> > > > > 26.09.2020
Sonntag, 25. Oktober 2020

1 / 5 >

Szenenfoto Giselle, Copyright: Wilfried Hoesl

Szenenfoto Giselle, © Wilfried Hoesl

Das Bayerische Staatsballett mit "Giselle"

Maximale Punktzahl

Den Auftakt in die Jubiläumssaison seines 30-jährigen Bestehens hatte sich das Bayerische Staatsballett anders vorgestellt, nach all den unvorhersehbaren pandemischen Hindernissen kann es – und das ist das Wichtigste – seit Anfang September aber immerhin überhaupt wieder spielen. Den geltenden Vorschriften geschuldete Anpassungen sind für jede Vorstellung vorläufig zwar nötig, sowohl das BSB als auch das Publikum sind aber heilfroh, dass sich die Bühne des Nationaltheaters endlich wieder mit tänzerischem Leben füllt. Mit Tschaikowskys „Schwanensee“ war man zuvor in die neue Spielzeit gestartet, mit „Giselle“ wurde  zum 159. Mal seit der 1974er-Premiere und in dritter Aufführung seit dem Neustart eines der großen klassischen Handlungsballette gegeben. Hatte in „Schwanensee“ leider auch musikalisch gekürzt werden müssen, ließ sich dies zumindest bei „Giselle“ glücklicherweise vermeiden.

Künstlerischer Glücksfall

Ohne Beschränkungen kommt aber auch dieses von Haus aus eher bildgewaltige „Ballet phantastique“ nicht aus. Nicht vollzählig kann etwa die Geisterwelt der Wilis im zweiten Akt antreten, wie in „Schwanensee“ sind derzeit lediglich reduzierte Gruppenszenen möglich. Nur 12 statt der etatmäßigen 18 Tänzerinnen führen die kunstvollen Formationen hier aus – auch in „Unterzahl“ erzielen diese Bilder aber maximale ästhetische Punktzahl. Und trotz personell ebenfalls dezimierter Jagd- bzw. Festgesellschaft vermitteln auch diese Episoden ein lebendiges, buntes Flair. Dass all das unter den gegebenen Umständen so gut funktioniert, ist u.a. ein Verdienst des leitenden Ballettmeisters Thomas Mayr, der die choreographischen Abläufe situationsbedingt angepasst und dafür eigens Grünes Licht von Sir Peter Wright, dem Schöpfer der vorliegenden, überarbeiteten Originalversion eingeholt hat. Dabei hatte letzterer dieses Stück nie selbst getanzt, als er Mitte der 1960er-Jahre in seiner Zeit als Ballettmeister beim legendären Stuttgarter Ensemble um John Cranko von diesem mit der Neuinszenierung beauftragt wurde. Nach eigenen Worten zum Gähnen langweilig hatte Wright „Giselle“ bis dahin vielmehr gefunden. Im Nachhinein ein künstlerischer Glücksfall, dass Cranko Wrights eigenen Zweifeln zum Trotz auf diesem Projekt bestand – die daraus entstandene Fassung hat es mit Recht zum international etablierten Dauerbrenner gebracht. Auch sonst ist im Übrigen die ganz überwiegende Anzahl der gängigen Versionen eng an die (zunächst 1887 von Marius Petipa überarbeitete) Urfassung von Jean Coralli und Jules Perrot angelehnt. Als vermutlich einziges Haus hat das BSB seinem Publikum in der Vergangenheit den Luxus geboten, den direkten Vergleich mit einer zeitgenössischen Version des schwedischen Choreographen Mats Ek zu ziehen.  

Solo im Mondlicht

Eine Vielzahl von Rollendebüts ist an diesem Abend zu erleben, erstmals tanzen Maria Baranova (Giselle) und Yonah Acosta (Herzog Albrecht) die Hauptrollen – und das sehr erfolgreich. Schon im ersten gemeinsamen Pas de deux harmonieren sie mit fein geschliffener Synchronität in Bewegungsabläufen und Schrittfolgen, im großen Pas de deux des weißen Akts bezaubern sie mit wunderbar schwerelos dahingleitenden Hebefiguren. Auch in ihren Soli überzeugen beide voll und ganz, Baranova als Anmut in Person, die gleichwohl bis in Gestik und Mimik hinein auf eine nicht ausschließlich naive Darstellung ihrer Figur setzt, sondern sehr wohl auch in der Lage ist, ihren schwärmerischen Neigungen selbstbewussten Ausdruck zu verleihen. Acosta besticht beispielhaft mit seinen landungssicher ausgeführten fulminanten Sprungserien im zweiten Akt. Emilio Pavan gibt mit resoluter Attitüde den großen, tänzerisch jederzeit versierten, bis zuletzt beharrlichen Kontrahenten. Aus dem Pas de six im ersten Akt ragt das Solo-Paar mit Elvina Ibraimova (gleichfalls im Rollendebüt) und einem in puncto Technik und Ausdruck gewohnt verlässlichen Jonah Cook heraus. Ebenfalls erstmals ist Madison Young als Myrtha zu sehen, die sie auf Anhieb – besonders in ihrem ausladenden, in stimmungsvolles Mondlicht getauchten Solo – mit unnachgiebiger Strenge und souveräner Körperspannung charakterisiert. Auch das Corps de Ballet zeigt sich bestens aufgelegt, exemplarisch mit mit symmetrischer Dreiviertel-Grazie. Von Anfang an illustriert das Orchester unter Leitung von Valery Ovsyanikov die Geschichte mit im Schlagwerk rhythmisch zupackenden Impulsen und lässt Adolphe Adams Musik über weite Strecken klangfarblich adäquat leuchten. Lediglich Mitte des zweiten Akts lässt die Homogenität der Streicher kurzzeitig nach. Alles in allem liefert diese „Giselle“ aber in jedem Fall den Beweis: Hochkarätiges Ballett ist auch im künstlerischen Ausnahmezustand möglich.  

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Niels Gade: String Quartet op. 63 in D major - Andante, poco lento

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich