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Sonntag, 25. Oktober 2020

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Szenenfoto La voix humaine, Copyright: Jörg Landsberg

Szenenfoto La voix humaine, © Jörg Landsberg

Plädoyer für Poulenc in Bremen

La Voix humaine im Laufe der Zeit

„Man hat uns getrennt“, ist der zentrale Satz in Jean Cocteaus Monodrama „La Voix humaine“ aus dem Jahre 1930. Das bedeutet aktuell mehr als nur ein misslungener Steckkontakt durch den Irrtum eines Fräuleins vom Telefonamt. Im Hier und Heute, wo Kommunikation in weiten Teilen über die sozialen Medien des Internets läuft, dürfte das Sensorium für solche technische Schwierigkeiten erhöht sein. Vereinzelung und Vereinsamung sind für viele Menschen im Corona-Jahr 2020 allgegenwärtig. Die Bedeutung des Telefons und der damit nutzbaren Medien dürfte im letzten halben Jahr zugenommen haben. Damit wohl auch das Bewusstsein für ein Gefühl der Leere, das sich einstellt, wenn das Gegenüber nicht leibhaftig vorhanden ist oder die Verbindung unterbrochen wird, warum auch immer. Gott sei Dank haben wir die Musik und die versteht beinahe jeder. Schon Rudi Schurike sang 1943 ein Lied mit dem hübschen Titel „Mit Musik geht alles besser“. Das war schon im Jahre 1943 fragwürdig! Wie dem auch sei, Jean Cocteaus Monodrama „La Voix humaine“ aus dem Jahre 1930 wäre sicherlich heute vergessen, hätte Francis Poulenc es nicht 1954 als Libretto seiner Tragédie-Lyrique für eine Solosängerin und Orchester verwendet. Er konnte nicht ahnen, dass dieser Stoff im Jahre 2020 aktueller denn je ist.

Ein mustergültiger Modellfall einer gescheiterten, übergroßen Liebe einer Frau zu einem Mann, der sich wohl längst anders orientiert. Eine Situation, die zwangsläufig scheitern muss! Die namenlose Protagonistin merkt recht schnell, dass man eine zerbrochene Liebe im Homeoffice, wie es heute so schön heißt, nicht ohne „Reibungsverluste“ reparieren kann, zumal die technische Verbindung dauernd streikt. Brisant wird es, weil die Frau in den Fes­seln ihrer Gefühlswelt ausweglos verstrickt ist. Das Telefon ist neben einem wohl ungewaschenen Pulli die einzige brüchige Verbindung zu dem phantomhaften Geliebten. Da böte scheinbar das Telefonkabel einen letalen Ausweg, wie im Text erwähnt, aber leider hat die Frau auf der Bühne nur ein Handy und das Ladekabel ist auch kein Ersatz.

Das Libretto von Jean Cocteau verweigert eine metaphysische Überhöhung der „Amour fou“. Es gibt keine Erlösung für die einzig im Verlangen nach dem unerreichbaren Geliebten existierende Frau. Die Inszenierung von Vivien Hohnholz auf der leeren Bühne verbleibt im Rahmen des Üblichen. Was völlig unterschlagen wird, ist das durchaus ironische und doppeldeutige Moment der Rolle. Hohnholz formt aus Poulencs Monolog einen eindimensionalen Ausdruck von Trauer und Verlassenheit im Sinne Claudio Monteverdis berühmten Lamento d’Arianna. Überzeugen kann diese Herangehensweise in der Konsequenz der Umsetzung vor allem dadurch, dass ihre Sichtweise in die eigentümliche Spezifik der Musik berücksichtigt. Hier fügte sich exzellent, dass man in Bremen die reine Klavierfassung wählte.  

Die eindringliche, aber empfindsame Psychologie, mit der Nadine Lehner die Rolle der Frau agiert, sie bis zum bitteren Schluss an jeder Form platten Märtyrertums vorbeiführt, ist bestimmend für den Duktus der gesamten Inszenierung. Nadine Lehner überzeugt stimmlich, vor allem durch die beachtliche Ökonomie des Ausdrucks, mit der die emotionalen Wirkungen steuert und sie gezielt aufspart für die essentiellen Momente. Das so subtil zu gestalten, überzeugt ohne Abstriche.  

Die komplexe Aufgabe, Handlung und Gefühle in der Schwebe zu halten, eine beunruhigende Atmosphäre verborgener Abgründe zu schaffen, fällt hierbei dem Pianisten zu. Killian Farrell erweist sich als sensibler Exeget einer nur scheinbar unkomplizierten Partitur, die voller subtiler Mehrdeutigkeiten in Klangfarbe und Harmonik ist und ständig das Tragische der Handlung in der schlichten Strenge der instrumentalen Gestik bricht. Seine Sichtweise trifft sich kongenial mit der von Nadine Lehner. Christian Kemmetmüller setzt behutsam Lichtschwerpunkte, die die Leere der Bühne zart unterstützen. 

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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