> > > > > 16.10.2020
Mittwoch, 2. Dezember 2020

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Roberto Alagna, M. Brück, Copyright: W. Hoesl

Roberto Alagna, M. Brück, © W. Hoesl

Madama Butterfly an der Bayerischen Staatsoper

Am seidenen Faden

Bereits 1973 hatte Wolf Busses Inszenierung von Puccinis „Madama Butterfly“ an der Bayerischen Staatsoper Premiere. Der Vorteil an zeitlosen Arbeiten wie dieser: Auch fast 50 Jahre später können sie sich – wie an diesem Freitagabend – ohne Weiteres sehen lassen. Ein Konzept, das sich bis in den Blumen- und Haarschmuck Cio-Cio-Sans präzise an Ort, Zeit und Handlung des Librettos orientiert, kann im Grunde nicht aus der Zeit fallen. Das ästhetisch in sich ruhende, holzschnittartige Bühnenbild von Otto Stich und die detailliert nachempfundenen Kostüme von Silvia Strahammer tragen ihren gewichtigen Teil zum liebevoll authentisch gestalteten japanischen Flair bei. Diese Produktion beweist zudem: Psychologische Ausdeutung der Charaktere kann auch ohne verklausulierte Symbolik stattfinden, die Figuren agieren logisch konzentriert gleichermaßen auf sich selbst wie aufeinander bezogen.

Prominentes Opernpaar

Mit Roberto Alagna und seiner Ehefrau Aleksandra Kurzak verhält es sich ähnlich wie mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov – beide prominente Opernpaare lassen sich schon gerne auch im Doppelpack buchen. Dagegen aber keine Einwände, solange es musikalisch funktioniert, Kurzak und Alagna hatten in München bereits 2016 in der Produktion von Halévys „La Juive“ geglänzt. Kurzak verfügt in der Titelrolle jederzeit über Klarheit in der Tongebung („Un bel di, vedremo“), in der Höhe fehlt ihrem gelegentlich etwas gedeckt wirkenden Sopran mitunter ein wenig die Strahlkraft. Alagna als B. F. Pinkerton führt sich direkt mit raumgreifendem Volumen als eine seiner großen Stärken ein. Daneben überzeugt er vor allem in warm timbrierter Mittellage, in hohen Registern wirkt er stellenweise leicht instabil. Gesanglich stark harmonieren die beiden im leidenschaftlichen Duett „Vogliatemi bene, un bene piccolino“ zum Ende des ersten Akts, darstellerisch agieren sie rundum glaubwürdig. Besonders Kurzak transportiert das heikle Spannungsfeld ihrer Rolle zwischen resignativer Verzweiflung und trügerisch kurzen, euphorischen Glücksmomenten. Bestnoten verdient sich mit schlanker, unaufgeregter Gestaltung Alisa Koslosova als Suzuki. Etwas blass bleibt Markus Brück als Sharpless, sowohl er als auch Sean Michael Plumb (Fürst Yamadori) entwickeln zu wenig baritonale bzw. tenorale Durchschlagskraft. Die haben dafür Carlo Bosi (Goro) und Callum Thorpe (Onkel Bonzo).

Emotional ungefiltert

Fließend spricht weitgehend auch das Staatsorchester unter Leitung von Daniele Callegari Puccinis Tonsprache, klare Konturen erhält zu Beginn das atemlose Fugato-Motiv, überwiegend lässt er die exotisch schillernden Klangfarben der Partitur leuchten und überzeugt durch zugkräftige, lineare Phrasierung. Gekonnt rollt er hier einen feinmaschig geknüpften Klangteppich aus, lässt dort das heraufziehende Unheil mit – im positiven Sinn – großer theatralischer Geste aufblitzen und verleiht den angespannten Gefühlswelten hohe orchestrale Intensität. Lediglich im ersten Akt wirken Tempi vereinzelt etwas zu zögerlich. Generell passt sich Callegaris Dirigat gut den Erfordernissen der Sänger an, behält dabei ständigen Zugriff auf die musikalische Dramaturgie und zeichnet die programmatische Fieberkurve minutiös nach. So wird auch das ausgedehnte Warten auf die Ankunft Pinkertons nicht langweilig, Cio-Cio-Sans Schicksal zwischen Hoffen und Bangen hängt hier am klanglich buchstäblich seidenen Pizzicato-Faden, die allgemeine Regungslosigkeit des Wartens und kontemplative Ruhe vor dem Sturm wird im Zuschauerraum greifbar. Mit farbenprächtigem Schlagwerk und dynamisch ungefilterten Emotionen steuert das Staatsorchester stilsicher auf die unausweichliche finale Katastrophe zu.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Madama Butterfly: Tragedia giapponese in drei Akten

Ort: Bayerische Staatsoper,

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Roberto Alagna (Solist Gesang), Aleksandra Kurzak (Solist Gesang), Markus Brück (Solist Gesang), Carlo Bosi (Solist Gesang)

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