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Sonntag, 25. Oktober 2020

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Prologkonzert Weimar, Copyright: Guido Werner

Prologkonzert Weimar, © Guido Werner

Kantaten, Instrumentalmusik und Ambiente in Gotha

Kleines Barockmusikfestival im Herzen Deutschlands

Thüringen ist ein kleines Land, doch wird die Kultur, insbesondere die klassische Musik hier großgeschrieben. Ministerpräsident Bodo Ramelow ließ es sich trotz Feierlichkeiten in Potsdam am Vorabend zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit nicht nehmen, das Festival Alter Musik Thüringen „Güldener Herbst“ in der Augustinerkirche zu Gotha zu eröffnen: Die Akademie für Alte Musik Berlin fokussierte die Charaktere des Tanzes. Sechs Barockmusik-Konzerte (eines davon in Weimar, die übrigen in Gotha) unter dem Festivalmotto „Musik.Liaison“, eine absolut gelungenen Buchpräsentation „Musikland Thüringen“ sowie ein Festgottesdienst innerhalb von kompakt gestalteten dreieinhalb Tagen – das war Input wie in Wagners-Ring. 750 zahlende Gäste verbuchte das Festival 2020, Corona-bedingt nur ein Drittel der theoretisch möglichen 2250 Tickets, die das Festival hätte absetzen können, was bei einem Budget von knapp 100.000 Euro natürlich schmerzliche finanzielle Löcher hinterlässt. Trotzdem: Besonders das hochkarätige Abschlusskonzert in Gothas Schloss Friedenstein mit dem tschechischen Spezialensemble „Collegium Marianum Prag“, das der Sopranistin Lore Binon (Brüssel) ein exzellentes Podium bot, strahlte einen Glanz aus, der Thüringen lebenswert erscheinen lässt.

Auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit sind noch nicht alle Wunden verheilt: Hier und da knirscht es baustellenbedingt unter den Schuhsohlen, klaffen beschämende Lücken in den Häuserzeilen und der Restaurant- und Gastronomiebetrieb ist auch längst nicht allerorten auf Westniveau. Manche Lokale sind einfach geschlossen, komfortable Innenstadt-Hotels sind manchmal (und wegen Corona bald umso mehr) Mangelware. Musikalisch jedoch hat ein Land wie Thüringen deutliche Vorsprünge aufzuweisen und das nicht nur als „Bach-Land“. Blättert der Leser die von einem Autorenkollektiv erstellte neu erschienene Publikation „Kulturelle Entdeckungen. Musikland Thüringen“ durch, so zeigt sich rasch, dass hier im Herzen Deutschlands – nicht zuletzt durch Einflüsse der Reformation – über die Jahrhunderte ein Musikelexier erwachsen ist, das auf so engem Raum seinesgleichen sucht, wie Frau Prof. Helen Geyer in ihrer sehr faktenreich und souverän vorgetragenen Buchpräsentation am Sonntag Vormittag im KunstForum Gotha erläuterte. Prof. Christoph Meixner von der Musikhochschule Weimar unterstützte sie dabei fulminant und griff einige beschriebene und besonders bedeutsame Orte exemplarisch heraus. Die Veranstaltung wurde von drei Bundespreisträgern der Wettbewerbe „Jugend musiziert“ musikalisch umrahmt: Klara Rödel, Amelie Zimmermann und Johanna Krüger aus Jena zeigten mit ihrem Blockflötentrio auf, was die junge Generation Thüringens zu leisten fähig ist.

