> > > > > 16.02.2020
Freitag, 10. Juli 2020

Yutaka Sado, Copyright: Jun Yoshimura

Yutaka Sado, © Jun Yoshimura

Die Tonkünstler mit Verdis Requiem

Fulminantes Fegefeuer

Für seinen hoch geschätzten Landsmann, den Dichter Alessandro Manzoni, schrieb Verdi, der zuvor einem derartigen Vorhaben stets ablehnend gegenübergestanden hatte, letztendlich doch ein Requiem. Von seiner ursprünglich sakralen Verwendung hat es schon zu Lebzeiten Verdis schnell seinen Weg auf die Konzertbühnen der Welt gefunden, im Großen Saal des Wiener Musikvereins brachte es am Sonntagnachmittag das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Leitung seines Chefdirigenten Yutaka Sado zur Aufführung. Vom Anfang des 'Requiem aeternam' an sorgt dieser mit akkurat geführten, warmherzigen Violoncelli und schwerelosen Streichern für beeindruckend klare Konturen, die polyphonen Chorstrukturen des Wiener Singvereins bringt er perfekt auf den Punkt und erzeugt räumlich regelrecht greifbare Klangebenen. Erstmals im 'Kyrie eleison' stellen die Solisten ihre Ausnahmefähigkeiten unter Beweis: Emily Magee (Sopran) mit sicherer, durchschlagskräftiger Höhe, Elena Zhidkova (Alt) mit natürlich schlankem, in allen Lagen beweglichem Timbre, Wookyung Kim (Tenor) und Yasushi Hirano (Bass), beide mit geschmeidiger, kraftvoller Tongebung, lassen erstmals ihr Ausnahmekönnen aufblitzen.

Meisterleistung

Auch im Tutti herrscht exakte Klarheit bis in die blechmensurierten Nebenstimmen. Erstmals ist dann die gewaltige 'Dies irae'-Sequenz zu hören, Sado entfacht hier nicht weniger als ein dynamisch erbarmungslos alles verzehrendes, fulminantes Fegefeuer, das man mit einer solchen kontrapunktischen Präzision und Wucht bis in die entlegensten Piccolo-Ecken überaus selten zu hören bekommt. Darauf folgt ein eindringlich deklamierender 'Quantus tremor'-Flüsterton des Chors. Die vom Zuhörerraum aus auf dem rückwärtigen Balkon angeordneten Trompeten verstärken anschließend die klanglichen Raumwirkungen so plastisch, dass die Partitur sozusagen multidimensional erfahrbar wird. Im Spannungsfeld explosiver, dreifacher Fortissimo-Urgewalt und zarter Pianissimo-Nuancen liefern die Tonkünstler und der von Sado hervorragend ausbalancierte, erstklassig agierende Singverein eine Meisterleistung ab. Yasushi Hirano im 'Mors stupebit' mit glasklarer musikalischer An- und Aussprache und Elena Zhidkova ('Liber scriptus proferetur') mit wunderbar warmer Alt-Färbung begeistern zwischendurch solistisch – exzellent grundiert von gestochen scharf intonierenden Tonkünstlern.

Himmlische Genauigkeit

Das 'Quid sum miser' (Alt, Sopran, Tenor) steht exemplarisch für die geschliffene Interaktion der Solisten, die sich allesamt als grandios besetzter Glücksgriff erweisen. Das 'Salva me' setzt wiederum mitreißende, unweigerlich fesselnde Energien frei, Alt und Sopran werden im 'Recordare' auf samtweichen Streicherwolken getragen. Wookyung Kim glänzt mit felsenfester Stabilität und kernigem Volumen im 'Ingemisco, tamquam reus'. Mit strahlend klarer Ästhetik trägt Hiranos Bass das 'Confutatis' vor. Vom gewaltigen Sog des 'Dies irae' wird man erneut vehement erfasst, im 'Lacrimosa' treten Chor und Orchester in einen bezwingend intensiven Dialog.

Mit weiterhin souveräner Übersicht fügt Yutaka Sado die Bausteine der komplexen musikalischen Architektur zusammen. Im 'Hostias' des 'Offertorium' glänzt nochmals Kims charismatischer Tenor. Akkurate Kontrapunktik formt Sado im 'Sanctus', bombastische Tutti-Energien entladen sich im 'Quam olim Abrahae'. Das dynamisch diskret zurückgenommene 'Hosanna' stimmt der Singverein mit luzider, himmlischer Genauigkeit an, Konzentration und Spannung im Dirigat Sados lassen keine Sekunde nach. Das 'Libera me' vereint nochmals alle Parameter, die man in dieser geballten Kompetenz selten antrifft: Stellvertretend für die Qualität aller Solisten eine Sopranistin, die sich problemlos gegenüber den massiven Klangkörpern behaupten kann, ein glänzend disponierter Chor und ein Orchester, das bei höchster stimmlicher Genauigkeit in der Fuge klanglich jederzeit von null auf hundert beschleunigen kann. Ein Sonderlob muss unbedingt auch an Johannes Prinz für die Choreinstudierung gehen. Kurz: Diese Besetzung beschert den Zuhörern eine unvergessliche Verdi-Erfahrung der Extraklasse.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: Yutaka Sado/Verdi

Ort: Musikverein,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Yutaka Sado (Dirigent)

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