> > > > > 15.10.2020
Sonntag, 25. Oktober 2020

1 / 2 >

Cornelia Beskow, Copyright: Karl und Monika Forster

Cornelia Beskow, © Karl und Monika Forster

Große Oper am Staatstheater Wiesbaden

Es geht ja doch!

Mit Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ als Neuinszenierung in der laufenden Spielzeit am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden zeigte Intendant Uwe Eric Laufenberg, wie große Oper in Coronazeiten möglich ist. Alle am Bühnengeschehen Beteiligten liefen zu Höchstform auf, grandios die schwedische Sopranistin Cornelia Beskow als gelangweilte, liebeshungrig gurrende und hinterlistig mordende Katerina Lwowna Ismailowa und Andrey Valentiy in der Rolle des herrschsüchtigen Sadisten und Patriachen Boris Timofejewitsch Ismailow.

Musik als starker Kommentator

Schostakowitsch dachte dem Orchester eine selbständige Rolle zu. Trotz großer Besetzung gibt es wenige Tutti, stattdessen zahlreiche Soli, jedes Instrument in einer eigenständigen Funktion, um zu widersprechen, zu kolportieren oder zu überzeichnen, was in der Geschichte eindeutig erscheint. Zudem komponierte er Zwischenmusiken, um das Geschehen, unterteilt in vier Akte und 9 Bilder, etappenweise zusammenzustauchen, zu überzeichnen und dramaturgisch zu verschärfen.

Bravouröse Soli

Im doppelten Sinn auf Distanz, zueinander und zum Bühnenszenario, spielte das Hessische Staatsorchester auf der Hinterbühne. Mit gespitzten Ohren stimmten die Techniker am Mischpult im Zuschauerraum in Echtzeit die Lautstärke der Liveübertragung mit der Lautstärke der Sänger ab. Co-Dirigentin Christina Domnick meisterte die Koordination zwischen Sänger und Orchester vom Pult im leeren Orchestergraben aus. Über einen Monitor hatte sie dabei GMD Patrick Lange im Blick, der tief in die Orchesterpartitur eingetaucht, vielfach gestikulierte, um jedes noch so kleine Detail zu verstärken. Das zündete im Orchester. Bravouröse Soli, Transparenz auch im wuchtigsten Tutti, mitreißend die Walzer und Galoppklänge und Motive, um das Groteske im Augenblick zu entlarven.

Regie ohne Polizeiszene groteske Musik im Widerspruch zur Absicht

Mit der Vorlage von Nikolai Leskows gleichnamiger Novelle wollte Schostakowitsch vom Schicksal einer klugen, begabten und schönen Frau erzählen, die im barbarischen, habgierigen und kleinlichen Kaufmannsmilieu ein freudloses und düsteres Leben fristet. So eindeutig, wie dieser Vorsatz erscheint, setzte es Schostakowitsch in seiner Musik nicht um. Als wolle er jegliche menschliche Regung infrage stellen, verschleierte er die Motive der Protagonisten durch widersprüchliche musikalische Aussagen, im Detail betrachtet ein wagemutiger Mix unterschiedlicher Stile, die oft genug zusammenfallen.

Symbolhaltige Inszenierung

Der junge russische Regisseur Evgeny Titov hielt sich in seiner ersten Operninszenierung am Text, kürzte die groteske Polizeiszene heraus, vergiftete die Hochzeitsgesellschaft mit einer Suppe. Vordergründig erzählte er die Geschichte von Katerina als einer zu Tode gelangweilten, emotional ausgehungerten weißhäutigen Rothaarigen, die dem Schürzenjäger auf den Leim gehen muss und zur Mörderin wird, um ihren Hunger stillen zu können. Die Frage der Rechtfertigung ihrer Handlungen, wie sie in der Musik pausenlos erklingt, stellte er sich nicht. Vielmehr lenkte er den Blick auf eine Gesellschaft, die vom Patriarchen unterdrückt und geknechtet, triebhaft gesteuert und demoralisiert dahinvegetiert. Titov sparte nicht mit Direktheit in der Darstellung, überschritt aber auch keine Grenzen und nutzte dezent eingesetzte Symbolik.

Christian Schmidt baute ihm den idealen Raum, ein fensterloser Plattenbau-Kasten nach oben offen. In schmutzigem Grüngrau strahlt Trostlosigkeit und Tristesse permanent. Das aufgerissene Loch im Boden wird zum Marker von Katerinas Tragik. Einmal Fluchtweg zum Geliebten, dann Grab des Ehemanns, schließlich ihr Standplatz als Braut unter blutbeflecktem Schleier im überdimensionalen Reifrockkleid, darüber der rote Mantel des Patriarchen. Im letzten Akt sieht man hier einen tiefschwarzen See, in dem sie und Sonjetka ertrinken. Das Blümchenkleid aus den Kostümentwürfen von Andrea Schmidt-Futterer, das Katerina trug, als Sergej sie zum ersten Mal sah, trägt sie im Schlussakt, wenn sie Sergej verführt.

Die Zwischenmusiken toben sich bei geschlossenem Bühnenvorhang aus und wirken visuell unkommentiert ungemein stark. Wichtige Szenen, die sich von Beginn an am rechten äußeren Bühnenrand abspielen, sehen Besucher von ihren Plätzen an der rechten Zuschauerseite nicht. Umso mehr gestattet dieser Missstand, eigener Imagination zu folgen, die diese ausdrucksstarke Musik so selbstredend wirkungsvoll ausmusiziert, auch ohne jegliche szenische Darstellung in Gang zu setzen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Christiane Franke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Lady Macbeth von Mzensk: Dmitri Schostakowitsch

Ort: Hessisches Staatstheater,

Mitwirkende: Patrick Lange (Dirigent), Dimitri Schostakowitsch (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Schumann: 6 Fantasien für Klavier op. 36 - Am Abend im Dom - Adagio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich