> > > > > 19.09.2020
Donnerstag, 3. Dezember 2020

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MiR Puppentheater, Copyright: Björn Hickmann

MiR Puppentheater, © Björn Hickmann

"The Black Rider" am Musiktheater im Revier

Chrystal Pool

Musiktheater in Zeiten der Sars-Cov 2-Pandemie - geht das?

Unter Einhaltung der AHA-Regeln und beschränkter Publikumszahl eröffnet das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen die Saison 2020/2021 mit einer besonderen Inszenierung des kritisch-parodistischen Musicals „Black Rider“.  Und die besondere Architektur des Hauses gestattet sogar eine Pause!

Astrid Griesbach zeigt einen gebrochen unterhaltsamen Mix aus Live-Gesang und Tonkonserve, aus Zeitgeschichte und Jahrmarkt, Kabarett und Varieté. Es ist eine einfühlsame, transparente Inszenierung, die menschliche Darsteller und von Atif Mohammed Nor Hussein gebaute Puppen geschickt kombiniert – und auf diese Weise die verschiedenen Wirklichkeitsebenen des Musicals transparent durchleuchtet, ohne die Komplexität des Geschehens zu missachten.

„Wer denkt, taugt nix als Mann“ urteilt Vater Bertram über den von seiner Tochter erwählten Liebsten. Mit seiner Frau Anne, die mehr Verständnis für die Liebe hat, thront er – an Hänsel und Gretel – Kasperlepuppen erinnernd - auf dem Dach des Chrystal-Pool-Hauses. Tochter Käthchen, eine auftoupierte, blonde Vorstadtschönheit mit zitterndem, weißen Pudel im Arm, protestiert entsetzt. Sie kann die Wahl des Vaters für Kuno, der auf einem riesigen, silbernen Fass sitzend auf die Bühne rollt, nicht nachvollziehen und hat sich für den Schreiberling Wilhelm entschieden, der in stiller Naturbetrachtung die singende Säge streicht, sich jedoch um der Liebe willen fügt und auf einen Deal mit Zauberkugeln einlässt, um ein guter Jäger zu werden.

Obwohl menschliche Darsteller wirken Wilhelm, Kuno und Käthchen eher wie stilisierte Karikaturen ihrer selbst. Wenn da nicht die Songs wären, in denen sich ihre Ängste offenbaren und Träume und Sehnsüchte wach werden.

Pegleg wird von seinen Anhängern, den clownesken Buffoni, im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen getragen und zum Leben erweckt. Es ist eine wunderbar bedächtig sich bewegende, greis wirkende, lebensgroße Puppenfigur – ein aus den Augen glühender Teufel, eine Satyrfigur mit überlangen Hörnern und Hufen, der mehr sprechend als singend und dabei nicht minder poetisch im Epilog „The last rose of summer“ anstimmt und von Wilhelm mit der singenden Säge einfühlsam begleitet wird.

Passend für diese ironisch gebrochene Verknüpfung von Ernst und Unterhaltung, düsterer Handlung und jazzigen, immer wieder dunkel verschatteten Varieté- und Walzerklängen stellt das Bühnenbild von Lisette Schürer verschiedene Jahrmarktszenen dar.

Wilhelm übt an den Plastikrosen einer Schießbude bis es einen Berg von Plüschtieren regnet. Am Ende des ersten Teils triumphiert Pegleg „You’ll be mine“, während Wilhelm nach den Zauberkugeln tastet „wie ein Yankee nach dem Stoff“.

Die Warnung des Vaters „Remember the old Schmidt“ wird überlagert von dem wiederholten, aufmunternden „In the Morning“.

Im zweiten Teil werden Wilhelm und Käthchen von Sucht und Drogenrausch eingeholt. Wilhelm schießt nun wild um sich und trifft – unschuldig wie er beteuert – zunächst das lebende Pudelschoßhündchen auf Käthchens Arm. Unterschiedliche Zeitebenen und Themen verdichten sich zu einem psychotisch verzerrten Netz aus vermeintlichen Erkenntnissen. „Zeig’ dich Stelzfuß, ich brauch’ dich für den allerletzten Schutz“, fleht Wilhelm schließlich - am Boden zerstört.

Ein feines, solistisch und mit exotischen Farben wie Banjo, Mandoline, Bassklarinette und Kontrafagott besetztes Orchester begleitet das Bühnendrama unter der umsichtigen Leitung von Heribert Feckler. Leider kommt es stellenweise, u.a. im poetischen, englisch-deutschen Sprachgemisch zu Textunverständlichkeiten. Wünschenswert wäre auch eine Übertitelung der englischsprachigen Songs.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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