> > > > > 23.10.2020
Mittwoch, 2. Dezember 2020

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Chor des Bayerischen Rundfunks, Copyright: Astrid Ackermann

Chor des Bayerischen Rundfunks, © Astrid Ackermann

Das BRSO unter Gustavo Dudamel in München

Symphonik trifft Folklore

Gesplittete Auftritte an einem Abend sind derzeit keine Seltenheit, gleich fünfmal tritt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Gustavo Dudamel an diesem Wochenende in der Münchner Philharmonie im Gasteig insgesamt auf. Das Besondere daran: Das Programm ist nicht wie sonst üblich jeweils identisch, in zyklisch gestaffelter Form kommen stattdessen sämtliche Symphonien Robert Schumanns zur Aufführung. Konzeptioneller Fixpunkt an allen Abenden ist eine Auswahl von Vokalwerken aus der venezolanischen Heimat Dudamels, den Anfang macht als erstes dreier Stücke für Chor a cappella der Titel „Sol que das vida a los trigos“ von José Antonio Abreu (1939-2018). Abreu seinerseits war Initiator des mit der Zeit landesweit immer weiter ausgebauten Projekts „El Sistema“, dem wiederum Dudamel entscheidende Impulse für seine Karriere verdankt. Schon in diesem Stück zeigt der von Howard Arman glänzend disponierte Chor des Bayerischen Rundfunks seine Klasse.

Plastische Konturen

Plastische, stimmlich trennscharfe Konturen und raumgreifende Klanggesten vermitteln nicht den Eindruck, dass die auf der Bühne vorgeschriebenen Abstände sich akustisch nachteilig auswirken. Im zweiten Stück „Aquì te amo“ greift die „Grande Dame“ des venezolanischen Lieds, Modesta Bor (1926-1998), auf Lyrik des großen chilenischen Autors Pablo Neruda zurück. Nach tenoral warm eingefärbtem Beginn verschmelzen die Stimmen mit beeindruckender Synchronität zu einem multidimensionalen Ganzen, der Chor des BR verleiht der schwelgerischen Melodik  beseelte Färbungen zwischen beinahe andächtig wirkenden Schwebezuständen und plötzlich anschwellenden Eruptionen. Überraschende harmonische Wendungen werden effektvoll beleuchtet. Wie Abreu und Bor ging auch Antonio Estévez (1916-1988) bei dem bedeutenden Musikpädagogen Vicente Emilio Sojo in die kompositorische Lehre. In dessen Stück „Mata del ánima sola“ tritt Andrew Lepri Meyer (Tenor) als Solist hinzu. Er und die Formation des BR-Chors verbreiten rhythmisch raffiniert koloriertes, lateinamerikanisch-folkloristisches Flair, das sich zwischenzeitlich kontrastreich bis in choralartig ausgebreitete Sphären emporhebt. Meyer überzeugt mit kraftvollem Volumen und eindringlicher vokaler Deklamation.

Fokussierte Frische

Im Anschluss gibt es Robert Schumanns Symphonie Nr. 4 d-Moll op. 120 (die ebenso chronologisch wie chronisch falsche Nummerierung hat sich bis heute gehalten). Nach den dynamisch imposanten Wellenbewegungen der Introduktion, findet Dudamel mit vitalem Elan und beherzt zupackender Artikulation zwingenden Zugriff auf den mit „Lebhaft“ überschriebenen Abschnitt. Eindrucksvoll beweist das BRSO, wie farbreich Schumanns (verschiedentlich immer wieder kritisierte) symphonische Tonsprache tatsächlich ist und dass sie Korrekturen wie etwa der von Gustav Mahler vorgenommenen Instrumentalretuschen musikalisch nicht bedarf. In der Durchführung mit ihren kurzen polyphonen Episoden herrscht rege Anspannung, mit lyrischer Sensibilität wird das Seitenthema zum lichten, freundlichen Ruhepol. Bis in hellstrahlende Blechfanfaren nimmt Dudamels Dirigat eine klar bekennende romantische Haltung ein. Gleich mehrere Instrumentalisten des BRSO haben in der miniaturhaften „Romanze“ Gelegenheit, sich auszuzeichnen: Ramón Ortega Quero (Solo-Oboe im Dialog mit filigranen Pizzicato-Impulsen), Konzertmeister Anton Barakhovsky und Solocellist Lionel Cottet lösen ihre Aufgaben allesamt erstklassig. Das „Scherzo“ erhält elastischen Grip, im „Trio“ interagieren filigrane Holzbläser und weich gefederte Streichergruppen. Getragen von edel ausgefeilten Horn- und Posaunenstimmen sammelt sich die spannungsreich innehaltende Überleitung zum aus bekannten Motiven gespeisten „Finale“. Dessen euphorische Frische fängt Dudamel unwiderstehlich fokussiert ein. Gewohnte Präzision besitzt das Zusammenspiel des BRSO in den komprimierten Fugato-Passagen. Einzig eine kleine vorschnell intonierte Unsauberkeit unterläuft in der zum Ende hinführenden Stretta. Dudamels temperamentvolle Musizierfreude überträgt sich gleichermaßen auf Orchester wie Publikum, letzteres ist zurecht begeistert, ein Encore lässt sich in diesen Zeiten leider nicht erklatschen. Am liebsten würde man spontan direkt Schumanns drei weitere Symphonien hören – zumindest, was die zweite und dritte betrifft, ist das bis Sonntag gestaffelt (ob im Hörfunk, via Livestream oder vor Ort im Gasteig) aber noch möglich und unbedingt zu empfehlen.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Gustavo Dudamel

Ort: Gasteig,

Werke von: Robert Schumann

Mitwirkende: Chor des Bayerischen Rundfunks (Chor), Gustavo Dudamel (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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