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Sonntag, 25. Oktober 2020

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Francois-Xavier Roth, Copyright: Astrid Ackermann

Francois-Xavier Roth, © Astrid Ackermann

Das BRSO und François-Xavier Roth in München

Mozart mit zwei Gesichtern

Mehrfach hat sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in den letzten Jahren mit den großen Symphonien Mozarts auseinandergesetzt, etwa erst jüngst (KV 504) bei einem der der kurzfristig anberaumten Neustart-Konzerte unter Franz Welser-Möst, im vergangenen Jahr unter Iván Fischer (KV 543) oder unter Herbert Blomstedt. Besonders mit letzterem lohnt der Vergleich, hat dieser doch 2017 (KV 551) und 2019 (KV 543) mit dem BRSO genau diejenigen Symphonien aufgeführt, die am Samstagabend in der Münchner Philharmonie im Gasteig unter Leitung von François-Xavier Roth erklangen. Dessen generelle Tendenz wird schon in der Es-Dur-Symphonie KV 543 früh klar: Für die einleitenden Takte des „Adagio“-Abschnitts nimmt er sich noch Zeit, mit Nachdruck lässt er die punktierten Tutti-Akkorde ausklingen. Im weiteren Verlauf bestimmen aber fast durchweg auffallend rasche Tempi seine Auffassung. Das passt im „Allegro“-Teil noch bestens, schlanker Fluss, zupackender Elan und eine abgerundete Phrasierung überzeugen hier voll und ganz. Impulsive dynamische Kontraste (etwa in der Durchführung) und feingliedrige Holzbläser (z.B. im Übergang zur Reprise) runden ein stimmiges Mozartbild ab.  

„Wiener Klassik“ trifft „Neue Wiener Schule“

Hatte schon Herbert Blomstedt in besagtem Konzert des vergangenen Jahres für das „Andante con moto“ eine relativ zügige Gangart gewählt, steigert Roth dies noch deutlich. Mit vorwärtsdrängender Intensität und weicher, homogener Klangfülle geht auch das gerade noch gut, auch hier leuchtet der farbreiche Holzbläsersatz des BRSO. Roths wellenförmige Dynamik spannt trotz des hohen Tempos saubere, in sich geschlossene melodische Bögen. Das Menuett nimmt er dann aber doch zu gehetzt, das tänzerisch-leichte Element bleibt zu sehr auf der Strecke und muss einer zwar zupackenden, aber zu rasanten Diktion weichen. Ein stilistisch gleichwohl interessanter Ansatz: Solistisch pointiertes Gewicht legt Roth im Trio punktuell auf die von Konzertmeister Tobias Steymans filigran intonierte erste Violinstimme. Durchaus schnell nahm das „Finale“ übrigens auch Blomstedt, hier gerät das „Allegro“ dann aber vollends eher zum „Presto“, die Geschwindigkeit geht stellenweise auf Kosten der stimmlichen Klarheit.

Schon die letztwöchige Saisoneröffnung hatte ganz im Zeichen der „Wiener Klassik“ gestanden, nun folgt erstmals in der neuen Spielzeit eine stilistische Zäsur: In Anton Weberns „Konzert für neun Instrumente“ op. 24 treten die dodekaphonen Muster stimmlich klar umrissen hervor. Die Instrumentalisten des BRSO zeigen sowohl für sich wie in der wechselseitigen Kommunikation ihre technische Klasse und ihre musikalisch hellwach geschärften Sinne in allen Sphären zwischen geradlinig-kantiger Schärfe und innigem Pianissimo im Mittelsatz. Am Klavier setzt Lukas Maria Kuen mit feinem perkussivem Touch rhythmische Akzente. Und man merkt: Roth, der sich immer wieder engagiert für die Moderne einsetzt, beherrscht dieses Genre.

Fokussierte Energie

Nach dem Zwölfton-Intermezzo kehrt das BRSO zurück zu Mozart. Die C-Dur-Symphonie KV 551 („Jupiter“) lässt dieselben zwei Gesichter wie das vorangegangene Schwesterwerk aus der – von Nikolaus Harnoncourt mit einer etwas steilen These gar zum „Oratorium“ stilisierten – Trias erkennen. Mit signifikant gedehnter Artikulation und demonstrativen Atempausen exponiert Roth die drei markant schleifenden Eingangsakkorde des Kopfsatzes. Mit exakter Intonation und Phrasierung aus einem energetischen Guss hat er auf dieser Seite seines Mozartklangs musikalisch gute Argumente. Auf der anderen schießt er im „Andante cantabile“ wieder über das agogische Ziel hinaus, seine zu hohe, ruhelose Pulsfrequenz nimmt den starken harmonischen Reibungspunkten zu viel von ihrem schmerzlich-melancholischen Ausdruck. Auch sonst leidet hier etwas die Melodik, das schlägt sich u.a. im nahezu ansatzlosen Übergang von Durchführung zu Reprise nieder. Vergleicht man diese Interpretation wiederum mit derjenigen Blomstedts im Herkulessaal Ende 2017, so hatte jener hier zwar ebenfalls ein forsches Tempo angeschlagen, die synkopierten Spannungsfelder der chromatisch komplexen Harmonik aber dennoch besser getroffen. Zu überhastet eilt Roth wiederum durch das Menuett, mit prägnanten Akzenten nimmt er aber zumindest das auf den Schlusssatz vorausweisende Motiv gekonnt suggestiv vorweg. Im „Allegro molto“ gibt er dann wieder Vollgas, mit Ausnahme einer kleinen Unsauberkeit in der Ausphrasierung gelingt die Stimmführung dennoch geschliffen, die Musiker des BRSO haben keine Mühe, das Tempo auch kontrapunktisch bis ins Schluss-Fugato mitzugehen. Der rote Spannungsfaden geht dabei zwar nie verloren, ein bisschen mehr musikalische Luft zum Atmen würde man sich aber auch hier wünschen. Keine Frage: Roths Dirigat setzt fokussierte Energien frei, etwas weniger Geschwindigkeit wäre aber in manchen Sätzen mehr.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Francois-Xavier Roth

Ort: Gasteig,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Anton von Webern

Mitwirkende: Francois-Xavier Roth (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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