> > > > > 05.09.2020
Montag, 28. September 2020

Ioan Hotea, Copyright: Karl und Monika Forster

Ioan Hotea, © Karl und Monika Forster

Der 'Barbier von Sevilla' zum Saisonauftakt in Wiesbaden

Oper auf Abstand

Fledermäuse übertragen Viren. Eine so zurechtgestutzte Headline dominierte vor Monaten kurzzeitig die Liste der haltlosen Gerüchte über Ursache und Ausbreitung des Covid-19-Virus, das noch immer alles in Schach hält, weil systematische Aufklärung nicht gelingen will. ‚Verleumdung, sie ist ein Lüftchen‘, sang Don Basilio in 'Der Barbier von Sevilla' von Gioachino Rossini auf der Bühne des Staatstheaters Wiesbaden zum Saisonstart. Während Young Doo Park in der Rolle des Don Basilio mit seinem volltönenden geschmeidigen Bass die einzelnen Stadien als Untergangsszenario beschrieb und die Szenerie um ihn herum bedrohlich düster im Dunkel zu versinken drohte, schob ihm Figaro von hinten Fledermausflügel zu. Es ist nur eine von vielen Momentaufnahmen in dieser witzigen und hintergründigen Inszenierung von Rossinis zweiaktigem Melodramma buffo am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, die Assoziationen in Gang setzte. Dafür gab es am Ende wohlverdiente Bravi und langanhaltenden Applaus.

Ausnahmezustände

Nur ein Fünftel aller Plätze durften vergeben werden, exakt 200 Karten, aber gespielt wurde in voller Länge. Damit traf Tilo Nest, Regisseur dieser Inszenierung, das Sehnen und die Sucht der Kunstschaffenden im Kern, die bereitstehen, um jegliche Barrieren zu überwinden, um ihre Passion zu leben. Nicht als Metapher, sondern ganz konkret demonstrierte dies der musikalische Leiter der Aufführung, Konrad Junghänel, als er sich über die Orchestergrabenmauer schwang, um seinen Dirigentenplatz hoch über dem dünn besetzten Orchester einzunehmen. Dies war nur ein Mosaiksteinchen in diesem Bildreigen an Ausnahmezuständen, derer sich Tilo Nest bediente, um aus der Verwirrung heraus zu einer bewährten Ordnung zurückzukehren, aber ohne sicheren Boden. Dank einer freieren Übersetzung und konzentriert auf die Wirkung der selbstredenden Musik unterhielt Tilo Nest das Publikum vordergründig tiefsinnig ohne Spannungsverlust.

Eine offene Bühne, keine Kulisse, kein Orchestergraben, Stühle auf Abstand, das Orchester unkonventionell aufgebaut, links die Bläser, jeder ausgestattet mit Saugpapier auf Trichterhöhe unten am Boden, rechts auf der vorderen Bühne dünn besetzt vier erste und zwei zweite Geigen, ein Cellist dem Dirigenten genau gegenüber, ein zweites Cello weiter seitlich hinten, dazwischen die Holzbläser, noch weiter hinten einzelne Herren vom Chor. Mit diesem Bild begann die Oper.

Das erste Wort hatte Figaro, ein Tausendsassa, dachte Rossini, bei Tilo Nest Christopher Bolduc als Mann für alles, was anfällt, um das Bühnengeschehen am Laufen zu halten, hinter und vor den Kulissen, ein Clown für schenkelklopfende Heiterkeit, ein Bariton mit Potential, nur in den höheren Lagen wurde es sprichwörtlich eng. Die ersten Takte bei halb abgesenktem Orchestergraben kamen dünn, einzelne Stimmen hörte man heraus, ein Spiel von Solisten, so klingt ein Orchester auf Abstand. Nach der Ouvertüre völlig im Orchestergraben versunken und in der üblichen Besetzung vereint, wurde Junghänel immer wieder kurzzeitig zum Bändiger eines kaum Einhalt zu gebietenden Drangs, weil sie die herrlichen Rossinischen Melodien ausspielen wollten.

Was einem Orchester zum Nachteil gereicht, tat den Sängern gut. Auf Abstand spielten und sangen sie inmitten einer Kulisse, die je nach Szenerie hereingeschoben, herabgesenkt, auf der Drehbühne zur Seite geschwenkt oder bei laufender Aufführung umgebaut wurde. Auf diese Weise vermittelte Tilo Nest dem Publikum ein Gefühl, das die Künstler angesichts der dünnen Besetzung im Zuschauerraum ereilen könnte, ein Empfinden, nicht in einer Premiere zu singen, sondern maximal ein Preview bei laufendem Bühnenbetrieb zu bieten. In diesem Vielerlei an Einblicken positionierte die Regie die Protagonisten als karikierte Figuren, die, auf Abstand gehalten, die Trivialität der Handlung bloßlegten, aber durch die Synchronisierung mit der Musik ein unterhaltsames Spiel lieferten.

Imposante Stimmkraft

Der Bariton Thomas de Vries in der Rolle des Bartolo tänzelte musikalisch so behände, wie es seine kurzen Beine unter dem überdimensionierten Bauch zuließen, und begeisterte stimmlich nicht nur in den buffonesken Partien. Glitzernd-weich perlend wie der mehrreihige Strang an ihrem Hals gestaltete die Mezzosopranistin Silvia Hauer ihre Partien in der Rolle einer naiven Rosina, mal Babydoll, mal Carmen-Vamp. Ioan Hotea brillierte in der Karnevalsuniform mit imposanter Stimmkraft. Als Basilio-Kopie mit Elvis-Tolle fehlte ihm die Farbigkeit, die Young Doo Park als originaler Basilio in Überfülle versprühte. Michelle Ryan kurvte in Lockenwicklern mit Putzwagen über die Bühne, provozierte als niesende Berta den Argwohn der mit Mund-Nasenschutz bedeckten Choristen und überraschte in ihrem kurzen Solo mit einem hellen satten Alt. Julian Habermann sorgte für einen spritzigen Auftakt.

Der Chor bewies Spielfreude, durchsetzt von Schutzmaskenträgerinnen und platziert ganz hinten, aber uneingeschränkt präsent. Im Schlussbild saßen alle wieder auf Abstand, ein Pinguin hatte sich daruntergemischt, Tausendsassa Figaro jetzt eine kleine Kopie des Dirigenten. Wie eingefroren wirkte diese Szenerie. Ein Triangel-Ping als letzter Gag reizte noch einmal zur Heiterkeit, ohne die Spannung zu lösen.

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Kritik von Christiane Franke

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Der Barbier von Sevilla: Gioachino Rossini

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Konrad Junghänel (Dirigent), Orchester des Staatstheaters Wiesbaden (Orchester)

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