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Dienstag, 1. Dezember 2020

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Konzert Wahnsinn, Copyright: Yannick Andrea / Davos Festival

Konzert Wahnsinn, © Yannick Andrea / Davos Festival

Davos Festival 'Young Artists in Concert'

Händel von Sinnen

Davos ist ein Ort der Superlative, eine Ski- und Wandermetropole mit internationalem Flair und ein nobler Kongressort nicht nur für die globale Elite beim Weltwirtschaftsforum. Gedanken an ein Musikfestival kommen da nicht so schnell in den Sinn, gäbe es nicht die Ausnahmesituation. Festivals schien es im Sommer 2020 zunächst gar nicht zu geben. Nur die renommierten Salzburger Festspiele hielten sich tapfer. Es wäre auch fatal, die 100. Ausgabe abzusagen, was einer Kapitulation der Kultur gleichkäme, meinte nicht nur die kämpferische Intendantin.

Soweit musste es in der Schweiz erst gar nicht kommen. Früher als andernorts setzte das Land auf Lockerungen und Eigenverantwortung. Die kleineren Festivals sahen darin ihre Chance, auch weil hier vor allem Kammermusik den Ton angibt, und planten vorausschauend. So auch das Davos Festival 'Young Artists In Concert'.

Erste Spielzeit

Punktgenau zur Zulassung passabler Zuschauerzahlen legte das Organisationsteam ein passendes Hygiene- und Programmkonzept vor und bekam grünes Licht. 'Von Sinnen' mag der 31-jährige Intendant Marco Amherd gewesen sein, als er erfuhr, dass seine erste Saison in diesem Amt nicht ausfällt. 'Von Sinnen' wählte er als Titel seiner ersten Festivalsaison. Wortspielereien wie 'Wahnsinn', 'Lebenssinn', 'Feinsinn' oder 'Tiefsinn' nutzte er als Akzentmarker im Reigen der 26 Kammerkonzerte, dazu weitere kleinere musikalische Aktionen an ungewöhnlichen Spielorten, konzeptionell durchgehend von der Idee durchdrungen, Brücken zwischen Musikstilen zu bauen, aber auch zwischen der Philosophie, der Literatur und der Musik. Das kennzeichnet das Festival, das es seit 1986 gibt. Für Marco Amherd ein nicht gerade leichtes Erbe. Mit der 35. Auflage will er andeuten, wie es weitergeht.

Der Weltuntergang ist verschoben

'Wahnsinn' lautete der Titel des Barockkonzerts am dritten Festivaltag in der Kirche St. Johann in Davos. Wahnsinnig die Freude auf beiden Seiten, beim Barockensemble Cardinal Complex mit Leiter Matís Lanz am Cembalo und dem Altus Flavio Ferri-Benedetti, weil es ihr erster Auftritt nach der langen pandemiebedingten Pause war, auf der anderen Seite das Publikum, die Jugend auf der Empore, viele ältere Besucher auf den Bänken, geschützt mit Maske und auf Abstand. ‚Wieder hier ein Konzert hören zu können, sagt, dass die Welt noch nicht untergeht‘, so eine Konzertbesucherin, die von Anfang an dabei ist.

Wahnsinn aus dem Stand heraus

Flavio Ferri-Benedetti lässt sich Zeit. Als Counter auf der Opernbühne zuhause taucht er in ein Werk tief ein, wissenschaftlich, musikalisch, emotional. So gelang es ihm jetzt nach monatelanger Pause mühelos und mit ansteckender Begeisterung, dem beschriebenen Wahnsinn Körper und Ausdruck zu verleihen. Aus dem Stand heraus zeigte er dies in den ausschnitthaften Rezitativen und Arien aus Georg Friedrich Händels Opern 'Tolomeo, Re d'Egitto' und 'Orlando', aus dessen Oratorium 'Hercules' sowie mit einer Kantate der zu ihrer Zeit ungewöhnlich bejubelten Komponistin Barbara Strozzi (1619–1677) .

Exzellente Solisten

Cardinal Complex sorgte für Entspannung zwischen diesen hochdramatischen Partien mit barocker Verspieltheit, zur Einstimmung Händels Concerto grosso in F-Dur op. 3/4 im akustisch nicht unproblematischen Innenraum der Kirche St. Johann. Sehr dominant behauptetet sich die Continuo-Gruppe, gekrönt vom perlig glitzernden Parlando der Cembaloläufe, was die vielfachen minimalistischen Verzierungen der Geigen verschlang. Dass sie ihr Spiel beherrschen, bewiesen die Geigerinnen unter anderem in der e-Moll Sonate 'La Barnabea' von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624–ca. 1687).

Solistische Meisterschaft auf ihrem Instrument zeigten die Mitglieder des Barockensembles im Follia-Potpourri mit Werken der tonangebenden Meister ihrer Zeit, Diego Ortiz (1510–1570), Antonio de Cabezón (1510–1566), Santiago de Murcia (1673–1739), François Couperin (1668–1733) und Marin Marais (1656–1728), ein Mix aus Improvisation und Chaconne, sinnig und stimmig ausmusiziert.

Im Zusammenspiel als Ensemble wünschte man sich mehr klangliche Ausgewogenheit, dynamische Feinabstimmung und Einheitlichkeit der Affekt-Gestaltung, vor allem im Zusammenspiel mit Flavio Ferri-Benedetti, das an sich eine Herausforderung stellte, die Dirigent Matías Lanz souverän meisterte. Denn mit dem Ensemble im Rücken folgte Ferri-Benedetti seiner dynamisch und klanglich minutiös ausgestalteten Vorstellung der jeweiligen Partie, gestaltete die Dynamik an der Grenze Barocker Gestaltungsart überaus gleitend in die Extreme und verlieh dem Lauf der Melodien in den warm timbrierten Höhen atmenden Gestus.

Die Begeisterung des Ensembles wie des Solisten packte das Publikum mit dem ersten Ton. Großer Applaus und Standing Ovation folgten am Ende als Dank und die Zusicherung auf weitere Konzertbesuche.

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Kritik von Christiane Franke

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Wahnsinn : Barockkonzert in Davos

Ort: Kirche St. Johann,

Werke von: Georg Friedrich Händel, Francois Couperin

Detailinformationen zum Veranstalter Davos Festival young artists in concert

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