nichts – von denen haben sich aber höchstwahrscheinlich auch wenige eine Eintrittskarte gekauft. Auch mit Deutungen von Bach-Koryphäen auf dem modernen Konzertflügel, wie Piotr Anderszewski oder András Schiff, hat das wenig zu tun. Muss es ja aber auch nicht, im Gegensatz zu jenen trifft man hier im „Contrapunctus II“ schon 'mal auf orgelhafte Klangfülle, im dritten Abschnitt erzeugt Trifonov, getragen von einer prägnant artikulierenden Oberstimme, einen fast meditativen Schwebezustand. Ein richtiges Portato oder Staccato ist da einerseits oft kaum möglich, was andererseits die Frage aufwirft, ob es zwangsläufig der bei Bach mitunter praktizierte stimmlich allzu gestikulierende Tonfall sein muss. Dabei können beide Auffassungen durchaus zusammengehen, dicht gedrängte Stimmführung im „Contrapunctus IV“ ist auch bei Trifonov gut durchhörbar. Exemplarisch im fünften Abschnitt gelingt es ihm durchaus, großzügiges Pedal mit Transparenz zu vereinen. Ganz klar an Busoni erinnern wiederum die kraftvoll rhythmisierten Oktaven und die gewaltige klangliche Dimension des „Contrapunctus V“. Mit dezentem Pianissimo geführte Stimmverläufe und eine choralartige musikalische Ausgestaltung überzeugen im „Contrapunctus VI“, aus dem „Contrapunctus VIII“ stechen markante Verzierungen hervor. Im „Contrapunctus X“ reißt der rote Faden der Stimmverfolgung dann zwar ab und zu, Neben- und Gegenstimmen bleiben insgesamt zu sehr im Hintergrund. Das ist aber sonst relativ selten der Fall.

Tiefenscharfe Übersicht

Langsam und bedächtig, vom motivisch und klanglich Kleinen hin zum Großen beginnt Trifonov nach der Pause eine regelrechte polyphone Wanderung durch die beiden Spiegelfugen „Contrapunctus XII/XIII“. Deren von Haus aus übereinandergelegte Ausführung ist auf einem einmanualigen Tasteninstrument unmöglich, so dass sie üblicherweise sukzessiv vorgetragen werden. Trifonov erfasst und durchdringt die Komplexität dieser Gebilde tiefenscharf und mit Übersicht über für die formale Anlage. Wirkungsvolle Verdeutlichung erreicht er etwa mit scharfen Bass-Akzentuierungen im „Inversus“ der 13. Fuge. Für alle, bei denen er damit aneckt: Solche stilistischen Freiheiten nimmt sich auch ein Grigory Sokolov heraus. Am Ende hat er eine wahre kontrapunktische Gipfelbesteigung vollbracht, expressiv gesungen spielt er, gewissermaßen als kontrapunktisch entschärften Kontrast zum Abschluss Myra Hess´ (1890-1965) Klavierbearbeitung des Chorals „Jesus bleibet meine Freude“. Für stehende Ovationen bedankt er sich mit einer Folge von Stücken aus dem „Zweiten Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“, gefällige Miniaturen mit luzider Tongebung und quirliger Spielfreude. Im Zeichen der diesjährigen Reihe „Himmelwärts - Zeit mit Bach“ stand Trifonovs Recital. Ausgiebig Zeit mit Bach verbrachte man an diesem Abend in der Tat – und kommt zur Erkenntnis:  Es muss nicht immer (nur) analytische Klarheit sein.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Solistenkonzert Trifonov: Johann Sebastian Bach

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Bartholomäus Hess

Mitwirkende: Daniil Trifonov (Solist Instr.)

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