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Mittwoch, 8. Dezember 2021

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Szenenfoto, Copyright: Falk von Traubenberg

Szenenfoto, © Falk von Traubenberg

Max Emanuel Cenčić brilliert mit Porporas 'Carlo il Calvo'

Bayreuth leuchtet

Der Countertenor, Regisseur und frisch ausgelobte Intendant Max Emanuel Cenčić hat sich mit seinem Team einen Traum erfüllen können und ‚Bayreuth Baroque‘ kreiert, ein neues ‚Alte-Musik-Festival’, das zunächst auf drei Jahre angesetzt ist. Ein fulminantes Festival, ein grandioser Triumph, ein glückspendendes Dramma-per-Musica-Wunder in düsteren Zeiten. Bravi und Standing Ovations ließen das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth erbeben. Stars der Alten Musik Szene traten auf, erfüllten die durch die Corona bedingte Absage der diesjährigen Bayreuther Festspiele etwas trostlos dahindämmernde Wagnerhochburg mit Glamour und für die Zukunft bergenden Visionen.

Das seit 2012 zum Weltkulturerbe zählende Markgräfliche Opernhaus Bayreuth, erbaut 1748 unter der kunstsinnigen Obhut von Wilhelmine von Bayreuth nach Dresdner und Wiener Vorbild, ist ein Kleinod an prunkvoller Eleganz mit 450 Parkettplätzen, drei Logenrängen und einer von historischen Kulissen umrahmten Bühne. Nicola Porporas 'Carlo il Calvo' ('Karl, der Kahle'), ein in der Karolingerzeit spielendes Erbschaftsschauerstück um den Kaiserthron, gab es zur prunkvollen Eröffnung. In London konkurrierte Porpora vier Jahre lang mit Händel. Leonardo Vinci, mit welchem Porpora in Neapel studierte und dessen 'Gismondo' Cenčić witzigerweise am Schluss von ‚Bayreuth Baroque‘ konzertant erstrahlen ließ, galt als Porporas ewiger Rivale. In dieser Epoche bewegt sich der Zuschauer, wenn er das farbenprächtige barocke Illusionstheater in Bayreuth betritt.

Neue Ideen, virtuose Schaustücke und Kofferarien ersann Porpora 1738 in Venedig nach einem Londoner Desaster für eben jenen 'Carlo il Calvo', den Cenčić nahezu ungekürzt als mafioses Kammerspiel inszeniert. Er verlegt das Stück in ein chic gestyltes 20er-Jahre-Ambiente. Am Rande bemerkt: Der rockige Barockcharleston war ein köstliches Highlight!

Höchste Interpretationskunst

Cenčić gab den Lottario, der als Pate à la Marlon Brando daherkommt. Er singt diese Partie nicht nur anrührend schön, sondern auch so, dass es betroffen macht. Er zeigt als Regisseur, dass er Sympathie für all seine Figuren hat. Sein emphatisches Gespür für zwischenmenschliche Befindlichkeiten, Neigungen und Zuneigungen lassen die fünf Stunden (plus zwei Pausen) höchster Interpretationskunst und Da-Capo-Arien mit Trillern und rasanter Bravour spannend, unterhaltsam und rasend schnell verfliegen.

Cenčić vermag es, dass das Spiel um Machtgier, blutige Ränke, Intrigen und der Mord am Schluss verpuffen und dem Zauber der Versöhnung, dem Lob der Tugend erliegen. Seine Figur hegt innige, aber versteckte Gefühle für ihren Leibwächter Asprando und gießt diese Zärtlichkeit beseelt in die Arie 'Quando s’oscura il cielo'. Weltstar und Countertenor Franco Fagioli brilliert vorzüglich als verklemmter Sohn des ‚Paten‘ mit traumwandlerischer Stimmakrobatik und Innigkeit in Geste und Ton. Er setzt so ein musikdramatisches Gegenwicht. Liebreizend, zutiefst menschlich gestalten er und Julia Lezhneva (Gildippe), Liebestöne glucksend, 'Dimmi, che m’ami'. Ein Verzehren von Liebe und Sehnen, das den Höhepunkt der Oper bildet. Eine Wonne des Augenblicks und der Glückseligkeit für Auge und Ohr!

Denkwürdig

Suzanne Jerosme (Giuditta) entlockt als Mutter des Thronerben Carlo warme gesangliche Empfindungen. Bruno de Sà ihr Liebhaber und Anwalt Berardo überzeugt als höhensicherer Sopran-Counter ebenso wie seine Verlobte Nian Wang (Eduige), die als gehorsame Tochter mit zuckersüßer Sopranpräsenz aufwartet. Die Überraschung des Abends war Petr Nekoranec (Asprando), dessen Tenor Männlichkeit und kernige Erdigkeit offenlegte. Dirigent George Petrou entfachte mit seinen hochkonzentrierten Ensemble Armonia Atenea delikate, berauschende Funken, ein loderndes emotionales Feuer. Ein fulminanter, grandioser, denkwürdiger Abend. Möge ‚Bayreuth Baroque’ blühen und gedeihen. 2020 ist ein Schicksalsjahr für die Kunst. Corona zum Trotz ist in Bayreuth der Grundstein für ein zukunftweisendes Festival gelegt, das vergangene und verlorene Schätze höchster barocker Gesangs- und Musizierkunst birgt, erforscht und auf der Bühne lebendig werden lässt.

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Kritik von Barbara Röder

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