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Mittwoch, 2. Dezember 2020

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Ensemble 1684 & Gregor Meyer, Copyright: Heiko Pressler

Ensemble 1684 & Gregor Meyer, © Heiko Pressler

Ensemble 1684 unter Gregor Meyer brilliert

15. Wittenberger Renaissance-Musikfestival

Fürth, Wittenberg und Aschaffenburg, das „Ensemble 1684“ unter seinem Leiter und Organisten Gregor Meyer hat trotz Corona in diesen Tagen gut zu tun. So eröffnete die Alte-Musik-Formation aus Leipzig mit einem erlesenen Solistenensemble das 15. Wittenberger Renaissance-Musikfestival mit einem wahren Feuerwerk zündender historischer Musikwerke vor allem von Johann Rosenmüller (1619-1684) und Heinrich Schütz (1585-1672). Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und Schirmherr des Festivals Reiner Haseloff, der das kleine Musikfestival in seiner Heimatstadt nach Kräften fördert, ließ es sich nicht nehmen, die rund 100 Besucher des Eröffnungskonzertes in der imposanten Schlosskirche in Wittenberg zu begrüßen. Auch Deutschlands Grande Dame der Gambe, Hille Perl, beehrt das Festival wieder mit ihrer Anwesenheit und gibt einen Meisterkurs. Wermutstropfen war die coronabedingte Absage des beliebten historischen Tanzballs im Festsaal des Rathauses. Dafür fand aber die traditionelle Instrumentenausstellung statt, auf der Händler historische Flöten, Gitarren, Lauten, Violinen, Bögen und dazu passendes Notenmaterial bereithielten.

Musikalisch gesehen war das Eröffnungskonzert 2020 sehr festlich angelegt. Unter dem Motto „Von Wittenberg nach Venedig“ durfte sich der Hörer am Grabe Kurfürst Friederich des Weisen – des Mäzens und Universitätsgründers Wittenbergs – und des Reformators Martin Luther auf repräsentative Werke mit strahlendem Glanz freuen. So geriet Rosenmüllers „Konzert für acht Stimmen, Zinken, Posaunen, Streicher und Continuo zum Ohrenschmaus, insbesondere auch wegen der hervorragenden Akustik in der UNESCO-Welterbestätte Schlosskirche. Mit ansprechender Beleuchtung war sie der ideale Ort für diese Musik. Frieda Jolande Barck und Anna Sophia Backhaus (Sopran), Florence Pettet und Helene Erben (Alt), Jonas Bruder und Alexander Hemmann (Tenor) sowie Philipp Goldmann und Markus Berger (Bass) erwiesen sich in diesem Konzert als absolut stimmige Besetzung. Klang und Homogenität der Stimmen überzeugten nachhaltig und auch die Ausgestaltung der Balance mit den Instrumentalisten bekundete höchstes künstlerisches Verständnis. Gregor Meyer ( u.a. Chef GewandhausChor Leipzig) leitete vom Orgel-Positiv aus in aller Bescheidenheit. Meyer kann sein Ensemble 1684 mitreißen, ein Funke, der unweigerlich auf das Publikum überspringt. Auch Heinrich Schütz' „Psalmenkonzert“ für acht Stimmen bestätigte den ersten hervorragenden Musiziereindruck. In jetzt abgewandelter Aufstellung der Choristen entstand da ein Werk in authentischer Aufführungspraxis. Schütz hatte ja u.a. sein Handwerk bei Giovanni Gabrieli in Venedig erlernt, wo er 1609 bis 1612 - dank eines Stipendiums des Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der sein Talent entdeckt hatte - ein dreijähriges Studium absolvierte. So war die Achse zu Gabrieli hergestellt, dessen prächtige „Symphonia Sacra“ für drei Chöre und 17 vokalinstrumentale Stimmen „Magnificat anima mea Dominum“ den farbenfrohen Schlusspunkt des Konzertes markierten. Davor hatten die Musiker neben kleineren, schwächeren Motetten von Johann Walter und Adam Rener noch das pompöse „Psalmkonzert Laudate Dominum omnes gentes“ für acht Stimmen, Zinken, Posaunen, Streicher und Continuo von Johann Rosenmüller zelebriert. Einer der Höhepunkte des Abends: In großartiger Manier brillierten hier die beiden Soprane in ihren Soli, zeigten die Posaunen eine lupenreine Intonation, war der Fluss der Musik immerzu strömend, so dass purer Konzertgenuss zu erleben war. Auch das kleinere „Konzert für 2 Soprane, zwei Violinen und Continuo“, das mehr die kammermusikalische Seite Schütz' beleuchtete, fand große Genugtuung. Hier bildeten die beiden Violinistinnen Saskia Klapper und Friederike Lehnert ein fantastisch korrespondierendes Team einerseits, andererseits zeigten die Sängerinnen die Schönheit ihrer Stimmen. Kurzum, dieses Eröffnungskonzert hatte Format.

