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Montag, 28. September 2020

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Szenenfoto Zauberflöte, Copyright: W. Hoesl

Szenenfoto Zauberflöte, © W. Hoesl

'Die Zauberflöte' an der Bayerischen Staatsoper

Zeitlose Klasse

Seit 01. September spielt die Bayerische Staatsoper wieder – und hat Glück, dass gleich in der ersten Woche in Abstimmung mit den Behörden das Sitzplatzkontingent im Rahmen eines vierwöchigen Pilotversuchs auf 500 Personen erhöht werden konnte. Das ist, blickt man bei einer Gesamtkapazität von ca. 2.000 Plätzen (rund 1.700 Sitzplätze, etwa 300 Stehplätze) ins noch immer vergleichsweise spärlich besetzte weite Rund, sicherlich auch unter virologischen Aspekten guten Gewissens zu verantworten. Um wirklich sinnvoll, d. h. in Abhängigkeit von der konkreten Saalgröße gestaffelte Auslastungsmodalitäten zu schaffen, wird weiterhin die Politik gefragt sein – Deutschland, gerade auch Bayern, kann hier vom benachbarten Österreich lernen.

Ästhetische Eleganz

Im wahrsten Sinne des Wortes ein ‚Klassiker‘ steht zu Beginn der neuen Spielzeit wieder auf dem Programm, aus dem Jahr 1978 stammt August Everdings Adaption der 'Zauberflöte'. 2004 hat diese Inszenierung in der Neueinstudierung von Helmut Lehberger ein ‚Facelift‘ erhalten – freilich, ohne dass Ansatz und Ausstattung im Kern verändert worden wären. Und das ist gut so. Everding war Theatermacher mit Leib und Seele, sein Konzept verleiht den Figuren ein lebendiges, psychologisch geschärftes Profil, so etwas wie Leerlauf oder Statik lässt die Personenführung gar nicht erst aufkommen. Näher am Libretto kann man sich kaum bewegen, das tut der Erzählweise der märchenhaften Geschichte ganz einfach gut. Garniert mit allerlei originellen phantasievollen Effekten hat die Produktion alle Zutaten für authentisches, glaubwürdiges Musiktheater: Die ‚Sternflammende Königin‘ tritt in einem Ambiente auf, das ihrem Titel alle Ehre macht, Drachen speien hier wirklich noch Feuer, steinerne Löwen erwachen plötzlich zum Leben oder speien Wasser – eine im besten Sinne des Stoffes warmherzig erzählte Märchenwelt.

Maßgeblich an der hohen Qualität beteiligt: Die kunstvoll detaillierten Bühnenbilder und Kostüme von Jürgen Rose, dessen Arbeiten schon seit seiner Zusammenarbeit mit John Cranko in dessen Stuttgarter Ballett-Ära für pure ästhetische Eleganz stehen. In der Kombination all dieser Faktoren besitzt diese Version ganz einfach zeitlose Klasse. Sicher, auch die schönsten altgedienten Produktionen verschwinden mit der Zeit, erst jüngst wurde in München Otto Schenks legendärer 'Rosenkavalier' aus dem Repertoire genommen. Diese 'Zauberflöte' bleibt dem Spielbetrieb aber hoffentlich noch eine Weile erhalten.

Exquisite Besetzung

Wenn dann noch so hochwertiges musikalisches Personal wie in dieser Aufführung dazukommt, bleiben eigentlich kaum Wünsche offen. Direkt zum Einstieg besticht Benjamin Bruns mit strahlendem Tenor-Timbre als Tamino, expressiv gestaltet er im weiteren Verlauf etwa auch die 'Bildnis-Arie'. Hanna-Elisabeth Müller glänzt bis in kristallklare Höhen als Pamina. Exemplarisch ergreifend gelingt ihr das melancholische 'Ach, ich fühl‘s, es ist verschwunden', ein wenig schade nur, dass sie hier die gesanglich meisterhaft vorgetragene Verzweiflung und innere Zerrissenheit physisch nicht ganz so prägnant verkörpert. Einen darstellerisch gewandten Papageno mit gewinnendem Charme gibt Michael Nagy, seine schlanke, natürliche Phrasierung kommt der Rolle ideal entgegen. Wann hat man dazu schon mal den überaus seltenen Fall, dass in den beiden großen Arien der Königin der Nacht ('Zum Leiden bin ich auserkoren'/'Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen') wirklich alle Töne sitzen? Mit bewundernswert überlegener Technik meistert Sabine Devieilhe die heiklen Koloraturen. Selbst die drei Damen sind prominent besetzt und interagieren stimmlich (allen voran Selene Zanetti) und schauspielerisch überzeugend. Resolut versucht jede von ihnen, sich im Wettstreit um die persönliche Fürsorge für den Prinzen zu behaupten.

Quasi reflexartig an den großen diesjährigen Jubilar, Altmeister Matti Salminen, denkt man bei der Besetzung des Sarastro mit einem finnischen Darsteller. In diesem Fall allerdings singt Mika Kares die Partie mit geschmeidiger Beweglichkeit, wenn auch in der extremen Tiefe nicht ganz mit der Durchschlagskraft und dem Volumen seines berühmten Landsmanns. Liebenswert in Szene gesetzte, tonsichere Mitglieder des Tölzer Knabenchors runden die exquisite Besetzung ab.

Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Jordan de Souza. Nach ein paar anfänglichen Unsauberkeiten in der Ouvertüre, in der auch die charakteristisch pulsierenden Achtel nicht ganz ihre federnde Spritzigkeit entfalten, findet nach und nach auch der Klangkörper seine Form bis hin zu griffiger Stimmführung im polyphon untermalten Auftritt der Geharnischten ('Der, welcher wandert diese Straße') und einem dynamisch insgesamt gut ausbalancierten Klangbild. An der Soloflöte kann sich Olivier Tardy auszeichnen. Wirklich einziger Wermutstropfen des Abends: Dass derzeit coronabedingt gekürzt werden muss. Noch drei Mal ist diese Inszenierung im September zu erleben – für alle, die schon immer mal (oder mal wieder) eine richtig gute 'Zauberflöte' hören und sehen wollten: Es gibt noch Tickets.

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Kritik von Thomas Gehrig

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