> > > > > 16.10.2020
Donnerstag, 29. Oktober 2020

Grütters beim Festival der Jungen in Unterfranken

Live, analog und miteinander

Perspektiven, ein vielsinniger Begriff für das Festival „Fränkische Musiktage Alzenau 2020“, das auf 45 erfolgreiche Jahre zurückblickt und jetzt einem pragmatischen Weg folgte, um seine Mission auch in diesem Herbst zu erfüllen. „Es geht um die Förderung der jungen Elite, um Gelegenheit zu Austausch und Begegnung bei der Arbeit am Werk, das am Ende in intimer Konzertatmosphäre ein kundiges Publikum erfreut.“ So beschreibt es Festivalleiter Gerhard Jenemann. Der Gedanke an eine Absage stand für ihn nie zur Debatte. Um "social distancing" zu gewährleisten, passte er zur 45. Auflage das Programm an und wählte geeignete Auftrittsorte.

Neustart Kultur

Diesen pragmatischen Weg, darauf ausgerichtet, das Eigentliche nicht aufzugeben, lobte die Bundesministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, zur Eröffnung der 45. Fränkischen Musiktage im unterfränkischen Alzenau. In ihre Rede zur Festival-Geschichte wob sie Botschaften ein, die in der Diskussion um Kultur-Relevanz bei aller Plakativität von größter Bedeutung sind. Deutlich unterstrich sie, dass Kultur unvermeidbare Seelennahrung sei, als Bildschirmerlebnis das Gemeinschaftserlebnis nicht ersetzen könne und daher pragmatische Ideen unter Berücksichtigung der Hygiene- und Abstandsregeln gefordert seien. Mit dem Hinweis auf ihr Programm „Neustart Kultur“ und die Aufstockung des Etats auf drei Milliarden Euro finanzieller Hilfen für Künstler und Kultureinrichtungen beschloss sie ihre Ansprache.

Jubiläen

Den musikalischen Rahmen dieser von weiteren Reden durchsetzten Eröffnung gestalteten der Music Campus Frankfurt RheinMain 2020 mit Mitgliedern der hr-Orchesterakademie unter Leitung der Klarinettistin Laura Ruiz Ferres. Die ausgewählten Werke brachten in Erinnerung, was die Pandemie beiseite wischte. Jubiläen, den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven und das damit einhergehende ambitionierte Projekt „BTHVN2020“ sowie den 70. Geburtstag des renommierten Komponisten Enjott Schneider. Das Bindeglied zwischen beiden Komponistenpersönlichkeiten bildete Beethovens Septett in Es-Dur op. 20.

„Meine Schöpfung“

Zunächst erklangen Satz eins und zwei dieses sechssätzigen Kammermusikwerkes, das der 30-jährige Beethoven zur Uraufführung im Jahr 1800 keck als seine Schöpfung in Anspielung auf Haydns Oratorium bezeichnet hatte. Die Besonderheit dieses Werkes liegt weniger in der Länge noch im musikhistorischen Bezug als vielmehr in der Behandlung der Stimmen. Jedes der sieben Instrumente erfüllt eine tragende Rolle, keine Stimme dient ausschließlich der Verstärkung einer anderen.

Diese solistischen Qualitäten im Zusammenklang pflegten die jungen Künstler mit analytischer Sorgfalt auf höchstem Niveau. Ganz nebenbei setzten sich im Bewusstsein der Zuhörer Motive und Passagen fest, die in Enjott Schnieders Komposition anklangen.

Über die Natur und die Freiheit

Mit dem Titel „Beethovens Schöpfung“ und dem Hinweis auf Naturbilder zum Septett Es-Dur op. 20 verwies Enjott Schneider auf seine Absicht, Beethovens Kosmos, dessen Liebe zur Natur als Gottes Schöpfung, sein tiefster Freiheitsdrang und sein Streben nach ewiger Harmonie klangsinnlich zu reflektieren und weiterzuführen. Enjott Schneider wählte Zitate aus Beethovens Tagebuch und Briefen sowie lyrische Naturbetrachtungen von Johann Wolfgang von Goethe, und erweiterte das Ensemble mit Sängern und Instrumentalisten, Sopran- und Tenorsolo mit gemischtem Chor sowie ein Kammerensemble mit Streichern, Bläsern und Schlagwerk.

Das knapp 30-minütige Werk in vier Sätzen vereint unterschiedliche Stile, birgt Naturlaute und Zitate aus op. 20, die zwischen Klopfen und Sekundreibungen, flirrenden Klängen und zartem Säuseln durchschimmern, aufblitzen, die Sätze abschließen. Der Zuhörer begibt sich auf eine Entdeckungsreise und tiefes Eintauchen in einen Klangkosmos, in dem sich Lebensfreude mit Tiefgründigkeit paaren. So gestaltete sich die Uraufführung, souverän geleitet von Gerhard Jenemann, im Klangbild radikal offen und transparent, mit Empathie ausmusiziert, spielverliebt in den witzigen Passagen, flächig dicht im Zusammenspiel. Eine gelungene Hommage.

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Kritik von Christiane Franke

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Eröffnung: Fränkische Musiktage Alzenau

Ort: Kulturforum,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Enjott Schneider

Detailinformationen zum Veranstalter Fränkische Musiktage Alzenau

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