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Dienstag, 1. Dezember 2020

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Konzert Gleichgesinnte, Copyright: Yannick Andrea / Davos Festival

Konzert Gleichgesinnte, © Yannick Andrea / Davos Festival

Kammermusik von Beethoven, Schubert, Liszt und Danzi

Höhenflüge in Davos

Intendant Marco Amherd lädt Gleichgesinnte zum Davos-Festival 'Young Artists in Concert' ein. Sie vereinen die Meisterschaft auf ihrem Instrument, hohe Musikalität und der Hunger nach Austausch, Begegnung und Auftritt am Anfang ihrer Musikerkarriere. Ensembles kommen mit einstudierten Werken und der Bereitschaft, sich in weiteren Formationen zusammenzufinden. Die Solokünstler beherrschen ihr Repertoire und lassen ihrer Neugier auf Neues freien Lauf. Diese Voraussetzungen ermöglichen Marco Amherd größtmögliche Variabilität in der Gestaltung durch und durch ungewohnter Konzertprogramme, Einzelsätze neben vollständigen Werken, Arrangements neben Originalen, Berühmtheiten neben vergrabenen Komponisten, die mit dem Wiederhören ihrer Werke begeistern.

Aha-Momente

Ein Beispiel dafür war das Konzert am Montagabend im Hotel Schweizerhof, überschrieben mit dem Festival-Untertitel 'Gleichgesinnte'. Auf dem Programm standen Werke von Komponisten, deren Lebensdaten sich überschnitten, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt und Franz Danzi. Letzterer überraschte in der Trias der Berühmtheiten und führte am Ende die Liste der Aha-Wirkungsgrade an diesem Konzertabend an.

Über den Sinn

Vor jedem Konzert lädt Marco Amherd zum philosophischen Talk mit der Philosophin und Publizistin Catherine Newmark. Immer geht es um einen Teilaspekt rund um das Festivalmotto 'Von Sinnen'. Die Idee dazu entstand 2019, auf die zurückliegenden Monate betrachtet brandaktuell. Vorausschaubar war das nicht, aber vielleicht ist die Sinn-Frage mit ihren vielen Variablen so existenziell, dass sie immer passt, nur zu selten thematisiert wird.

Catherine Newmark kennt sich in der Gedankenwelt der Philosophen zwischen Aristoteles und Kant aus, vor allem was deren Verständnis von Emotionen betrifft. Das bildet die Brücke zwischen ihr und dem weiteren Gast, den Amherd als Moderator allabendlich zum Talk lädt, immer eine Künstlerin oder ein Künstler des nachfolgenden Programms. Gleichgesinntheit verstehe die Philosophie seit Aristoteles als Synonym für Freundschaft, ohne sich auf eine Ausprägung dessen festlegen zu wollen, erläuterte Newmark einleitend den Montagabend-Talk und verwies auf die Entwicklung im 18. Jahrhundert, das Gleichgesinntheit als Fundament der Ethik definiere mit der Betonung auf die Absicht, nicht die Konsequenz.

Absichtlich vereinte Marco Amherd Schubert, Beethoven, Liszt und Danzi, um musikalische Verbindungen zur Disposition zu stellen. Schubert vergötterte Beethoven, seine Meisterschaft entzieht sich jedoch dem Vergleich mit seinem unerreichten Vorbild. Liszt, als Künstler wie Komponist dem Extremen zugewandt, ist ein Thema für sich. Danzi wirkte musikgeschichtlich betrachtet unaufgeregt, galt als brillanter Cellist, reisender Künstler, informiert über die Größen seiner Zeit, im letzten Jahrzehnt seines Lebens Hofkapellmeister in Karlsruhe. Sein pädagogisches Engagement als Institutsleiter der Bläserabteilung am Kunstinstitut in Stuttgart währte nur kurz, aber lange genug, um dem Genre der Kammermusik für Bläser ein herrliches Werk zu hinterlassen.