Begonnen hatte das Festival mit einem Prolog am Donnerstag in der Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar. Hier musizierte das lokal verortete Johann-Sebastian-Bach-Ensemble (Chor) samt Solisten und das Ensemble Hofmusik unter der Leitung des engagierten Kantors KMD Johannes Kleinjung. Unter dem Motto „Kantaten zum Michaelisfest“ hatte dieser passend zum Jahreskreis Werke des Gothaer Hofkapellmeisters Georg Anton Benda (1722-1795) denen seines Vorgängers im Amt, Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) gegenübergestellt. Die Akustik der großen Herder-Kirche in Weimar lief der klaren Durchhörbarkeit der Musik – besonders in den hinteren Reihen – leider zuwider, doch gewann der Hörer einen Überblick über das kompositorische Geschehen der höfischen Gothaer Vokalmusik. Bendas Kanatate „Erschallet, ihr Tempel“ wirkt heute – im Angesicht J.S. Bachs – wie aus der zweiten Reihe, während Stölzels „Missa in e“ unbedingt künftig mehr Beachtung finden sollte. Stölzels Opus mutet frischer, lebendiger an, als das von Benda. Auch dessen Kantate „Der Feinde schäumende Menge“ ist ein Eintauchen in Thüringens reiche Musikgeschichte. Wer zuhört, erkennt bereits hier, woher Mendelssohn bei seinem Elias schöpfte. Natürlich hätte das Orchester noch dynamisch differenzierter, der Chor – insbesondere im Sopran – mutiger agieren können, doch unter dem Strich war das ein gelungener Einstieg ins Festival „Güldener Herbst“, welches ja erst am Folgetag in Gotha offiziell eröffnet werden sollte.

Die Akademie für Alte Musik Berlin mit ihrem Konzertmeister Georg Kallweit erledigte diesen Part bravourös und wurde ihrer Spitzenstellung unter den  Barockorchestern der Republik absolut gerecht. Auch das 80-minütige Programm war hochkarätig gefächert: Vier Suiten von Michel-Richard Delalande, Jean-Baptiste Lully, Johann Bernhard Bach und Georg Philipp Telemann beleuchteten „Les Caractères de la Danse“ mit berauschendem Esprit. Delalandes Suite katapultierte den Hörer an den Hof von Versailles und stellte so die Liaison nach Frankreich her. Wunderschön fiel die klangliche Ballance in der köstlichen Akustik der aufwändig restaurierten Augustinerkirche Gotha aus, einem Predigtort des Reformators. Elegant wechselten Tutti und Bläsersoli ab, Violoncello, Cembalo und Gambe befeuerten das klingende Fundament, während Lee Santana (Gitarre) und Kallweit an der Solovioline in ihren Parts ungezwungene französische Heiterkeit versprühten. Lullys Suite „Phaeton“ wendete musikhistorisch – er wirkte eine Generaton vor Delalande – noch einmal den Blick zurück: Lullys Stil ist noch leichter, rauschender, beschwingter als der seines Nachfolgers im Amt des Superintendent der königlichen Musik. Packend gestaltete das Ensemble insbesondere das „Entrée des furies“mit echten Windgeräuschen, die die Oboistin Eleonora Trivella mittels einer kleinen Windmaschine erzeugte. Die „Petit Air“ lotete dann die leisen Zonen der Dynamik aus, wobei ersichtlich wurde, dass das Ensemble ein bestens aufeinander abgestimmtes Team ist. Johann Bernhard Bachs (1676-1749) Orchestersuite Nr. 1 g-Moll dagegen vertiefte die Wirkung des gravitätischen, mitteldeutschen Stils. Aufgeladen mit purer Ernsthaftigkeit ist Johann Bernhards Musik derjenigen seines entfernten Vetters Johann Sebastian gar nicht unähnlich. Er frönt dem Ideal des „goût réunis“, der unterschiedliche Stile verschmilzt. Der Konzertmeister musste hier in solistischen Passagen schwer ackern, denn absolut virtuos ist die Stimme geschrieben, schwelgte dann aber um so zarter in der „Air“, während sich der Rest des Orchesters mit Pizzicato begnügte. Eine erlesene Suite in rasanter Interpretation, die nur noch von Telemanns Orchestersuite „La Musette“ übertroffen wurde, welche mit ihrer opulenten Ouvertüre ein Beispiel für Telemanns kosmopolitische Innovationskraft abgab. Da rasselt es, tanzt es auf ruhendem Bass oder wird virtuos-munter eingeheizt.

Als mehr folkloristische Landpartie ist das Familienkonzert in der St. Petri-Kirche im wenige Kilometer südöstlich von Gotha entfernten Wandersleben einzuordnen. Hier musizierte die kostümierte „Erfurter Camerata“ unter der Leitung von Dieter Schumann, der selbst zünftig an Virginal, Orgel, Tenorblockflöte und Krummhorn zu vernehmen war. Kathleen Lang, die ansonsten an diesem Nachmittag – mehr schlecht als recht – als Gambistin fungierte, stellte neben ihrer Gambe auch den historischen „Trumscheidt“ musikalisch vor. In Lied und Sonata erlebte der Hörer so in historischem Ambiente die Reichhaltigkeit des thüringischen Musikschatzes.

