> > > > > 29.08.2020
Montag, 28. September 2020

Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker

Auf Abschiedstour

Zum zweiten Mal beim diesjährigen Grafenegg Festival gaben sich am Samstagabend die Wiener Symphoniker auf der Open-Air-Bühne des Wolkenturms die Ehre. Ganz im Zeichen von Richard Strauss stand das gestrige Programm unter Leitung des scheidenden Chefdirigenten Philippe Jordan, der dieser Tage seine letzten Konzerte mit dem Orchester gibt, bevor er ab der kommenden Spielzeit von Andrés Orozco-Estrada abgelöst werden wird. Am Beginn steht die Tondichtung „Don Juan“ op. 20. Jordan versteht es zu Anfang, auf der elektrisierenden Sogkraft-Welle des Leitmotivs zu schwimmen. Überzeugend gestaltet er wellenförmige Streicherbewegungen und setzt beißende Blech-Schärfe ein, der er wirkungsvoll verhaltene Pianissimo-Reflexionen entgegensetzt. Extrem fordernde Passagen in den Horn- und Trompetenstimmen enthält die Partitur – Strauss wusste dabei, was er tat, sein Vater war ein versierter Hornist gewesen. Die Musiker der Symphoniker haben mit derlei anspruchsvollen Stellen keine Probleme, auch die Oboe glänzt mit einem farbreichen Solo, flackernde Tremoli in den Streichern besitzen hohe Spannkraft.

Dynamischer Zündstoff

Jordan könnte im weiteren Verlauf den dynamisch einschneidenden Zündstoff noch kerniger zur Explosion bringen, die Impulsivität der Titelfigur und das dramaturgisch heraufziehende Unheil kommen nicht immer mit letzter Konsequenz musikalisch rüber. Ausgerechnet, als die Intensität wieder zunimmt, geht ein kleiner Regenschauer nieder und produziert zum Ende hin die in solchen Fällen unvermeidbare Geräuschkulisse. Die meteorologische Trübung ist aber glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Eine weitere symphonische Dichtung steht danach mit „Till Eulenspiegel lustige Streiche“ op. 28 auf dem Programm. Hier gelingt Jordan eine umfassend kraftvollere Deutung. Trügerisch sanfte Wärme umfängt den Zuhörer zum Einstieg, um schnell in den launigen, kapriolenhaften Tonfall der chaotischen Handlungsstränge umzuschlagen. Die turbulenten Episoden koloriert Jordan bunt und knallig, freche tänzerische Haltung trifft auf kraftstrotzendes Selbstbewusstsein des symphonischen Helden. Die sprunghafte Motivik zwischen ausgelassener Heiterkeit und abrupten Eintrübungen charakterisiert er mit stimmlicher Präzision und klangfarblichem Reichtum. Scharfzüngiges Blech und abrupte Eruptionen formulieren die Pointen der einzelnen Kapitel, die musikalisch-programmatischen Plots sitzen.  

Nicht nur ‚alles Walzer‘

Zum Abschluss gibt es die Suite aus Strauss‘ großer Erfolgsoper „Der Rosenkavalier“ op. 59. Dynamische Wellenbewegungen und chromatische Spannungen formt Jordan hier anfangs gut, die Koordination zwischen Streichern und Holzbläsern gerät vereinzelt allerdings nicht ganz exakt, auch die Walzer-Sphären besitzen nicht immer die rauschhafte Wärme und Eleganz, zu der die Symphoniker ohne Weiteres in der Lage sind. Zudem ist hier eben nicht einfach nur ‚alles Walzer‘, die zuweilen latent ironisierende, hintersinnig parodierende Verspieltheit kommt teils nicht zum Tragen. Auch dem charakteristisch absteigenden Motiv der fallenden Rosenblätter fehlt etwas der silbrige Glanz. Keine Frage: Jordan kann mehr. Zur Genüge hat er während seiner sechsjährigen Amtszeit mit den Symphonikern Glanzleistungen abgeliefert, auch hier beweist er zum Schluss mit exzellent aufgebauten Crescendi noch einmal, wie mitreißend er Emotionen freisetzen kann. Ohnehin wird er spätestens im Dezember Gelegenheit haben, es wieder besser zu machen, wenn er den „Rosenkavalier“ in seinem neuen Amt als Musikdirektor an der Wiener Staatsoper leitet. In allen drei Werken unbedingt noch herauszuheben: Dalibor Karvay am Konzertmeister-Pult mit hervorragenden Soli. Als Zugabe gibt es nochmal Strauß – diesmal aber Johann (Sohn). Mit dem schneidigen ‚Schmäh‘, den sie quasi in ihrer DNA tragen, brillieren die Symphoniker in der „Furioso-Polka" op. 260.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Wiener Symphoniker: Philippe Jordan

Ort: Wolkenturm,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Phillippe Jordan (Dirigent), Wiener Symphoniker (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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