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Mittwoch, 2. Dezember 2020

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Khanyiso Gwenxane, MiR Dance Company, Copyright: Bettina Stöß

Khanyiso Gwenxane, MiR Dance Company, © Bettina Stöß

Zur Orfeo-Produktion am MiR in Gelsenkirchen

Ein dekonstruierter Mythos

„L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi. Die erste, „richtige“ Oper der Musikgeschichte handelt von der Macht der Musik, dem begnadeten Sänger Orfeo und seinem Schicksal, seinem Vater Apoll, dem Gott der Musik. Über 410 Jahre alt sind die konzertante Uraufführung und der Partiturdruck dieses Werkes -  ein nach wie vor interessantes Experimentierfeld für musikalische und dramaturgische Interpretationen. So auch im Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen, wo Giuseppe Spota die verschiedenen Sparten des Musiktheaters zusammengeführt hat, um die oft geschlossenen, rezitativisch gehaltenen Sologesänge und Dialoge, Chorabschnitte und instrumentale Tanzsätze zu verbinden und gendergerecht in Szene zu setzen. 

Dabei fällt den Tänzerinnen und Tänzern hier nicht nur die Aufgabe zu, in virtuosen, ausdrucksstarken und dabei ungemein lautlosen Gesten, Bewegungen und szenischen Darstellungen die Sprache dieser alten, für unsere heutigen Ohren unzugänglichen Musik und melancholisch-düsteren Textsymbolik zu aktualisieren und vor Augen zu führen. Spannend und fantasievoll schaffen sie auch Übergänge und gestalten Schritt für Schritt illusionäre Bühnenbilder. So verwandeln sich die Tänzer beispielsweise nach der einleitenden, festlichen Toccata zusammen mit hängenden Stoffbahnen im Bühnenprospekt in wunderbar schillernde Gebirgswelten, um die vom Parnass herabsteigende wertvolle La Musica angemessen ins Szene zu setzen.

Sie, die mit betörenden Gesängen jedes trauernde Herz zu besänftigen vermag, erscheint real, während Eurydice als vervielfältigter Spielball des Orfeo, ein abstraktes, gesichtsloses, Stoff-, Gliederpuppen-, bzw. Traum- oder Schattengebilde bleibt. Und doch unternehmen die kleinen und mittleren Gliederpuppen immer wieder eigene Gehversuche. Am Ende wächst die lebendgroße gar über sich hinaus und findet für den maßlosen Orfeo anrührend tröstende Gesten, während ein gebrechlicher, alter Apoll ihm die Unsterblichkeit der Himmelsgestirne anbietet. 

Zusammen mit den Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen und einem engagiert darbietenden Hirten-, Nymphen und Geisterchor- und klangschönen Solistenensemble unter der Leitung Werner Ehrhardts gelingt ein quirliges, nachdenklich stimmendes Gesamtkunstwerk. Khanyiso Gwenxane verkörpert den einsamen Orfeo mit tiefgründigem, leicht vibrierendem Timbre. Alfia Kamalova ist eine verzaubernde La Musica, ebenso klangvoll Lina Hoffmann als Messaggiera, Rina Hirayama als La Speranza. Countertenor Etienne Walch bezaubert als Hirte. Michael Heine stellt glutvoll bassig den Fährmann Caronte dar. Piotr Prochera überzeugt als Gott Apoll.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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