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Mittwoch, 2. Dezember 2020

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Szenenfoto, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto, © Monika Rittershaus

Offenbachs „Großherzogin“ vorm Lockdown in Berlin

Mit Bette Midler auf der Suche nach Gerolstein

Die Komische Oper Berlin bietet kurz vor dem erneuten Corona-Lockdown noch eine Jacques-Offenbach-Operette, die eigentlich als Antwort „voller Blödsinn und Lachen“ auf die Pandemie gedacht war – und bei der nun die Premiere gleichzeitig die Derniere war; zumindest wird es vor Dezember keine weiteren Vorstellungen geben. Im Programmheft verspricht Intendant und Regisseur Barrie Kosky, dass er seine neue „Großherzogin von Gerolstein“ zwar musikalisch reduziert und mit Abstandregeln präsentieren werde. Aber: „…mit einem Schuss Bette Midler!“

Nun ist die US-Entertainerin zwar für genial-blödsinnigen Humor, krasses Comedy-Timing und auch für ihren Gesang berühmt (zuletzt am Broadway mit „Hello Dolly“), aber nicht als Offenbach-Interpretin. Obwohl Midler ohne jeden Zweifel eine ideale Offenbach-Heroine sein könnte, und ganz bestimmt wäre sie umwerfend als sich nach Männern in Uniform verzehrende Großherzogin, die ihre eigene Lust in Liedern wie „Ach, wie liebe ich die Soldaten“ ausdrückt. Midler trat in den 1970er-Jahren mit dem anderen „Barry“ (Manilow) in New Yorks Schwulensaunen auf und lernte dort, wie man das Publikum zwischen Sex und Steamroom bei Laune hält. Sie perfektionierte dort den schlagartigen Wechsel von Klamauk zu tiefer emotionaler Verletzlichkeit. Eine Gabe, die Midler mit Dagmar Manzel teilt, die wiederum im Dezember 2002 als Großherzogin im Deutschen Theater ein derart sensationelles Offenbach-Porträt ablieferte, dass sie damit ihre bedeutende Karriere als Operettendiva einläutete. An ihrer Seite stand damals der nicht minder sensationelle Max von Pufendorf als schmucker Soldat Fritz, der dank seines guten Aussehens einmal die Karriereleiter rauf befördert wird bis zum General, aber als er die Avancen der Großherzogin ignoriert, genauso schnell wieder degradiert wird. Und zum Schluss aus der Armee austritt, während die Großherzogin sich ein neues „Spielzeug“ sucht.

Die Kunst des höheren Blödsinns

Inzwischen ist Dagmar Manzel die unangefochtene Diva assoluta der Kosky-Operette und ein Publikumsmagnet ersten Ranges, was sie gerade erst mit der Wiederaufnahme von Oscar Straus‘ „Eine Frau, die weiß, was sie will“ unter Beweis gestellt hat. Aber für die erste neue „Großherzogin von Gerolstein“ in Berlin seit 18 Jahren hat Kosky seine Muse nicht als Titelrollendarstellerin engagiert und auch sonst keine Gäste geholt, sondern sich ausschließlich seines Hausensembles bedient – was für den (nun eingetretenen) Fall von Vorstellungsausfällen ökonomisch vernünftig ist.

So erlebt man also diese Militärsatire, die Offenbach 1867 mit seinen Star-Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy für seine Starsängerin Hortense Schneider komponierte, mit Tom Erik Lie als Großherzogin: kostümiert wie Bette Midler mit hochgesteckten „Hocus Pocus“-Haaren und attraktiven Roben von Klaus Bruns. Dass diese Großherzogin in den Dialogszenen Norwegisch spricht und niemand so genau weiß, was sie da eigentlich sagt, ist das Komischste an dieser Produktion, die sich auf einer leeren aber atmosphärisch ausgeleuchteten Bühne entfaltet (Licht: Franck Evin).