Etwas niederschwelliger war das kleinere Konzert des Praetorius Consort Wittenberg, dem Nachwuchsorchester der Wittenberger Hofkapelle, unter der Leitung von Festivalgründer Thomas Höhne am Samstagnachmittag. Aber der Fokus lag ja hier auch auf der pädagogischen Arbeit und dem Lustmachen auf Alte Musik für ein ganz anderes Publikum. Mit dem Lied „Tanzen und Springen“, gesungen von Julla von Landsberg eröffnete der Reigen wohlfeil zusammengestellter Literatur, die die Möglichkeiten der jungen Akteure berücksichtigte und die Gegebenheiten der Besetzung beachtete. Nachwuchs auf die Fährte der Alten Musik zu locken, fällt im 21. Jahrhundert nicht so leicht, zumal Wittenberg mit seinen rund 46.000 Einwohnern nicht unerschöpfliche Möglichkeiten bietet. Trotzdem war die 30-minütige Vorstellung mit pädagogischem Geschick angelegt und bildete einen Querschnitt des künstlerischen Istzustandes gut ab.

Der sich anschließende „musikalische Stadtspaziergang“ mit Gästen von nah und fern berührte wichtige Punkte der historischen Altstadt und wurde von zwei erfahrenen Laiendarstellerinnen begleitet, die in die Kostüme der beiden berühmten historischen Frauen Barbara Cranach, Gattin des Malers Lukas Cranach d.Ä., und ihrer Freundin Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, geschlüpft waren. Neben der Thesentür, die längst nicht mehr die historische aus Holz ist (1760 abgebrannt, in Holz ersetzt), sondern 1858 durch eine weitere bronzene (Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV.) ersetzt wurde, waren auch die vierflügelige Schlossanlage hinter der Schlosskirche und die sogenannten Malerhöfe Lukas Cranachs Stationen des Rundgangs, der im Rathaussaal nochmals von Musik mit Flöte und Laute (Thomas Höhne) untermalt wurde, während nebenan die Instrumentenausstellung mit sieben Ausstellern lief. Die Beteiligten hatten sich allerdings deutlich mehr Publikum erhofft. Viele Besucher aus Berlin (Risikogebiet) waren coronabedingt dem Festival ferngeblieben.

Davon ließ sich Hille Perl, Professorin für Gambe und eine der Leiterinnen der jährlich in Wittenberg im Rahmen des Festivals stattfindenden Meisterkurse in den Gebäuden der 1502 gegründeten ehemaligen Universität „Leucorea“, nicht abschrecken. Sie dozierte wieder mit Herzblut und brachte sechs Studenten, darunter Cellist Diethart Krause, neue Impulse, als dieser C.F. Abels „Phantasie“ für Gambe musizierte. Künstlerisch hatte sie wieder beste Tipps parat.

Nebenan gab Prof. Stephan Rath sein Wissen im Bereich Generalbass und Laute an seine Kursteilnehmer weiter, die u.a. ein Duo des Franzosen Robert de Visée (~1656-1732) einstudierten. Auch die Tanzworkshops durften noch arbeiten. Hier kümmerten sich Mareike Greb und Jutta Voss in altbewährter Weise um ihre Eleven.

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Kritik von Manuel Stangorra

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