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Dienstag, 1. Dezember 2020

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Sommernachtskonzert Wien, Copyright: Max Parovsky

Sommernachtskonzert Wien, © Max Parovsky

Das Sommernachtskonzert in Schönbrunn

Gewinnender Charme

Lange Zeit stand auf der Kippe, ob das diesjährige Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker überhaupt würde stattfinden können. Schon frühzeitig hatte das Orchester aber den festen Willen signalisiert, das seit 2004 bestehende, in aller Welt beliebte Event auch dieses Jahr zu ermöglichen und bereits Ende März in hoffnungsvoller Voraussicht einen Ersatztermin festgelegt. Eine Vorreiterrolle haben die Philharmoniker dabei auf dem Weg zurück ins Konzertleben übernommen und  als erstes Orchester überhaupt interne Reihentests vorgenommen, dazu Experimente und Messungen durchgeführt, um Risiken auszuloten und konzeptionell zu minimieren. Ohne derlei beharrlich zielgerichtete Anstrengungen wären schon die Auftritte vor einigen Wochen bei den Salzburger Festspielen nicht möglich gewesen. Am vergangenen Wochenende nun war es soweit, dass auch der mit unerschütterlichem Optimismus anvisierte Ersatztermin in Schönbrunn tatsächlich stattfinden konnte. Unter denkbar ungewohnten Umständen zwar, aber am Ende des Tages eben doch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit: 1.250 Personen (statt der sonst üblichen bis zu 100.000) wurden insgesamt in den Schlosspark eingelassen, einige Glückliche waren kurzfristig per Online-Verlosung noch in den Genuss von Tickets gekommen.  

Silbriges Glitzern

Auch Petrus unterstützt den Nachholtermin nach Kräften, die äußeren Bedingungen sind bei sternklarem Abendhimmel nahezu ideal. „Liebe“ lautete schon das ursprünglich festgelegte diesjährige Motto, das, wie Orchestervorstand Daniel Froschauer in seinen Begrüßungsworten ausführt, sinnfälliger Weise um die Dimension "Hoffnung“ erweitert wurde. Bestens zum Thema passen da zum Auftakt Auszüge aus Richard Strauss´ „Rosenkavalier“-Suite, in der Valery Gergiev (bereits zum vierten Mal beim Sommernachtskonzert am Pult) schon zu Beginn gleichermaßen zur großen dynamischen Geste ausholt wie melodische Herzenswärme verströmt. Silbriges Glitzern verleiht er den chromatisch fallenden Rosenblättern. Eine Premiere steht im Anschluss auf dem Programm, erstmals überhaupt spielen die Wiener (auszugsweise) Leopold Stokowskis Adaption von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ unter dem Titel „Love Music“. Das Ensemble koloriert die programmatische Handlung mit sinnlich tremolierendem Streichersatz, durch opulente Crescendi erzeugt Gergievs Dirigat einen mitreißenden Klangsog. Ein melodisch sensibles Stimmungsgemälde über samtweich pulsierenden Achteln entwerfen die Philharmoniker in Offenbachs „Barcarolle“ aus „Les contes d´Hoffmann“. Erstmals in der Arie „Pourquoi me réveiller“ aus Massenets „Werther“ betritt Jonas Kaufmann als diesjähriger Solist die Bühne, mit geschmeidiger baritonaler Färbung in der Tiefe und stabilem Volumen überzeugt er schon hier. Gergiev stellt dazu eine ausgewogene orchestrale Balance her, wobei die tontechnische Open-Air-Ausrichtung in diesem Jahr leider ein etwas gedrücktes Klangbild vermittelt. Rhythmisch straff und mit luftiger Eleganz erklingt danach – ganz im Einklang mit dem umgebenden Ambiente –  das „Scherzo“ aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“ op. 61/1.

Dreiviertel-Eleganz

Ein ganzes Album hat Jonas Kaufmann der Stadt Wien schon gewidmet, „Wenn es Abend wird“ aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ ist darauf zwar nicht enthalten, fügt sich stilistisch aber gut in die Reihe solcher „Wiener Lieder“ ein, deren Tonfall Kaufmann auch hier mit gewinnendem Charme und angenehm schlanker Phrasierung beherrscht. Auf das Genre Operette folgt ein Exkurs in die Filmmusik, durch Maurice Jarres (1924-2009) „Doktor-Schiwago-Suite“, bewegen sich die Philharmoniker atmosphärisch dicht zwischen perkussivem Drive und nobler Dreiviertel-Eleganz, mit klanglicher Farbvielfalt passen sie sich der der imposant illuminierten Schloss- und Gartenkulisse an. In Aram Chatschaturjans „Adagio“ aus der Ballettmusik zu „Spartacus“ sorgt Gergiev für transparente Klangschichtungen, an der Solo-Violine glänzt Konzertmeister Rainer Honeck. Den offiziellen Abschluss bildet Puccinis allseits bekanntes „Nessun dorma“ aus „Turandot“. Egal, wie oft schon gehört, muss man Kaufmann hier ausdrucksstark modellierende Tongebung und (bei ihm sonst ab und zu vermisste) Durchschlagskraft bis in die finalen Spitzentöne attestieren. Mit dieser tenoralen Glanznummer begeistert er das Publikum ebenso wie mit der ersten zweier Zugaben: Rudolf Sieczyńskis „Wien, du Stadt meiner Träume“ gibt er mit liebenswertem Schmäh zum Besten und trifft das sehnsüchtig-schwärmerische Idiom auf den höhensicheren Punkt. Mit Johann Strauß´ (Sohn) obligatorischem „Wiener Blut“ verabschieden die Philharmoniker ihr Publikum in die Spätsommernacht und unterstreichen mit stilsicherer Spielfreude ihre Botschaft: Trotz aller formal-organisatorischen Beschränkungen – musikalisch gibt es zum Glück keine! In diesem Sinne: Bis zum nächsten Jahr in Schönbrunn – dann hoffentlich wieder im gewohnten Besucherrahmen.  

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Kritik von Thomas Gehrig

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Sommernachtskonzert: Wiener Philharmoniker

Ort: Schloss Schönbrunn (Ehrenhof),

Werke von: Richard Strauss, Richard Wagner

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Jonas Kaufmann (Solist Gesang)

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