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Dienstag, 1. Dezember 2020

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Copyright: Astrid Ackermann

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, © Astrid Ackermann

Saisonstart des BRSO in der Münchner Residenz

Auftakt nach Maß

Nach für alle Beteiligten quälenden Zeiten des Wartens und der Planungsunsicherheit war es am gestrigen Abend soweit: Drei hochkarätige Konzerte hatte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Wiederanlaufphase nach dem kulturellen Lockdown spontan realisieren können, nun endlich konnte die offizielle neue Spielzeit in der Münchner Residenz eröffnet werden. Weshalb im Herkulessaal im Gegensatz zur Philharmonie und der Bayerischen Staatsoper vorläufig weiterhin nur 200 Besucher zugelassen sind, bleibt nach wie vor ein lokales kulturpolitisches Mysterium. Zieht man eine an der Saalkapazität orientierte zahlenmäßige Staffelung als objektiv einzig sinnvolles Kriterium heran, sollten an sich auch hier ohne Weiteres mehr Zuhörer möglich sein. Das ist aber eine andere Geschichte – daran, am selben Abend zweimal aufzutreten, haben sich wohl viele Musiker derzeit fast schon gewöhnt.

Aus einem Guss

Mit einem unbeschwerten Programm ganz im Zeichen der „Wiener Klassik“ startet das BRSO in die neue Saison, gleich im ersten Konzert stellt sich Igor Levit als "Artist in Residence" dem Publikum vor – ihn als Beethovenspieler vorzustellen, hieße indessen Eulen nach Athen tragen. Beinahe schon als Synonym für die pianistische Auseinandersetzung mit dem großen diesjährigen Jubilar steht sein Name derzeit, erst jüngst hat er bei den Salzburger Festspielen mit der zyklischen Aufführung sämtlicher Sonaten begeistert. Auch an den eingangs genannten „Interimskonzerten“ war Levit mit Beethoven beteiligt, am Pult stand damals beim B-Dur-Konzert op. 19 Daniel Harding – diesmal mit Ricardo Minasi einer, der stilistisch durchaus anders tickt und von Haus aus zu den Originalklangverfechtern gehört. Zu Beginn von Beethovens erstem (chronologisch eigentlich zweitem) Klavierkonzert C-Dur op. 15 schafft sein Dirigat weite, luftige Räume, Levit überzeugt vom ersten Einsatz an mit gewohnt präsentem, hellwachem Spiel und aus einem energetischen Guss. Einzig in der Durchführung könnte er die oktavierten Impulse dynamisch noch ein wenig differenzierter setzen. Wunderbar gelingen ihm die luziden Diskant-Achtel zum Ende der Durchführung, deren Ausklang er lediglich mit etwas zu viel Pedal schweben lässt. Ansonsten bleibt sein Spiel stets gut durchhörbar, Stimmverläufe zeichnet er auch in tiefen Registern der linken Hand präzise nach.

Resolute Diktion

Vor der Kadenz zieht Minasi wirkungsvoll nochmals alle dynamischen Register, in dieser kann Levit neben seiner technischen Souveränität auch seine vielschichtige, bis ins flüsternd fesselnde Pianissimo reichende Tongebung voll ausspielen. Seine Artikulation steht kontinuierlich unter Strom, expressiv setzt er trocken explodierende Akkord-Ausrufezeichen. Mit melodischem Ebenmaß entfaltet das „Largo“ seine lyrische Schönheit, zwischen Solopart und Orchester findet eine ausgewogene Konversation statt. Hier und da erhalten freistehende Einzeltöne bei Levit ein wenig zu viel Pedal, strahlend hell leuchtet hingegen die Ornamentik, etwa in den langgezogenen Trillerfiguren. Mit impulsivem Temperament steigt Levit ins „Rondo“ ein, knackige Vorschläge und Staccato-Akzente unterstreichen seine resolute Diktion, fein perlendes Passagenwerk und griffig-präzise Unisono-Läufe versprühen schwungvollen Glanz. Klar, dass das Publikum Levit nicht ohne Zugabe entlässt: Schon in Salzburg hat er mit „Trees“ auf ein (ihm selbst gewidmetes) Stück des von ihm hochgeschätzten amerikanischen Jazzpianisten Fred Hersch als Encore zurückgegriffen. Diesmal wählt er dessen „Nocturne“ (für die linke Hand allein) und erzeugt atmosphärisch dichte Klangschichtungen, die rechte Hand geht dabei in der musikalischen Körpersprache voll auf, beständig wirkt es, als würde sie am liebsten aktiv am musikalischen Geschehen teilnehmen.

Kantable Gelassenheit

Nach kurzem Umbau folgt Haydns Symphonie G-Dur Hob. I:88. In der Introduktion legt Minasi prägnanten Nachdruck auf die Tutti-Akkorde, der „Allegro“-Abschnitt strömt mit geschmeidiger, schwereloser Eleganz dahin, lediglich vereinzelt hört man im Kopfsatz nicht alle Stimmen ganz trennscharf. Stimmlich umso transparenter ruht das „Largo“ mit warmer kantabler Gelassenheit in sich, über subtilen Pizzicati setzt Minasi feine dynamische Spitzen und initiiert kraftvoll rauschende Ausbrüche. Wohlüberlegte, akustisch gut an den (dünn besetzten) Saal angepasste Phrasierung kommt seiner Diktion dabei zugute. Rhythmisch zupackend hält das BRSO im Menuett-Satz die Spannung hoch, kernige Konturen verleiht Minasi der Bordun-artigen Bassfigur, mit ansteckend inspirierter Musizierfreude betont er Haydns humorvoll-spielerische Geste. Mit dem quirlig sprudelnden Finale ist das Konzert dann auch schon viel zu schnell zu Ende – bleibt nur zu hoffen, dass die Ränge bald wieder voller, die Programme wieder länger und der Raum für instrumentale Besetzungen bald wieder größer sind.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Ricardo Minasi/Igor Levit

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn

Mitwirkende: Riccardo Minasi (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Igor Levit (Solist Instr.)

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