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Montag, 30. November 2020

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Szenenfoto Schwanensee, Copyright: W. Hoesl

Szenenfoto Schwanensee, © W. Hoesl

Ray Barras Schwanensee in München

Geglückter Neustart

Das Bayerische Staatsballett hat Glück: Kurz vor Saisonstart wurde die Besucherkapazität von den bis dato in Bayern zugelassenen 200 Zuhörern auf 500 erhöht. Zumindest zu etwa einem Viertel ist der Saal damit besetzt. Daran, dass es – verglichen mit erfolgreich praktizierten Konzepten in Österreich – in der Relation zum Fassungsvermögen auch unter Wahrung der Sicherheitsaspekte sicherlich etwas mehr sein könnten, ändert das nichts.

Adaptierte Wiederaufnahme

Dennoch: Was primär zählt, ist, dass überhaupt wieder gespielt wird, nach sechsmonatiger Pause war es eine denkbare Herausforderung für alle Beteiligten, die komplexen Auflagen mit dem künstlerischen Konzept in Einklang zu bringen. Kürzungen konnten da zwangsläufig nicht ausbleiben, die Anzahl der Darsteller in den Ensemble-Szenen musste reduziert werden, statt 24 Schwänen gibt es nur 12 im Gefolge von Odette bzw. Odile, Abstandsregeln müssen gewahrt bleiben, auf Kinderstatisterie wird verzichtet. Unermüdlicher Arbeit und gestalterischer Flexibilität aller Beteiligter ist es zu verdanken, dass dabei unter Federführung von Ballettdirektor Igor Zelensky und Ballettmeister Thomas Mayr dennoch eine Adaption von Ray Barra, an der traditionellen Choreographie von Marius Petipa und Lew Iwanov orientiertem „Schwanensee“ herauskommt, die nicht als „Notlösung“ daherkommt, sondern vollgültigen Maßstäben genügt. Vor 10 Jahren war Barras Version zuletzt in München aufgeführt worden, nachdem er 1995 von der damaligen Gründungsdirektorin des Bayerischen Staatsballetts, Konstanze Vernon, mit der Umsetzung beauftragt worden war. Die insgesamt 92. Vorstellung der in diesem Kontext wieder aufgenommenen Fassung ging am gestrigen Abend, sozusagen in der Premiere der modifizierten Fassung im Nationaltheater über die Bühne. Barra selbst hat gerne seinen Segen zu den coronabedingten Änderungen gegeben. .

Geschlossene Symmetrie

Vom Prolog an interagieren die Darsteller mit spürbar spielfreudiger Präsenz. Die Festgesellschaft zu Beginn des ersten Aktes ist zwar (wie auch die spätere Ball-Szene) personell ausgedünnt, versprüht deswegen aber nicht weniger lebendiges Flair. Eine glänzende Figur als Charlotte macht hier Laurretta Summerscales, ebenso Dmitrii Vyskubenko (wie auch im dritten Bild beim „Italienischen Tanz“) als Benno. Es folgt ein weitgehend akkurat synchronisierter Pas de six. Choreographie an sich basiere, so Marius Petipa einst selbst, „auf der Schönheit und Harmonie der Linien“. Diesem Postulat folgt Barras Ansatz konsequent, exemplarisch in den geometrisch präzise geformten, hüpfend gleitenden Arabesque-Bewegungen des zahlenmäßig zwar verkleinerten, deswegen aber nicht minder ästhetischen Schwanen-Defilees. Auch das mit bezauberndem Charme dargebotene weltbekanntem „Allegro moderato“ (besser bekannt als „Tanz der vier kleinen Schwäne“) darf natürlich nicht fehlen. Das Corps de Ballet trumpft über die gesamte Distanz mit geschlossener Symmetrie auf. Vom ersten Solo an überzeugt Prisca Zeisel als Odette/Odile, darstellerisch fokussiert kehrt sie gekonnt die elegant-anmutige, helle Seite ebenso wie die dunkle Facette der Doppelrolle heraus. Auch auf das fulminant getanzte Highlight der berühmten 32 Fouettés aus dem Pas de deux des dritten (hier zweiten) Aktes braucht man zum Glück nicht zu verzichten. In den kurz darauffolgenden Drehungen à la seconde steht Jinhao Zhang als Prinz Siegfried ihr technisch in nichts nach, auch sonst überzeugt er tänzerisch mit ebenmäßigen Hebungen, luftigen Sprüngen und sicherem Aplomb auf der ganzen Linie. In den Schrittfolgen harmonieren beide bestens. Schauspielerisch wirkt Zhang mitunter allerdings etwas zu unterkühlt und transportiert die zerrissenen Emotionen der von Barra expressiv gezeichneten Figur leider nicht bis ins Detail. Umso mehr gelingt das Emilio Pavan, der das bedrohliche Wesen des Rotbart absolut treffend verkörpert. Würdevolle Noblesse besitzt Séverine Ferrolier als Königin Luise. John Macfarlanes Bühne und Kostüme liefern dazu kraftvolle, aussagekräftige Bilder.

Klangliche Erzählkraft

Herauszuheben ist auch die Leistung des Staatsorchesters, unter Leitung von Tom Seligman setzt es hier prägnante perkussive Impulse, verströmt dort märchenhaft-lyrische Wärme und strahlt bis ins feine Holzbläser-Geflecht klangliche Erzählkraft aus. Besonders auszeichnen können sich Konzertmeister David Schultheiß und die Solo-Oboenstimme. Ein Happy End gibt es bei Barra nicht, Prinz Siegfried überlebt Rotbarts Schluss-Offensive nicht – das mag daran liegen, dass er selbst als Ballerino seinerzeit schon in John Crankos bahnbrechender, ebenfalls tragisch endender Stuttgarter Fassung beteiligt war. Happy ist man aber am Ende trotzdem – dass das Bayerische Staatsballett aus den erschwerten Bedingungen das Beste macht und endlich wieder spielt! Dieser Neustart ist definitiv gelungen, bis November steht „Schwanensee“ noch ein paar Mal auf dem Münchner Spielplan – wer es einrichten kann: Hingehen lohnt sich!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Schwanensee: Ballett in 2 Akten (Barra/Tschaikowsky)

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester)

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