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Donnerstag, 3. Dezember 2020

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Cosi fan tutte_C.Karg_A.Brower_T.Erraught_, Copyright: c_W.Hoesl

Cosi fan tutte_C.Karg_A.Brower_T.Erraught_, © c_W.Hoesl

Così fan tutte an der Bayerischen Staatsoper

Das liebende Klassenzimmer

„La scuola degli amanti“ (zu Deutsch: Die Schule der Liebenden) lautet der erweiterte, von vornherein eine Lektion über die Liebe implizierende Titel von Mozarts „Così fan tutte“. Die dritte der in bewährt kongenialer Zusammenarbeit entstandenen "Da-Ponte-Opern" hat an der Bayerischen Staatsoper Dieter Dorn in Szene gesetzt. Bereits aus dem Jahr 1993 datiert die Premiere im Alten Residenztheater (Cuvilliés-Theater), schon vor Corona war sie seither etwas überarbeitet worden, aktuell muss pandemiebedingt leider noch zusätzlich gekürzt werden.

Klare Erzählhaltung

Das „Klassenzimmer“ für den Anschauungsunterricht in Sachen Treue (bzw. Untreue) ist optisch in einfachem, wohltuend klarem und aussagekräftigem Ambiente gehalten, die Geschichte wird (maßgeblich bereichert durch die zeitlos ästhetischen Kostüme und Bühnenbilder von Jürgen Rose) stringent und ohne Umschweife erzählt – nicht mehr und nicht weniger. Die Regiearbeit hebt keinen unnötig moralisierenden Zeigefinger und versucht auch nicht, sperrig psychologisierende Baustellen aufzumachen oder krampfhaft implantierte aktuelle Bezüge herzustellen, wo keine sind. Als „Dramma giocoso“ ist Mozarts Oper gedacht, in der Tat kommt der Spaß hier nicht zu kurz, den augenzwinkernd humorvollen Seiten des Librettos gibt die Inszenierung angemessenen Raum. Sogar das Thema Corona bringt sie im Kontext der wundersamen medizinischen Therapie des zur Rettung der vergifteten "Fremdlinge" herbeieilenden Doktors (schon damals eine parodistische Anspielung auf die fragwürdigen Methoden des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer) originell unter. Auch wenn die Bühne über die gesamte Distanz ein wenig statisch wirkt, punktet die Arbeit von Dorn und Rose durch eine lebendige Personenführung und ihre schnörkellose Deutung als spritzige, temporeiche Komödie. Einzig die notorisch zahlreich verwendeten Stühle werden als Accessoire auffallend überstrapaziert, der Sinn dieses allgemeinen „Stühlerückens“ erschließt sich nicht ganz – vielleicht ja ein Symbol dafür, dass die Protagonisten bildlich gesprochen immer wieder zwischen selbigen sitzen.

Ausgelebte Emotionen

Musikalisch glänzend führen sich gleich zu Beginn die beiden wankelmütigen Schwestern (bei der Wiener Uraufführung 1790 tatsächlich mit einem Geschwisterpaar besetzt!) ein. Fiordiligi (Christiane Karg) überzeugt mit natürlich wirkender, bruchloser Phrasierung und strahlenden Höhen, Dorabella (Angela Brower) mit warmem Mezzo-Timbre und schlanken Koloraturen, beide interagieren mit erfrischend quirliger Spielfreude. Als Liebhaber bzw. Verlobte begeistern Andrè Schuen (Guglielmo) mit dynamisch in allen Liebes- und Lebenslagen flexibler, geschmeidig fließender Gesangslinie und Ioan Hotea (Ferrando) mit unangestrengtem, höhensichererem Volumen. Mit liebenswert umtriebiger Nonchalance, der nötigen Portion frechem Selbstbewusstsein und wandelbarer Stimmfarbe singt und spielt sich Tara Erraught als Despina in die Herzen des Publikums. Last, but not least: Edwin Crossley-Mercer, dem als gewitzt-durchtriebener Strippenzieher der schauspielerische Schalk im Nacken sitzt und der die Fäden mit kraftvoller Bariton-Fülle und lässig überlegenem Parlando bis zum Gewinn seiner Wetter souverän in der Hand hält. Dass die Handlung aus heutiger Sicht eher albern und (nicht erst seit gestern) aus der Zeit gefallen anmuten mag, stört da überhaupt nicht – ja, man merkt es ob der durch die Bank glaubwürdig in ihren Rollen aufgehenden Darsteller fast schon gar nicht mehr. Ob gekränkte Eitelkeit, Eifersucht, gespieltes Entsetzen oder veritabler Furor – Emotionen werden hier konsequent ausgelebt. Ein ganz wesentliches Übriges zum gelungenen Gesamtpaket tut das bestens aufgelegte Staatsorchester, das von der Ouvertüre an durch zupackende Tempi und einen wunderbar luftig aufgefächerten Mozart-Klang besticht, den man so leider viel zu selten findet. Antonello Manacorda am Pult stellt eine durchweg ausgewogene dynamische Balance zwischen Klangkörper und Gesangspersonal mit nur ganz seltenen Asynchronitäten im Tempo her.

Mozarts „Così“ ist in ihren subtil gemischten Facetten zwischen hintersinniger Ironie, intrigierendem Ränkespiel, entwaffnendem Humor, zwischendurch inmitten der allgemeinen Maskerade aber auch aufrichtigen, musikalisch sinnlich und anrührend dargestellten Gefühlen nicht leicht umzusetzen. Ganz im Sinne des Titels kann man zu dieser Produktion nur sagen: Wenn es doch alle so (gut) machen würden!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Così fan tutte: Dramma giocoso in 2 Akten von W.A. Mozart

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Jürgen Rose (Bühnenbild), Antonello Manacorda (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Dieter Dorn (Regie), Christiane Karg (Solist Gesang), Edwin Crossley-Mercer (Solist Gesang)

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