> > > > > 25.09.2020
Montag, 27. September 2021

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Alex Esposito, Etienne Dupuis, Copyright: W. Hoesl

Alex Esposito, Etienne Dupuis, © W. Hoesl

Le nozze di Figaro an der Bayerischen Staatsoper

Mozartglanz in München

Es sind „Mozartwochen“ an der Bayerischen Staatsoper. Neben der „Zauberflöte“ und „Così fan tutte“ ging in zweiter Vorstellung nach dem Saisonstart am Freitagabend „Le nozze die Figaro“  als drittes aktuell auf dem Spielplan stehendes Werk Mozarts über die Bühne. Inszeniert hat die erste der sogenannten "Da Ponte-Opern" Christoph Loy, im Gegensatz zu den beiden anderen Produktionen ist hier Lokalmatador Jürgen Rose mit Blick auf Bühnenbild und Kostüme nicht involviert, Johannes Leiacker und Klaus Bruns zeichnen hierfür verantwortlich.

Vom Kleinen ins Große

Loys Arbeit gelingt der nicht einfache Spagat, sowohl die einzelnen Rollen individuell zu charakterisieren als auch das Handlungsgefüge konzeptionell schlüssig darzustellen. Vom Kleinen ins Große geht er dabei buchstäblich vor, vom anfänglichen Miniaturformat in Gestalt einer Puppenbühne mit Marionetten bildet er das Geschehen bis hin zu immer größer werdenden Dimensionen mit schließlich riesenhaft überzeichneten Türen ab, die auch räumlich gesehen das den Protagonisten zunehmend über den Kopf wachsende Geschehen treffend versinnbildlichen. Das gilt zunächst für die titelgebende Figur des Figaro, der an seinem Hochzeitstag ein denkbar turbulentes Wechselbad der Gefühle durchlebt und nach und nach die von ihm geschmiedeten Pläne irgendwann selbst nicht mehr zielgenau kontrollieren kann. Auch sonst gleiten den handelnden Personen die Fäden – und da schließt sich der symbolische Kreis zu den Marionetten – mal hier, mal dort immer wieder aus der Hand, echte Gewinner oder Verlierer gibt es am Ende nicht. Jeder versucht, sich auf seine Art so gut wie möglich durch den „tollen Tag“ (so der Untertitel der literarischen Beaumarchais-Vorlage) zu lavieren und nimmt dabei – bewusst oder unbewusst – um sich herum entstehende Kollateralschäden in Kauf. So richtig konsequent und ehrlich sich selbst und den anderen gegenüber ist dabei keiner – und genau dieses allgemeine Gefühlschaos mit seinen vielfältigen zwischenmenschlichen Interferenzen bringt Loy auf den dramaturgischen Punkt. Die rokokohafte Grundhaltung der Kulisse verleiht dem Ganzen ein ästhetisch tragendes Ambiente, die Mischung von Personenführung und Bildern stimmt.

Mozart-Kompetenz

Und das tut sie auch musikalisch. Nicht ganz zu überzeugen vermag zwar mit zuweilen angestrengt wirkenden Höhen (der frisch zum Kammersänger ernannte) Alex Esposito in der Titelrolle, seine Phrasierung besitzt nicht immer natürlich schlanke Geschmeidigkeit. Umso besser gestaltet hingegen seine Verlobte (Louise Alder als Susanna) mit strahlenden Spitzentönen und einfühlsam geformten Kantilenen ihre Partie. Feines, sinnlich warm abgerundetes Mezzo-Timbre und stilvolle Noblesse in der Haltung zeichnen Golda Schultz´ Leistung als Gräfin aus. Etienne Dupuis glänzt als ihr Gatte mit vollem, in allen Lagen stabilem Volumen, leidenschaftlichem Parlando und charismatischem Schauspiel, das ihn in seiner Ambivalenz von äußerlich selbstbewusster Aufdringlichkeit einerseits, innerlichen emotionalen Zweifeln andererseits, aus Publikumssicht gar nicht so standesmäßig abgehoben erscheinen lässt, sondern ihm durchaus auch charakterliche Sympathiepunkte einbringt. Nicht zu vergessen: Die darstellerisch erfrischend agile Emily D´Angelo als Cherubino, deren Sopran auch stimmlich exzellent kalibriert ist. Exemplarisch im Finale des ersten Akts finden die Akteure in Mozarts meisterhaft komplex geschichteter Mehrstimmigkeit immer wieder zu transparent aufgefächerter Balance.

Ein Sonderlob verdient sich auch das Staatsorchester und Leitung von Constantinos Carydis, der einen wirklich begeisternden Mozartklang kreiert. Selten hat man die gefühlt in jedem zweiten Gala-Programm routinemäßig heruntergespielte Ouvertüre so geschmackvoll und schwerelos-luftig gehört, diese musikalisch elastische Spannkraft setzt sich durch den ganzen Abend hindurch fort. Seine hohe Mozart-Kompetenz hat das Orchester ohnehin bereits in den beiden anderen eingangs erwähnten Produktionen bewiesen, und so kann man nach knapp einem Monat Neustart und Pilotphase bilanzieren: Mit einem richtig starken Mozart-Dreierpack hat die Bayerische Staatsoper im September gleichermaßen ein richtiges und wichtiges Zeichen wie musikalische Glanzpunkte gesetzt. Schmerzlich sind lediglich die Kürzungen der pandemiebedingt adaptierten Fassung: Schon das erste „Duettino“, in dem nicht nur das Zimmer vermessen, sondern auch der musikalische Rahmen von Mozart schon so genial abgesteckt wird, fällt den Streichungen zum Opfer; auch die Chorszenen müssen personell radikal ausgedünnt werden. Diese Einschränkungen gehören aber hoffentlich auch bald wieder der Vergangenheit an, bis dahin gilt einstweilen weiterhin erstmal die Devise: Hauptsache, es wird überhaupt – und am besten so gut wie an diesem Abend – gespielt!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Le nozze di Figaro: Opera buffa in vier Akten von W.A. Mozart

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Klaus Bruns (Bühnenbild), Constantinos Carydis (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Christoph Loy (Regie), Alex Esposito (Solist Gesang), Golda Schultz (Solist Gesang), Etienne Dupuis (Solist Gesang)

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