> > > > > 11.10.2020
Sonntag, 25. Oktober 2020

Festival Montalbane, Copyright: Montalbane

Festival Montalbane, © Montalbane

Drei Konzerte in der romanischen Stadtkirche

Festival Montalbâne punktet mit Vielseitigkeit

Am Sonntag ging in der kleinen, aber sehenswerten Weinstadt Freyburg/Unstrut im südlichen Sachsen-Anhalt das auf mittelalterliche Musik spezialisierte Festival „Montalbâne“ zu Ende. Unter dem augenzwinkernden Titel „Coronate!“ waren - unter hygienekonformen Bedingungen - drei Ensembles geladen, die allesamt in der im 13. Jahrhundert erbauten St. Marien Basilika auftraten. Dabei war das Abschlusskonzert zum 30-jährigen Jubiläum des Festivals ein besonderer Höhepunkt. Das lag nicht zuletzt auch an der künstlerischen Leiterin des Festivals, Susanne Ansorg, und ihrem 12-köpfigen Organisationsteam, das rundum für Wohlfühlatmosphäre gesorgt hatte.

Gestaltet vom Ensemble "Oni Wytars", das im Kern schon seit über 35 Jahren besteht, war das letzte Konzert am Sonntag Abend ausverkauft. Dabei drehte sich alles um das beliebte Thema „Liebeslieder: Cantar d'amore“. Die sechs Künstler hatten ein vielschichtig austariertes Programm entwickelt und beleuchteten das Thema unter zahlreichen Aspekten: Instrumental war die vitale Truppe mit Athanasius Kirchners Antidotum Tarantualae gestartet, ehe die engagierte römische Sängerin Gabriella Aiello mit dem Alla Montanara - apulischer Tradition folgend - eine erste Kostprobe ihrer Gesangskünste lieferte. Gemeinsam mit Sänger Peter Rabanser (der auch an Barockgitarre, Dudelsack und Chalumeau reüssierte) war sie der Dreh- und Angelpunkt des besonders abwechslungsreichen Ensembles, das sich akustisch perfekt im sakralen Raum entfaltete. Weiter ging es mit Vurria ca fosse ciaola im Duett der beiden, denn die Liebe kennt hat ja bekanntlich immer zwei Protagonisten. Diese langsam kreisende Melodei wurde zuckersüß gesungen. Doch das Ensemble war auf Verwandlung getrimmt: Im Pizzica di San Vito packte Marco Ambrosini – der sonst zuverlässig an Mandoline und Schlüsselfiedel agierte – seine Maultrommel aus und es entstand Lied für Lied eine kleine eigene Welt: Hier beschwor Aiello gestenreich Amor, was sich schlussendlich in wildem Nachspiel mit Tambourin (professionell: Katharina Dustmann) und Tanz ausließ. Wiederum ein gesungenes Duett ist das Vulumbrella des Pietro J. De Jennaro (1436-1508), auch ein Komponist der Renaissance, wobei hier die Rahmentrommel und die virtuos geblasene Blockflöte (Michael Posch) mit von der Partie waren. Überhaupt gefiel der musikalische Zusammenhalt des Ensembles. Ergreifend solistisch gesungen war auch das mit großer Geste gestaltete sizilianische Alla femminisca, worauf die Kapelle gleich mit dem freudig-heiteren Calata alla spagnola von Johann Ambrosio Dalza einfiel. Es ging kurzweilig zu: So hörte das Publikum beispielsweise auch bezaubernde soli für Harfe (Riccardo Delfino). Höhepunkt war vielleicht das sehr authentisch vorgetragene Che si può fare auf einem in Endlosschleife eine Quarte absteigenden Bass oder das sentimentale Cinquecento catenelle. Barbara Strozzi, eine der wenigen damaligen Komponistinnen, schrieb das erste Lied. Beide Songs setzte Gabriella Aiello genial in Szene, wobei das Ensemble – das auch noch einige instrumentale Werke beisteuerte - immer einen hohen Anteil am Gelingen hatte. So mussten an diesem Abend in der - trotz stimmungsvoller Beleuchtung – schon etwas kühlen Kirche gleich zwei Zugaben her.

