> > > > > 10.10.2020
Sonntag, 25. Oktober 2020

Das NDR-Orchester in Peenemünde

Großes Finale des 27. Musikfestivals Usedom

Das Finale des 27. Usedomer Musikfestivals ("30 Jahre Deutsche Wiedervereinigung") fand im Peenemünder Kraftwerk der ehemaligen Heeresversuchsanstalt in Anwesenheit des Staatspräsidenten der Republik Polen a. D. und Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa sowie des Bundestagspräsidenten a. D. und Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert Lammert statt.

Man konnte Intendant Thomas Hummel die Erleichterung ansehen. Alle Konzerte, einschließlich der Weiterbildungs- und Förderprogramme konnten bei 100 Prozent coronabedingter Auslastung stattfinden, neun von 36 Veranstaltungen wurden kurzfristig neu besetzt. 

Norbert Lammert hielt eine kurze launige Rede und rief dazu auf, die Potentiale eines gemeinsamen Europas stärker auszuschöpfen. Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa dagegen ermunterte Deutschland, die vakante Führung in Europa zu übernehmen: "Seit 20 Jahren versuche ich Deutschland zu überzeugen, diese Führungsposition zu übernehmen." Das passte hervorragend zu Harald Sigurd Johan Sæveruds (1897-1992) Komposition „Kjempeviseslåtten“ (Ballade des Aufruhrs) aus dem Jahre 1943, die zum musikalischen Symbol des norwegischen Widerstandes wurde. Alan Gilberts Sichtweise auf die „Ballade des Aufruhrs“ war glasklar, instrumental unverkrampft und dennoch höchst akkurat. Vor diesem Hintergrund gelang es hervorragend, die Fragmentierung der polyphonen Strukturen auf eine Weise als musikalische Geschlossenheit vorzustellen. Im minuziösen Nachforschen auch der kleinsten klanglichen Zusammenhänge dieses kurzen Werkes offenbarte sich der verschlüsselte Trauerkosmos, wobei in den atomisierten Klangpartikeln eine die Trauer überwindende Transzendenz hörbar wurde. 

Alain Gilbert legte eine Interpretation der 2. Sinfonie in C-Dur von Robert Schumann vor, die von seinem Ensemble spieltechnisch sauber, unbestechlich, von Pathos und Bombast befreit, erfrischend sachlich vorgetragen wurde. Was dieser Perspektive fehlte, war das Flackernde, „Verrückte“, war der Mut zu weniger forcierten Kontrasten, gleichzeitig resultierte aus dem Verzicht auf jede Form von Effekthascherei eine stringente Sichtweise. Gilbert kam auch ohne Temperamentsausbrüche zu erklecklichen Klangballungen und dramatischen Höhepunkten, die sich gleichsam aus der inneren Triebkraft der Klänge ergeben und nicht aus äußerem Nachdruck. Plausibel die Steigerungen im ersten Satz, rhythmisch präzise das Wechselspiel zwischen Streichern und Bläsern, kontemplativ und geheimnisvoll die melodischen Bögen des 3. Satzes, um nur zwei Beispiele zu nennen. 

Die musikalische Fraktur von Camille Saint-Saens 1. Konzert für Violoncello Nr. 1 in a-Moll ist recht überschaubar. Klarheit und Differenziertheit ohne Überspanntheit prägten auch die Herangehensweise von Alain Gilbert an dieses Konzert, das fulminante technische Anforderungen an Solisten wie Orchester stellt. Aber auch hier ist es wie bei der Zubereitung einer guten Mahlzeit: Es kommt auf den Koch an. Sheku Kanneh-Masons Konzentrationsfähigkeit, sein Sinn für motivische Zusammenhänge und klanglichen Differenzierungen verbunden mit einer exzellenten Beherrschung des Violoncellos führten zu einer bezaubernden Verdichtung und Intensivierung musikalischer Verläufe, die auf das gesamte Orchester ausstrahlten. Wobei er hinter dem spektakulärem Oberflächenglanz versteckte strukturelle Verbindungen fand und gleichzeitig entrückte Versenkung demonstrierte. Gemeinsam mit dem glänzend aufgelegten Orchester des Norddeutschen Rundfunks gelang ein großartiger Kopfsatz, ein von suggestiver Kraft beherrschter zweiter Satz und ein schon fast somnambuler hyperaktiver Schlusssatz.  

Nach in diesem Jahr der Länderschwerpunkt des Usedomer Musikfestivals auf Norwegen lag, wird vom 18. September bis 9. Oktober 2021 die dem Ostseeraum zugewandte Insel Usedom musikalisch ein Teil Litauens werden. 

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Großes Finale: 30 Jahre Mecklenburg-Vorpommern

Ort: Kraftwerk,

Mitwirkende: Alan Gilbert (Dirigent), NDR Elbphilharmonie Orchester (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Usedomer Musikfestival

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