> > > > > 28.08.2020
Montag, 25. Oktober 2021

Rudolf Buchbinder und die Wiener Symphoniker

Virtuoses Funkeln

Die dritte Woche des Grafenegg Festivals läuft, dank unermüdlicher Arbeit der Organisatoren und durchdachter konzeptioneller Vorbereitung konnte die renommierte Veranstaltungsreihe allen Widrigkeiten zum Trotz heuer doch noch auf gewohnt hohem Level an den Start gehen. Am gestrigen Abend griffen unter Leitung von Manfred Honeck erstmals die Wiener Symphoniker ins musikalische Geschehen ein. Zu Beginn nimmt der künstlerische Leiter des Festivals, Rudolf Buchbinder, als Solist in Gershwins „Concerto in F“ für Klavier und Orchester persönlich am Flügel Platz und beweist, dass er zu Unrecht von manchen nur auf Beethoven reduziert wird.

Sinnlich aufgeheizt

Mit schnittig perkussiven Impulsen eröffnen die Symphoniker das „Allegro“, gleich zu Beginn erschaffen sie atmosphärisch dichte, sinnlich aufgeheizte Klangsphären. Stilsicher setzen sie rhythmische Akzente, mit hör- und sichtbarer Spielfreude streut Buchbinder quirliges Passagenwerk und setzt herausfordernd bissig betonte Sekundreibungen. Die klangliche Balance zwischen Solopart und Orchester stimmt weitgehend, lediglich im voluminösen Tutti geht das Klavier stellenweise ein wenig unter – ein Problem, das im Freien aber naturgemäß immer etwas schwerer zu lösen ist. Mitte des ersten Satzes könnte Honecks Dirigat ein wenig spritziger ausfallen, im Wesentlichen transportiert er aber die Jazz-Attitüde und switcht zwischendurch gekonnt um auf warme, laszive Streicherfülle. Buchbinder nutzt das gesamte dynamische Potential der vollgriffigen Akkordfolgen souverän aus. Eingangs des „Adagio“-Abschnitts überzeugt die Bläserfraktion der Symphoniker auch individuell, ob Oboen-Solo oder gedämpfte Trompete. Buchbinder kehrt die rhythmisch raffiniert geformten Linien der oktavierten Blue Notes geschickt nach außen und brilliert in kristallklaren Diskantsphären. Dazwischen demonstrieren die Symphoniker filigranes Pianissimo. Im Schlusssatz glänzt Buchbinder mit rasanten Repetitionen, mit effektvoll abgefeuerten Akkord-Salven verleiht er seinem Part ein virtuoses Funkeln. Klavier und Orchester finden den richtigen agogischen Drive.

Explosive Klanggestik

Nach kurzer Umbaupause steht Dvořáks G-Dur-Symphonie op. 88 auf dem Programm. Aus wunderbar sonoren Streichertiefen erhebt sich das Hauptthema des Kopfsatzes in der lupenrein intonierten Flötenstimme, Honeck findet im weiteren Verlauf eine emotional packende Ansprache mit satter Streicherfülle und wuchtig-explosiver Klanggestik. Das „Adagio“ wird getragen von melodischen Bögen von einnehmend warmem Kolorit über subtilen Pizzicato-Impulsen. Im Violinsolo glänzt Konzertmeister Anton Sorokow mit dem Schönklang seiner 1741er Guarneri del Gesù. Der dritte Satz bewegt sich mit eleganter Noblesse im walzerartigen Jargon. Eingeleitet von einem strahlenden Trompeten-Solo verleiht Honeck dem Schlusssatz prägnante, folkloristisch kolorierte Verve. Ein durchweg homogenes Klangbild besticht über vollen runden Basslinien. Mit Brahms‘ mitreißend gespieltem „Ungarischem Tanz“ Nr. 1 als Zugabe verabschieden sich die Symphoniker vom begeisterten Publikum – allerdings nur bis heute Abend: Dann mit Philippe Jordan am Pult.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Wiener Symphoniker : Manfred Honeck

Ort: Wolkenturm,

Werke von: George Gershwin, Antonín Dvorák

Mitwirkende: Manfred Honeck (Dirigent), Wiener Symphoniker (Orchester), Rudolf Buchbinder (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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