> > > > > 30.08.2020
Montag, 28. September 2020

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Anna Netrebko, Copyright: Dario Acosta

Anna Netrebko, © Dario Acosta

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in Grafenegg

Goldene Momente

Wirklich Beachtliches hat man in Grafenegg geschafft: Als einziges seiner Art neben Salzburg konnte das dortige Festival zum einen überhaupt im größeren Rahmen stattfinden, zum anderen auch die klangvollen Namen der Branche an den Start bringen. Zu letzteren gehört ganz ohne Zweifel Anna Netrebko, die zum Ausklang der dritten Woche am gestrigen „Opernabend“ im Areal des Wolkenturms zu Gast war. Wie häufig an ihrer Seite: Ehemann Yusif Eyvazov, wer Netrebko bucht, bucht ihn quasi gleich mit. Den orchestralen Part übernehmen die Wiener Symphoniker, die den dritten Tag infolge auf der Bühne Platz nehmen (klassik.com berichtete), diesmal unter Leitung von Speranza Scapucci. Als Opern-Fan zeigte sich eindeutig auch Petrus. Nachdem es tagsüber heftige Niederschläge gegeben hatte, verzieht sich der Regen pünktlich zum frühen Abend, so dass das Konzert – wenn auch aufgrund nach hinten verlegter Probe mit etwas Verspätung – trocken stattfinden konnte.

Illustre Klangfarben

Ein kompakter Blech-Satz und wuchtige Dynamik sorgen für einen Start nach Maß mit Verdis „Nabucco“-Ouvertüre, die exzellente Intonation durch Oboe und Klarinette lassen selbst bei einem „Gassenhauer“ wie dem „Va, pensiero“-Motiv ganz genau hinhören. Transparente Holzbläser und griffiges Schlagwerk runden illustre Klangfarben ab. Hohe Blech-Spannung erzeugt Scapucci auch eingangs der Arie „Tu che la vanità“ aus „Don Carlo“. Aus unvergleichlich warm timbrierter Tiefe heraus sorgt Netrebko dann im golden glitzernden Kleid für erste goldene Sopran-Momente in leuchtenden Höhen. Stark gelingt ihr auch die rezitativische Ansprache. Bis in subtilstes Pianissimo modelliert sie einzelne Töne. Dass sie sich auch ohne technische Ausrichtung des Open-Air-Klangbilds dynamisch problemlos gegen ein großes Orchester behaupten kann, weiß und hört man. Nicht ganz so glanzvoll gerät der Einstieg von Eyvazov, der danach einen Ausschnitt aus „La forza del destino“ präsentiert und in der Höhe etwas gepresst wirkt. Hervorragend gelingt demgegenüber das Klarinetten-Solo in Person von Gerald Pachinger. Schöner und inniger als Netrebko kann man nach diesem Verdi-Paket den Mond in der berühmten Arie aus Dvořáks „Rusalka“ kaum besingen. Netrebkos stimmliche und darstellerische Präsenz besitzt ganz einfach Klasse, die Symphoniker liefern dazu Klangpoesie in Reinkultur.

Glaubwürdiger Verismo

Nach wie vor etwas kehlig und angestrengt in hohen Registern klingt Eyvazov in „Mamma, quel vino è generoso“ aus Mascagnis „Cavalleria rusticana“, daraus das "Intermezzo sinfonico" lassen die Symphoniker anschließend wunderbar lyrisch schweben. Das erste Duett gibt es dann mit „Non ti scordar di me“ von Ernesto di Curtis. Darin beindrucken besonders die Kraft und die dynamischen Abstufungen, die Netrebko in ihre Phrasen legt, mit liebenswertem Charme präsentiert das Paar dazu eine Tanzeinlage. Es folgt ein „Puccini-Block“, schon Netrebkos erste Töne in „Vissi d´arte“ aus „Tosca“ nehmen unweigerlich gefangen. Absolut glaubwürdig transportiert sie die dramatischen „Verismo“-Emotionen und begeistert mit felsenfester Stabilität in den Spitzentönen sowie raumgreifendem – und dennoch natürlich wirkendem – Volumen. In „E lucevan le stelle“ findet auch Eyvazov zu expressiverer Überzeugungskraft. Im Intermezzo aus „Manon Lescaut“ führt Scapucci die Symphoniker zu eindringlicher kammermusikalischer Intensität und dynamischen Höhenflügen, bevor beide im Abschluss-Duett „Vogliatemi bene“ aus „Madama Buttefly“ musikalisch wie schauspielerisch überzeugend interagieren. Im Gegensatz zum Auftritt bei den Salzburger Festspielen einige Tage zuvor gibt es in Grafenegg sogar eine Zugabe: Mit ansteckend schwungvollem Elan bedanken sie sich gemeinsam für stehende Ovationen mit dem Evergreen „Libiamo ne´ lieti calici“ aus „La Traviata“.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Anna Netrebko/Yusif Eyvazov: Wiener Symphoniker

Ort: Wolkenturm,

Mitwirkende: Wiener Symphoniker (Orchester), Anna Netrebko (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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