Der Ganze ist zwar wie versprochen „viel Blödsinn“, aber es ist ein Blödsinn, der in sich selbst keinen Sinn ergibt, also keine innere Logik hat. Wodurch die spannende Geschichte völlig zusammenbricht und enigmatisch vor sich hinplätschert. Liegt das an der Regie? Primär liegt es an den Darstellern und der Art und Weise, wie sie agieren. Sie sind als Charaktere deutlich gezeichnet und auf eine „Muppet Show“-Weise sehr überzeugend. Aber sie kriegen den „dead pan“-Stil der Muppets nicht hin in ihren Fatsuits. Man vergleiche nur die Darsteller vom Gorki-Theater-Operettenhit „Alles Schwindel“, die auch in Fatsuits spielen und das mit so unendlich viel mehr Bravour tun, weil sie halt gelernte Schauspieler und Charakterdarsteller sind. Der Gorki-Star Aram Tafreshian macht in „Alles Schwindel“ all das zum Schreien komisch, was Jens Larsen als General Bumm nicht gelingt, wenn er wie eine Kugel über die Bühne rollt. Zusammen mit Christoph Spät als blondem Prinz Paul, den die Großherzogin nicht heiraten will, weil er ihr zu langweilig ist. (Langeweile interessant zu spielen ist eine hohe Kunst.) Und zusammen mit Tijl Faveyts als Baron Puck, der mit Prinz Paul und General Bumm das Verschwörer-Trio anführt, um diesen Möchtegern-General Fritz (Ivan Turšíc) aus dem Weg zu räumen.

Ihre große Nummer, in die drei ihren mörderischen Anschlag auf Fritz planen, ist ein gutes Beispiel dafür, was an der Komischen Oper nicht funktioniert: Man versteht als Zuschauer kaum ein Wort der neuen Übersetzung von Stefan Troßbach. Die in dem Trio geschilderte Geschichte vom Grafen Max, der seinerzeit Opfer einer ähnlichen Intrige wurde, rattert als bedeutungslose Musik dahin, nicht als packendes Narrativ. Damit wird die geniale Komik der Offenbachschen Tonsprache unterlaufen und quasi ausgehebelt. Denn worüber soll man lachen, wenn man nicht versteht, worum es geht?

Turnen nach Noten

Das gilt auch für Turšíc als Fritz: Wenn er von seiner ersten erfolgreichen Schlacht zurückkehrt und der Hofgesellschaft im 2. Akt in mehreren Strophen schildert, wie er den Feind besiegt hat, dann versteht man ebenfalls kaum ein Wort und fragt sich irgendwann, was das Ganze soll. Das ist schade, denn Turšíc singt vorzüglich. Leider fehlt ihm als Fritz nicht nur die sprachliche Nuanciertheit, sondern auch der Sexappeal, der die Handlung in Gang setzt. Das merkt man an anderer Stelle im Kuss-Duett mit Wanda (Alma Sadé). Da blitzt viel Unterwäsche und nacktes Bein hervor, aber man spürt nichts von der subversiven Kraft der Liebe, mit der diese beiden Figuren sich der strikten Militärordnung widersetzen. Eher turnen sie reichlich beliebig nach Offenbachs Noten herum. Ein paar wahllose Gewehrschüsse fallen auch, ohne dass davon eine Bedrohung ausginge.

Von Sexappeal ist auch Tom Erik Lie als Großherzogin recht weit entfernt. Er hat zwar eine passend herrische Seite, die der Titelrolle jene Bedrohlichkeit verleiht, die sie braucht. Aber das Lechzen nach den Soldaten, vom Ausbrechenwollen aus der Konvention des Hofprotokolls, vom Launenhaften dieser Herrscherin, von all dem trifft Lie nichts. Oder will es nicht treffen. Er singt die Partie hervorragend, jedoch ohne den Kitzel des Außerordentlichen, den Manzel ihren Musiktheaterauftritten beimischt – von Bette Midler ganz zu schweigen. Lie fällt als Großherzogin zwischendurch immer wieder in Schlaf. Diese schläfrige Stimmung überträgt sich irgendwann auf den Zuschauer, weil sie nicht slapstickmäßig lustig ist. Und wieso diese Großherzogin Norwegisch spricht, aber mit einwandfreiem Deutsch singt, bleibt ein Geheimnis der Dramaturgie (Maximilian Hagemeyer). Ebenso die Frage, warum die Gerolstein zum Schluss zum Marlene-Dietrich-Double mutiert. Emanzipation?

