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Donnerstag, 6. August 2020

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Giovanni Furlanetto, Aurelia Florian, Scott Hendricks, Marina Prudenskaya, Arnold Rutkowski, Copyright: © Bernd Uhlig

Giovanni Furlanetto, Aurelia Florian, Scott Hendricks, Marina Prudenskaya, Arnold Rutkowski, © © Bernd Uhlig

'Il Trovatore' an der Oper Köln

Verdi als musikalisches Kammertheater

Die Produktion 'Il Trovatore' von Dmitri Tcherniakov hatte zuerst im Jahre 2012 im Brüsseler Opernhaus La Monnaie mit ihrer eigenwilligen Interpretation auf sich aufmerksam gemacht. Offenbar mit viel Spannung erwartet feierte sie – unter Anwesenheit des Regisseurs – am vergangenen Sonntag in Köln Premiere, denn die Corona-Viren-Panik schien plötzlich wie verschwunden zu sein.

Verdi verknüpft in dieser Oper (1853 in Rom uraufgeführt) politische und private Konflikte und stellt sie in farben- und kontrastreichen, zum Teil historisch weit auseinander liegenden, großen romantischen Tableaux zusammen. Graf Luna befindet sich im Ausnahmezustand. Leonora, seine Angebetete, ist in einen Troubadour verliebt, den er für den Sohn Azucenas hält. Azucena wiederum will sich endlich für den Tod ihrer Mutter rächen, die vor langer Zeit für die Krankheit des kleinen Bruders von Luna verantwortlich gemacht und hingerichtet wurde. Aus Rache entführte Azucena als junge Frau den kleinen Manrico, um ihn ebenso ins Feuer zu werfen, wie es Lunas Vater mit ihrer Mutter getan hatte. In ihrer Wut verwechselte sie jedoch die Kinder, opferte ihr eigenes Kind und zog Manrico mit viel Zuwendung und erwiderter Mutterliebe an Kindes statt auf. Manrico, mittlerweile zum jungen Mann gereift, weiß nicht, dass er Lunas Bruder ist, unterstützt den politischen Gegner und liebt dieselbe Frau.

Musiktheatrales Kammerspiel

Tcherniakov nutzt diesen Kernkonflikt der Oper als Ausgangspunkt für sein intim und düster wirkendes, mit großem dramatischen Spannungsbogen ausgestattetes musiktheatrales Kammerspiel. Die Ausgangssituation: Graf Luna hat zur geschlossenen, eingeschlossenen Gesellschaft geladen und lässt Rollenkarten für sein intrigantes Spiel verteilen. Aus den verschiedenen romantischen Schauplätzen ‚im Schloss des Grafen Luna, im Garten, das Lager des frei umherziehenden Volkes, im Kloster, das Militärlager des Grafen Luna, auf der Festung‘ ist eine Art bürgerliche Villa mit Tisch und Stühlen und einem Sofa übrig geblieben – eine weitläufige, transparente, spärlich möblierte Wohnlandschaft mit dunkler Wandverkleidung in Kassettendeckenoptik, seitlichen und hinteren Flurbereichen und Ecken, um sich zurückzuziehen und einer unsichtbaren Wandtür, um das Verließ Manricos anzudeuten.

Bis auf Ferrando, der als Helfershelfer Lunas auftritt, werden die Rollen der weiteren Personen (Ines, Ruiz, ein alter Sinti bzw. Roma, ein Bote) und die Chorpassagen der Soldaten und Nonnen von den Protagonisten übernommen oder erklingen aus dem Off. Mag sein, dass das von Empathie getragene Regiekonzept nicht immer ganz aufzugehen scheint, z. B. wenn Luna als Helfer Manricos die Vorbereitungen für den bevorstehenden Kampf übertragen werden. Es deckt jedoch wirkungsvoll mögliche Motive, Empfindungen, Gedanken und Hintergründe der Protagonisten auf und trägt zur Aktualisierung des Konflikts und Verdichtung der musikdramatischen Entwicklung bei. So wird in differenzierter Personenführung herausgearbeitet, wer was als Zumutung, als Gelegenheit, als Herausforderung empfand und empfindet. Am Ende zeigt die von Anfang an tablettensüchtige Leonora Zivilcourage ebenso wie Manrico. Er scheut den Konflikt nicht, selbst wenn er dadurch sein Leben riskiert, während Leonora ihre Lage als ausweglos ansieht und sich vergiftet und der unentwegt trinkende und Chips in sich hinein stopfende Luna mehr und mehr die Kontrolle verliert. Deutlich wird auch, dass Azucena Ränke schmiedet. Sie bleibt nur durch eine Ladehemmung der Pistole am Leben und triumphiert am Ende der Oper mit den Worten: ‚Du bist gerächt, o Mutter!‘

Liebe, Eifersucht, Hass und Rache

Das Gürzenich-Orchester Köln ist dieses Mal links neben der Zuschauertribüne des Staathaussaales 2 untergebracht. Unter der Leitung Will Humburgs zaubern die Musiker, ein wunderbar transparent, homogen und dynamisch sehr differenziert gestaltender Chor und die GesangssolistInnen – sieht man einmal von kleinen, hörbaren Abstimmungsproblemen zwischen Gesangssolisten und Orchester im ersten Teil des Abends ab – einen geradezu filmmusikalischen Rausch aus Liebe, Eifersucht, Hass und Rache.

Marina Prudenskaya verkörpert eine elegante, glutvoll strahlende, selbstbewusste, viel Mutterliebe verströmende Azucena. Scott Hendricks stellt lyrisch und dramatisch grandios den von Eifersucht, Rache und Liebe getriebenen, verhaltensgestörten Grafen Luna dar. Aurelia Florian überzeugt als leidenschaftlich liebende Leonora mit dramatischer Kraft und eindrücklichen lyrischen Momenten. Ein nicht ganz genesener Arnold Rutkowski sang brustig schillernd seine Rolle als Manrico bis zur Pause. An seiner Statt übernahm anschließend George Oniani mit weichem Stimmklang den Gesangspart und setzte gefühlvolle Akzente.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Il Trovatore: Dramma lirico von G. Verdi

Ort: Oper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Will Humburg (Dirigent), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester), Marina Prudenskaja (Solist Gesang), Scott Hendricks (Solist Gesang)

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