> > > > > 19.07.2020
Freitag, 4. Dezember 2020

1 / 7 >

Sir Simon Rattle, Copyright: Bayerischer Rundfunk

Sir Simon Rattle, © Bayerischer Rundfunk

Das BRSO unter Sir Simon Rattle

Aus erster Hand

Breits zwei Konzerte hatte das Symphonieorchester auf der Zielgeraden einer vermeintlich bereits abgehakten Spielzeit in den letzten Wochen doch noch auf den Weg gebracht (klassik.com berichtete), ein drittes fand zum kurzfristig noch geretteten Saisonabschluss in erster Auflage am Sonntagabend statt. Die Leitung in der Philharmonie im Gasteig hat Sir Simon Rattle. Wie derzeit fast immer und überall wird auch dieses Konzert am selben Abend zwei Mal gespielt, um ein möglichst breites Live-Publikum zu erreichen. Seit Mitte vergangener Woche sind in Bayern inzwischen jedoch immerhin schon 200 Zuhörer im Saal erlaubt. Einen Bogen von der Wiener Klassik bis zum Impressionismus spannt das Programm, am Beginn steht Mozarts Ouvertüre zu „Le nozze di Figaro“. Der viel zitierten und doch so schwer zu fassenden Mozart´schen Leichtigkeit nähert sich das BRSO hier mit spielfreudiger Verve und schnittigen Impulsen, lediglich ganz zu Anfang ist das Streicherbild noch nicht ganz homogen. Vereinzelt greifen Phrasen in Rattles Ansatz etwas zu glatt und zu gebunden ineinander.

Facettenreiches Timbre

Opulent besetzter symphonischer Mahler ist derzeit noch nicht wieder angesagt. Sogar dessen selbst verordnete orchestrale Verschlankung in den „Rückert-Liedern“ überschreitet die aktuell geltenden Abstands- und Sicherheitsvorschriften, ein Teil des Blechs wird daher auf die links oberhalb der Bühne gelegenen Ränge „ausgelagert“. Eine verbindlich festgelegte Reihenfolge für die fünf Lieder existiert nicht, an den Anfang gestellt wird hier „Liebst du um Schönheit“. Rattles Ehefrau Magdalena Kožená singt die Mezzo-Partie, schon darin überzeugt sie mit schlanker, höhensicherer Phrasierung und hoher Textverständlichkeit. Ausnahmsweise nicht vom Komponisten stammt die Orchestrierung in diesem Fall, angefertigt hat sie erst nach Mahlers Tod der Dirigent Max Puttmann. Die nervösen Achtelbewegungen in „Blicke mir nicht in die Lieder“ bringt Rattle zur eindringlich versinnbildlichten Geltung. In „Um Mitternacht“ zeichnet das BRSO feine Holz- und Blechkonturen und erzeugt wirkungsvoll crescendierendes Volumen. Kožená begeistert mit facettenreichem Mezzo-Timbre, einzig in der Tiefe ist ihre Tongebung mitunter ein wenig schwach. Wunderbar ausbalanciert gelingt ihr Dialog mit der Horn-Stimme. In „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ modelliert sie meisterhaft schattierte Färbungen bis in feinstes Pianissimo. Exemplarisch für die individuelle Qualität der Musiker stehen hier das Englischhorn-Solo und – wie schon zuvor in „Ich atmet´ einen linden Duft“ – die Harfe (Magdalena Hoffmann). Im kammermusikalisch komprimierten Flair des letzteren last, but not least zu nennen: Die Solo-Violine (Tobias Steymans). Was immer genau Mahler mit seiner kryptischen Äußerung, allein Rückerts Verse seien „Lyrik aus erster Hand“ gemeint haben mag – musikalisch aus erster Hand sind jedenfalls diese expressiv-einfühlsamen Deutungen.

Märchenhafte Sphären

Ihre Ensemble-Kompetenz hat die Blech-Formation des BRSO schon unlängst unter Daniel Harding mit Auszügen aus Gabrielis „Sacrae Symphoniae“ unter Beweis gestellt. In der Fanfare aus Paul Dukas´ Ballett „La Péri“ glänzt diese Fraktion erneut mit festlich strahlender Klarheit und – nicht zuletzt durch die spezielle Anordnung – raumgreifenden akustischen Effekten. Zum Abschluss erklingt Ravels erweiternde Ballettfassung der Suite „Ma mère l´oye“. Bereits im Prélude entfaltet hier das BRSO imposante impressionistische Klangpracht und fängt die Stimmungen der märchenhaft programmatischen Sphären nachdrücklich ein: Luftig säuselnde Holzbläser über filigranen Flageolett-Dimensionen und Tremoli in den Violinen, dynamisch ansteigende Fieberkurven, garniert mit dezenten Perkussions-Spitzen und abrupt radikal schneidender Klangschärfe. Homogene Streicherwärme umfängt die Zuhörer in der „Pavane de la Belle au bois dormant“. Wogende Crescendo-Wellen faszinieren im dritten Bild („Les entretiens de la Belle et de la Bête“), ausladend geformte melodische Bögen in „Petit Poucet“. Exotisches, von Harfe und Celesta subtil koloriertes Ambiente herrscht in „Laideronnette“, energetisch aufgeladene Atmosphäre mit sanft schwebenden Kantilenen in der „Apothéose“. Instrumental glänzen bei Ravel stellvertretend nochmals Harfe und Solo-Violine sowie eingangs im „Prélude“ die akkurat geführten Flötenstimmen. Und so klingt, was noch kürzlich niemand für möglich gehalten hätte, die Saison des BRSO musikalisch doch noch glamourös aus. Das Konzert gibt es heute noch zwei Mal – wer nicht selbst hingehen kann: Unbedingt im Radio einschalten oder live per Video streamen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Sir Simon Rattle

Ort: Gasteig,

Mitwirkende: Sir Simon Rattle (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Magdalena Kozená (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12/2020) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sir Hubert Parry: An English Suite - Pastoral

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich