> > > > > 15.10.2020
Sonntag, 25. Oktober 2020

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Andrew Manze, Copyright: Astrid Ackermann

Andrew Manze, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Daniel Müller-Schott

Verspätetes Debut

Schon lange ist Daniel Müller-Schott auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Da ist es schon erstaunlich, dass der gebürtige Münchner ausgerechnet mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als einem Klangkörper von Weltformat aus seiner Heimatstadt bis dato – zumindest in voller Besetzung – noch nie zusammengespielt hatte. Das änderte sich gestern Abend, mit Schumanns Cellokonzert a-Moll op. 129 debütierte Müller-Schott in der Münchner Residenz beim BRSO unter Leitung von Andrew Manze. Erst tags zuvor war die für die Bayerische Staatsoper und die Philharmonie im Gasteig ausgerufene Pilotphase zum zweiten Mal (!) verlängert worden. Trotz positiver Bilanz wurde der Herkulessaal als Spielstätte nach wie vor nicht mit einbezogen – das verstehe, wer will. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass Müller-Schott unlängst in Wien vor 1.000 Zuhörern gespielt hatte, das Gefälle kulturpolitisch "systemrelevanter" Gewichtungen ist hier weiterhin enorm.

Selbstbewusste Führungsrolle

Doch zum musikalischen Geschehen: Von Beginn an übernimmt Müller-Schott im Kopfsatz eine selbstbewusste Führungsrolle und eröffnet das zerklüftet an- und absteigende Eingangssolo mit expressiver Entschlossenheit. Markantes Bass-Volumen und ruppige Sforzato-Akzente stellt er beseelten Kantilenen distinguiert gegenüber, den Schönklang seines 1727er-"Ex-Shapiro"-Goffriller-Instruments versteht er raumgreifend einzusetzen. Technisch überlegen meistert er das Passagenwerk, dazu setzt er facettenreiches Vibrato ein und erzeugt musikalisch das, was er selbst mit Blick auf das Werk das „innere Brennen“ nennt. Nachdrücklich hebt er das charakteristische Triolen-Motiv heraus und bringt die Schumann'sche „Florestan und Eusebius-Mentalität" treffend zur Geltung. In klanglicher Hinsicht stellt Manze eine gute Balance her, in musikalischer nicht ganz: Die stürmisch-charismatische Intensität von Müller-Schotts Vortrag erreicht sein Ansatz nicht, speziell in Tutti-Passagen weckt er nicht recht die romantische Leidenschaft und könnte, auch wenn dem Orchester kompositorisch eine eher zurückhaltende Rolle zugedacht ist, prägnantere Akzente setzen. Gut gelingen dagegen die dialogisierenden Streicherfiguren. Im Mittelsatz sprechen Cello und Orchester eher dieselbe Sprache: Müller-Schott überzeugt weiterhin mit emotionalen Gegensätzen zwischen derb-extrovertierten Impulsen, gestenreichen Crescendi und intimem Pianissimo über dezenten orchestralen Pizzicati. Ein wunderbar inniger Dialog entsteht zwischen Müller-Schott und Solo-Cellist Lionel Cottet. Dem Schlusssatz verleiht Manze wiederum nicht die rhythmisch straffe Elastizität und das kantige Profil, das Müller-Schott diesem mit kernigen Staccato-Akzenten, dabei aber ohne jeglichen Anflug von Manierismen zu geben vermag. Ihm gelingt der Spagat, Schumanns emotional aufgewühlte Musik schlank und gleichzeitig angespannt fließen zu lassen. Manze dagegen phrasiert etwas zu sehr in die Breite. Bei seinem „Heimspiel“ entlässt das Publikum Müller-Schott selbstverständlich nicht ohne Zugabe: In Pablo Casals´ „Gesang der Vögel“ zieht er nochmals alle Register seiner reichen Klangpalette bis hinein in filigrane Flageolett-Sphären und zart flüsterndes Pianissimo.

Vorbild Mariss Jansons

Es folgt Beethovens Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21. Im „Adagio molto“ nimmt Manze sich Zeit, die weit gespannten Legato-Bögen sich entfalten zu lassen, im „Allegro con brio“-Abschnitt kreiert er eine aufgeweckte Dynamik, das BRSO agiert stimmlich gewohnt transparent. Insgesamt würde man sich aber eine etwas plastischere, stärker abgerundete Phrasierung wünschen, die musikalischen Pointen sitzen nicht so messerscharf, vergleicht man diese Interpretation etwa mit derjenigen aus dem genialen Beethoven-Zyklus des BRSO unter Mariss Jansons. Schön gerformt sind die pulsierenden Streicherbewegungen des zweiten Satzes, aus präzise geführten Holzbläserlinien ragt Stefan Schilli an der Solo-Oboe heraus. Scharfe Konturen besitzen die polyphonen Elemente. Ein wenig mehr Pep könnte der Menuett-Satz vertragen, auch aus dem „Finale“ holt Manze nicht alles heraus, der elektrisierend zündende Funke springt nicht ganz über. Auch wenn er zum Ende hin nochmals eine gesteigerte Explosivität kreiert, hinter der packenden Griffgkeit und dem rauschhaften Sog unter Mariss Jansons bleibt Manze deutlich zurück.

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Kritik von Thomas Gehrig

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BRSO: Andrew Manze/Daniel Müller-Schott

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Robert Schumann, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Andrew Manze (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Daniel Müller-Schott (Solist Instr.)

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