Gleichgesinnte in der Musik

Lettland meets Frankreich, Schweiz und England. Aus diesen Ländern kommen Amanda Taurina (Oboe), Joë Christophe (Klarinette), Marie Boichard (Fagott), Ivo Dudler (Horn) und Frederic Bager (Klavier). Für das Festival haben sie sich im Klavierquintett zusammengefunden, auf dem Pult op. 41 d-Moll von Franz Danzi. Während die jungen Künstler ihre Luft zum Musizieren benötigten, hielt der Zuhörer den Atem an. Danzi sah im Klavier nur das Begleitinstrument und legte den Fokus mehr auf das Zusammenspiel der Instrumente, auf ihre Klangfähigkeit sehr nahe am Singsang der menschlichen Stimme, nur volumenreicher, geschmeidiger sich in den einzelnen Stimmlagen miteinander verbindend. Das Bläserquartett agierte aus einem Guss, als sei es selbstverständlich, überaus intuitiv sensibel und musikalisch, dezent begleitet vom Klavier.

Emotional fesselnd

Seine virtuosen Fähigkeiten stellte Frederic Bager im Zusammenspiel mit dem Cellisten Anton Spronk unter Beweis. Wie um die Entstehungszeit um 1808 üblich, komponierte Beethoven eine Sonate für Klavier und Cello. Die Betonung liegt auf dem Klavier. Auch wenn das Werk sich im Reigen bedeutender Cellosonaten wiederfindet, dominiert das Tasteninstrument. Umso überraschender, dass es Anton Spronk gelang, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Extrem einfühlsam strich er über die Saiten, zelebrierte auch die nebensächlichste Floskel so bedeutend, wie sie nur erklingen kann. Seine Technik ist makellos, sein Spiel emotional fesselnd. Das packt.

Im Geist von Gleichgesinnten musikalisch zueinandergefunden haben auch die gebürtige Italienerin Chiara Opalio und die aus Deutschland angereiste Marlene Heiß. Franz Liszts 'Prometheus' in der Fassung für vier Hände am Klavier inszenierten sie als narratives Klangschauspiel über Schmerz, Widerstand und Triumph eines sich der Weisung der Götter entziehenden Helden.

Zusammengefunden im Studium, gleich zu Beginn erfolgreich, so startet manches Ensemble eine gemeinsame Künstlerlaufbahn. Darauf deutet die junge Geschichte des SIBJA Saxophon Quartet mit Valentin Michaud (Sopransaxophon), Faustyna Szudra (Altsaxophon), Jean-Valdo Galland (Tenorsaxophon) und Joan Jordi Oliver (Baritonsaxophon). Mit einem Arrangement des 1. Satzes aus Franz Schuberts Streichquartett Nr. 14 D 810 aus dem Jahr 1824 eröffneten sie den Konzertabend.

Großes Können

Der Titel des Quartetts 'Der Tod und das Mädchen' entstand nachträglich, um zu unterstreichen, dass Schubert im zweiten Satz sein gleichnamiges Lied verarbeitete. Im ersten Satz ist die Virtuosität der ersten Geige verlangt, auch künstlerisches Agieren im gleichberechtigten Zusammenspiel mit den anderen drei Stimmen. Schubert verstand sich auf das, was Streicher zu leisten im Stande sind. Für das Saxophon ist das Herausforderung pur. Jenseits eines Vergleichs mit Originalbesetzungen, wozu der kundige Hörer bei diesem vielgespielten Werk neigt, wuchs mit jeder bewältigten Passage die Hochachtung vor dem Können des SIBJA Saxophone Quartet.

Unter Beachtung der Hygieneauflagen gab es für die Zuhörer im ausverkauften Konzertsaal im Schweizerhof in Davos keine Pause. Dennoch standen die Besucher nur zögerlich auf, als nach rund 100 Minuten das Konzert endete, fasziniert vom Können zukünftiger Künstlergrößen, begeistert von musikalisch erlebten Höhenflügen sinnlicher Art.

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Kritik von Christiane Franke

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Gleichgesinnte: Konzert in Davos

Ort: Hotel Schweizerhof,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Franz Liszt, Franz Danzi

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