Der Abend mit „Erlesener Kantatenkunst aus Gotha“ in der Margarethenkirche setzte im Prinzip das Ansinnen des Weimarer Prologs fort, nun mit musikalischen Kräften aus Gotha: „Vocalkreis Gotha“ gemeinsam mit ThüringenBarock und dem dreiköpfigen Barocktrompeten-Ensemble Berlin stemmten sieben Werke, die allesamt die Vielfalt des barocken Musikkosmos der ehemaligen kleinen Residenzstadt spiegelten. Sopranistin Anna Kellnhofer war an diesem Abend besser in Form als in Weimar, konnte aber das Niveau von Johannes Weinhuber (Bass) nicht erreichen. Auch Oliver Kaden blieb mit zu kleinem Organ zu blass. Interessant Wolfgang Carl Briegels (1626-1712) Kantate „Und es erhub sich ein Streit“. Auch Christian Friedrich Witts „Gelobet sei der Herr“ in strahlendem Dur wurde glanzvoll in Szene gesetzt, am meisten gefiel aber die Messe in C von Johann Pachelbel. Kunstvoll verwoben sind da die Stimmen, da ziert Trompetenglanz das Gloria und famose Soli garnieren ein in der aktuellen Musikszene fast nie zur Aufführung gelangendes Werk des Nürnbergers. Das alles wurde getoppt von den beiden Stölzel-Kompositionen: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir“ sowie der abschließenden Prunkkantate „Gott aber sei Dank“. Der gebürtige Sachse wusste schon um die Wirkung seiner Musik, die auch das Publikum des Güldenen Herbst beeindruckte, was auch das Nachtkonzert „Oud-Lyrik Prosa“ mit Mohamad Alfaham (Oud), Thorsten Haag (Ney, Rebab) sowie Rezitator Paul Enke zweifelsohne tat. Die drei Künstler verwoben Weisheiten des Orients in Form von Texten des Dichters Hafis mit passend dazu improvisierter Musik in stiller Atmosphäre der Augustiner Kirche.

Musikalischer Höhepunkt des Festivals war das Abschlusskonzert mit dem Ensemble „Collegium Marianum Prag“ mit seiner versierten norwegischen Konzertmeisterin Lenka Torgersen. Die Truppe um Solistin und Leiterin Jana Semerádová punktete vor allem mit höchster Flexibilität im Musizieren sowie einem sehr ansprechenden, abwechslungsreichen, dynamisch auf Hochspannung getrimmten Programm. Gleich zum Einstieg betörte Johann Friedrich Faschs Ouvertüre D-Dur mit ihren lohnenden, in größter Natürlichkeit dargebotenen Tanzsätzen. Das ist qualitätsvolle Musik, genauso wie das Flötenkonzert e-Moll von Franz Benda, welches Semerádová mit ihrer Traversflöte genial und mit größter Impulsivität, Emphase und Dynamik in Szene setzte. Dazu gesellte sich der Auftritt einer Sopranistin, die ein aufgehender Stern am Himmel der Alte-Musik-Szene sein könnte: Die belgische Solistin Lore Binon begeisterte – oben, von der wunderschönen Empore der historischen Schlosskapelle herab - mit Georg Anton Bendas Kantate „Cephalus & Aurora“. Ihr Schlussauftritt in G.A. Bendas Kantate „Amynts Klagen“ riss das Publikum so in Begeisterungswellen, dass die junge Frau noch Teile aus Mozarts Bravourarie „Exultate, Jubilate“ als Zugabe anfügen musste. Binon hatte alles, um die Besucher einzunehmen, Anmut, Grazie und Leidenschaft und das bei technischer Reife, die ihresgleichen sucht. Auch die Liaison mit Böhmen war geglückt. Bleibt zu hoffen, dass das nächste Festival Güldener Herbst 2021 in Meiningen ähnliche Hochkaräter bereithält. Angekündigt sind die Lauttencompagney Berlin sowie La Venexiana.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Detailinformationen zum Veranstalter Güldener Herbst - Festival Alter Musik in Thüringen

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