Es ist das alte Problem des „Topsy Turvy“ der Operette, der auf den Kopf gestellten Welt des Genres: Sie funktioniert in ihrer Absurdität nur, wenn sie sich strikt an ihre eigene verquere Logik hält. Und wenn die Darsteller ein entsprechendes Gefangensein in dieser Logik vermitteln. Das schafft das Hausensemble der Komischen Oper am Premierenabend nur in Einzelmomenten. In der Pause sah ich Max Hopp und Katharine Mehrling, beide Stars aus anderen Operetten-Erfolgsproduktionen am Haus, beide absolut versiert in genau dieser Art von Darstellung. Beide vermutlich ideal als Gerolstein/Fritz 2.0. Aber es soll nicht sein, vorerst zumindest.

Einspringerin am Pult

Im Orchestergraben sitzen 18 Musiker und spielen unter Leitung der jungen russischen Einspringerdirigentin Alevtina Ioffe einen entschlackten Offenbach, der in seiner kammermusikalischen Delikatesse guttut. Aber man merkt Ioffe an, wie viel Arbeit es (noch) kostet, musikalisch alles zusammenzuhalten; so viel Arbeit, dass offensichtlich für ein detailliertes Feilen am Text mit den Sängern keine Zeit blieb. (Man spürt sofort den Unterschied zu Produktionen, die Adam Benzwi als musikalischer Leiter betreut hat, wo der Text und seine Ausgestaltung im Zentrum stehen und wo es niemals ein inhaltloses Heruntersingen von Strophen gibt.)

Vielleicht sollte man diese vergleichsweise kurzfristig angesetzte Premiere als Generalprobe ansehen, als Produktion, wo die Darsteller noch nicht Tritt gefasst haben und ihre Figuren noch suchen? Die Reifrockkostüme im Camouflage-Look für die Soldaten mögen helfen, Abstandsregeln einzuhalten, sie nehmen dem Regiment der Großherzogin aber jenen „maskulinen“ Charme, von dem die Geschichte erzählt und den die vier Tänzer in ihren Glitzer-Uniformen zwischenzeitlich vorführen und dekonstruieren (Mariana Souza, Michael Fernandez, Marcell Prét und Lorenzo Soragni tanzen eine Choreographie von Damian Czarnecki).

Als großer Offenbach-Fan will ich persönlich diese Produktion unbedingt im Dezember nochmals sehen, wenn Philipp Meierhöfer in die Rolle der Großherzogin schlüpft. Er ist vom Stil schneller und quirliger als Lie, was zu interessanten Vergleichen einlädt. Ob er auch Norwegisch sprechen wird, bleibt ebenfalls eine interessante Frage. Möglicherweise offeriert er eine ganz eigene Variante? Alternativ stehen auch Carsten Sabrowski als General Bumm und Johannes Dunz als Fritz auf dem Besetzungszettel sowie Mirka Wagner als Wanda.

Man muss dieser Inszenierung vermutlich Zeit geben, jetzt sind ja eh erst einmal vier Wochen Zeit zum Nachjustieren, im Dezember stehen sieben Vorstellungen an, in denen das Ensemble seinen Weg zu Offenbach und dem Fantasiestaat Gerolstein finden kann. Vielleicht gucken sich alle zwischenzeitlich nochmal Bette Midlers „Hocus Pocus“ an oder eine Folge der „Muppet Show“? Es würde lohnen, um den hier gefragten Kosky-Comedystil zu lernen. Eine gute „Großherzogin von Gerolstein“ kann Berlin jedenfalls immer gebrauchen, nicht nur in Corona-Zeiten.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Die Großherzogin von Gerolstein: Opéra bouffe in drei Akten

Ort: Komische Oper,

Werke von: Jacques Offenbach

Mitwirkende: Barrie Kosky (Regie)

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