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Donnerstag, 2. April 2020

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Nationaltheater Mannheim, Copyright: Christian Kleiner

Nationaltheater Mannheim, © Christian Kleiner

Karusellfahrt durch die Operngeschichte

Von Peri bis Varèse

Der Starregisseur Philipp Stölzl entstaubt gerne, um hehre Kunst vom Sockel zu stoßen. Mit seinem Projekt 'Phantome der Oper – kein Musical' am Nationaltheater in Mannheim gelang ihm das nur an der Oberfläche. Vielleicht lag es daran, dass er sich wenig darum scherte. Zum Schlussapplaus jedenfalls verbeugten sich nur die drei Wackeren im Fantomas-Regie-Ensembles und nahmen den gemäßigten Applaus des Publikums dankbar entgegen. Den Namen Fantomas hatte Stölzl seinen Mitstreitern für Text, Regie und Ausstattung – Jan Dvorák, Kathi Maurer und Heike Vollmer – verpasst. Das setzt Assoziationen mit dem Gentleman-Verbrecher Fantomas frei. Die Altmeister des französischen Films Claude Chabrol und Juan Luis Buñuel hatten um 1980 dieser Figur einen Vierteiler gewidmet und damit eine Krimiserienqualität bewiesen, von der man heute träumt.

Operngeschichte für Dummies

Auch wenn in der Schlussszene inmitten opernstilistischer Turbulenzen nach schlichter Soko-Art der Hauptdarsteller als Schwindler entlarvt und verhaftet wird, geht es in 'Phantome der Oper' nicht um einen Kriminalfall, sondern um die Geschichte der Oper, heruntergebrochen auf ein Niveau, das den Kenner mit eingestreuten Klischees amüsiert, den Opern-Neuling zunächst einfängt, am Ende jedoch, komplett verwirrt sich selbst überlässt. Dabei noch nicht berücksichtigt die negativen Anmerkungen, die ruinöse Wirkungen nach sich ziehen. Wer nie die Oper von innen erlebte, wird nach diesem Abend jedenfalls Mozart, Beethoven und Wagner als verzichtbar einstufen.

Szenen eins bis sechs

Dabei beginnt die Geschichte bei allem Klamauk nicht ohne Charme. Ein Nachtwächter erblickt im Lichtkegel seiner Laterne ein erwartungsfrohes Publikum. Nachdem sich sein erster Schreck gelegt hat, beginnt er zu erzählen. In gebrochenem Deutsch mit gewöhnungsbedürftigem Akzent outet er sich als Phantom, das 400 Jahre Operngeschichte in den Gewölben durchlebt hat und mit dem Untergang des Belcanto die Oper beendet sieht. Seine große Sehnsucht gilt dem Sopran. Parallelen zu Webbers 'Phantom der Oper' sind offensichtlich.

Allerdings ist Michael Ransburg in der Rolle des Nachtwächters Giovanni Bardi alias Phantom alias frustrierter Geiger des Nationaltheaters Mannheim kein unansehnliches Monster, sondern ein eingeschworener Bewahrer des schönen Gesangs. Gestenreich erzählt er vom anfänglichen Irrtum des Jacopo Peri und seiner Florentiner Camerata, was zur Geburt der Gattung Oper führte. Monteverdi feilte daran, begründete den Zusammenhang von Rezitativ und Arie. Francesco Cavalli, Jean Baptiste Lully und Georg Friedrich Händel prägten verschiedene Ausrichtungen der Oper in Europa.

Dieser Opern-Geschichten-Einstieg füllt sechs Szenen des insgesamt 13 Szenen umfassenden Bühnenwerks. Die Erklärungen beschränken sich auf Basiswissen, durchsetzt von heiteren Kommentaren und zum Klingen gebracht in fragmentarischen Ausschnitte aus den Werken dieser Komponisten, überwiegend solistisch geboten oder kurzzeitig im großen Chor. Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton traten durch eine Tür oder agierten zwischen zwei Schiebetüren in opulenter barocker oder klassischer Ausstattungspracht. Mit affektgeführter Gestik und im Gesang möglichst authentisch auf die jeweilige Epoche abgestimmt zeigten sie, wie man zu jener Zeit in der Oper spielte.

Klamauk auf Kosten der Kunst

In dieser Art hätte es weitergehen dürfen. Doch kein Wort vom Opernreformer Gluck, der in der Oper die entscheidende Kehrtwende einführte. Dafür ein Schlag auf den Singspiel komponierenden Mozart, dessen letzte Oper angeblich 'Die Zauberflöte' gewesen sein soll. Oder auf Beethoven, dessen 'Fidelio' nicht zu den Meisterwerken zählt, dafür aber keine so billige Abfuhr verdiente. Mit einem Tenor für Lacher zu sorgen und ihn dabei die absoluten Ohrwürmer singen zu lassen, wie es stattdessen gezeigt wurde, ist so billig wie wirkungsvoll. Der Frau in der Oper zu besonderem Stellenwert zu verhelfen, mag ein akzeptabler Ansatz sein, scheiterte hier aber am langweiligen Dialog.

Rasantes Finale

Nach dieser Talfahrt entwickelte sich der Abend wie an der Börse zu einem musikdramatischen Hochgenuss. Im Fokus stand jetzt die Modernisierung der Oper zum Musikdrama, verkörpert mit den musikdramatischen Antipoden Richard Wagner und Guiseppe Verdi. 'Fliegender Holländer' und 'Tristan und Isolde' nebst Tristanakkord erklangen im Wechsel mit Verdis 'La donna è mobile' aus 'Rigoletto' und Vincenzo Bellinis Norma-Arie 'Guerra, Guerra'. Wagners Hans Sachs aus den 'Meistersingern' sang gegen Carmens 'Habanera' aus George Bizets 'Carmen' an. Damit begann sich die jetzt komplett offene Opernbühne zu drehen. Aufgereiht wie im Karussell erlebte das Publikum musikalisch und im Bild die Hinrichtungsszene des Cavaradossi aus Puccinis 'Tosca' und ihr Sturz in den Tod, Alban Bergs 'Wozzeck', der auf einer abstrakten Hausdachkulisse mit blutverschmierten Händen nach dem Messer greifen will, den Jägerchor inmitten einer Pappmaché-Waldkulisse mit Carl Maria von Webers 'Freischütz', eine eben noch in den Tod gesprungene Tosca jetzt als Salome im Tanz mit dem Kopf des Jochanaan, schließlich Klänge aus Edgar Varèses 'Poeme électronique' und Andrew Lloyd Webbers 'The Phantom of the Opera'-Motiv.

Großartige musikalische Leistung

In einem Lehrstück quer durch 400 Jahre Operngeschichte von jedem Künstler jegliche Stilrichtung singen und musizieren zu lassen, ist mehr als eine Herausforderung. Das Ensemble mit Martina Welschenbach (Sopran), Shahar Lavi (Mezzosopran), Joshua Whitener (Tenor), Joachim Goltz (Bariton) und Sung Ha (Bass) bestand diese Feuerprobe mit Bravour. Ebenso großartig sang und spielte der Opernchor, während das Nationaltheater-Orchester unter der Leitung von Mark Rohde Spannungsmomente zauberte, die unter die Haut gingen. So endete ein zwiespältiger Abend mit langanhaltendem Applaus für die Künstler, die eigentlichen Garanten für die Zukunft der Oper.

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Kritik von Christiane Franke

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Phantome der Oper: Jan Dvorak/Philipp Stölzl

Ort: Nationaltheater,

Mitwirkende: Mark Rohde (Dirigent), Orchester des Nationaltheaters Mannheim (Orchester)

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