Viel Beifall hatte es auch am Freitag gegeben, für das erste der beiden Eröffnungskonzerte (coronabedingt gab es zwei Termine), welches das samt Gast Dietrich Zöller (Tuba) neunköpfige Ensemble "Les Haulz et les bas" ausführte. Eigentlich hätte dieses Jazz-Konzert wie ursprünglich auch geplant an einem weltlicheren Ort besser gepasst. Doch die Kirche war der größere zur Verfügung stehende Raum. So spielte die Gruppe ihren Medieval Jazz – ganz auf der Suche nach dem Sound der historischen Alta Capella – nun unter dem Titel Ars Supernova in der Kirche. Zink, Pommer, Schalmei, mittelalterliche Posaune und Dudelsack verschmolzen süffig mit Saxofon, modernem Drumset und Tuba zu einem soliden Ganzen. Die aus alten Handschriften – teils 600 Jahre alt - zitierten Themen mischten sich – dank innovativer Improvisationskunst aller Beteilgter– zu einem Vexierbild alter Weisen, die in völlig modernem Gewand daher kamen. Großen Anteil am maximalen Unterhaltungswert hatte Ian Harrison, der nicht nur an Schalmei & Zink zu bewundern war, sondern auch gemeinsam mit Gesine Bänfer (Schalmei, Pommer, Dudelsack, Sopransaxofon) hin und wieder moderierte. Besonders hervor stach der Titel „Merçe o morte“, bei dem Gitarre (Thomas Gergmann) und Kontrabass (Florian Dölling) eröffnend improvisierten und danach die herzergreifende Melodie auf dem Sopransaxofon intoniert wurde. Aber auch Ivo bene nach einer Handschrift aus der Pariser Bibliothèque National oder das abschließende Aires de Bollschweil mit seinem ausgelassenen Tanzcharakter sagten zu. Der Klang in der Basilika war manchmal fast ein bisschen zu laut, aber eigentlich gehörte er ja auch nicht an diesen Ort.

Ganz trefflich dorthin passten die sanften, fast mystischen Klänge der "Ars Choralis Coeln" (ACC). Die in mittelalterlich anmutenden, farbenprächtigen Kleidern auftretende 5-köpfige Frauenschola (mit zusätzlich zwei Instrumentalistinnen), die 2004 gegründet wurde, widmete sich in ihrem Auftritt Unio Mystica dem „Ordo Virtutum“ der Hildegard von Bingen. Der Hörer konnte in eine geistig völlig der säkularen Welt abgewandte Sphäre eintauchen und sich auf Gesänge wie beispielsweise die „Sequentia De S. Maria“ oder die „Antiphona Super Magnificat“ konzentrieren, die eine 'klanggewordene Architektur' darstellen, wie Ensembleleiterin Maria Jonas, die selbst kräftig mitsang, treffend im Begleittext des Programmes konstatierte. Dieser Vortrag transportierte – trotz des nicht ganz erreichten Anspruchs, in quintenreiner Intonation (pythagoräische Stimmung) zu singen – viel Aufrichtigkeit und Wahrheit, die durchaus dieser auch irgendwie archaischen Gesangsform zugrunde liegen. Das Publikum lauschte mit ergriffener Andacht. Auch die rein instrumentalen Beiträge mit Polychord, Flöten, Fidel und Glockenklang fügten sich nahtlos ins Konzept ein. Die Formation bedankte sich beim Publikum mit einer Zugabe: Einem Marien-Hymnus zum Fest Mariä Himmelfahrt, ebenfalls aus der Feder der Universalgelehrten Hildegard von Bingen (1098-1179).

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Kritik von Manuel Stangorra

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