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Mittwoch, 15. Juli 2020

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Maria Kataeva (Ruggiero), Jacquelyn Wagner (Alcina), Copyright: Jochen Quast

Maria Kataeva (Ruggiero), Jacquelyn Wagner (Alcina), © Jochen Quast

Händels 'Alcina' in der Deutschen Oper am Rhein

Alcinas Überreste

Wenn aller verzaubernder Luxus dahin ist, bleibt ernüchternde Hoffnungslosigkeit. So etwa lässt sich das Schlussbild der Inszenierung von Lotte de Beer zusammenfassen. Da sitzt eine ungeschminkt und gepflegte, einfach gekleidete, wenig attraktive alte Frau auf der Couch und blickt ins Publikum. Im Hintergrund künden die erlösten Geister zwar vom wiedererwachten Leben. Aber das freudige Lieto fine – der standardisierte, glückliche Ausgang eines barocken Opernabends, der eingerichtet wurde, um die moralische Wirkung auf das Publikum zu steigern – bleibt aus.

Schmerzvoller Abschied

'Alcina', 1735 in London uraufgeführt, ist momentan in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf zu sehen. Lotte de Beer zeigt uns eine Welt ohne barocken Zauber und überirdische Zauberkräfte. Alcina ist hier eine die Langeweile des Luxuslebens genießende, von Männern verwöhnte Frau, deren Liebes- und Beziehungsmuster von Anfang an zu bröckeln beginnen. Zu spät erkennt sie die drohende Gefahr: Bradamante, ihre Gegenspielerin, hat sich als Mann verkleidet und macht sich mit ihrem Begleiter Melisso auf, um ihren Verlobten Ruggiero zu suchen. Nicht Melisso, sondern Bradamante selbst bricht bei de Beer den Zauber mit ihrem Kuss. Ruggiero, Alcinas Geliebter will nun zu seinen Pflichten als zukünftiger Ehemann zurückkehren und Abschied nehmen. Es ist ein schmerzvoller, leiser Abschied, den Maria Kataeva als Ruggiero in der ungewöhnlich schlichten Arie 'Verdi prati' bekundet, so als wenn er bedauere, die Scheinwelt hinter sich lassen zu müssen.

De Beers Anliegen ist es nicht, die Handlung der Oper zu offenzulegen. Ihre Interpretation ähnelt zunehmend einem verwirrenden, schonungslos psychoanalytischen Blick Alcinas auf die Vergangenheit, in den auch ihre Schwester Morgana, die das jugendliche Alter Ego Alcinas zu sein scheint, einbezogen wird. Shira Patchornik konnte in der Premiere für die kurzfristig erkrankte Elena Sancho Pereg als kokette, das Spiel der Gefühle liebende Morgana gewonnen werden.

Leitfaden der humorlosen Charakterstudie Alcinas sind die ausdrucksstarken Arien und Affekte, die Jacquelyn Wagner mit großer musikalischer Virtuosität und schauspielender Bühnenpräsenz vor Augen führt. Mal ist sie die strahlende, von allen vergötterte Herrscherin, mal verzehrt sie sich in Schmerz, bricht zusammen, liegt unter betörenden Koloraturketten am Boden und schafft es nur mit dem strafenden Zeigefinger der alten Frau bzw. Mutter Haltung zu wahren. Wallis Giunta interpretiert Bradamante, die Verwirrung stiftende, eigentliche Gegenspielerin Alcinas. Sie schlichtet Streit in der Arie 'E gelosia' und weiß in 'Vorrei vendicarmi' mit virtuosem Furor in Wut auszubrechen, um schließlich als Ruggieros Braut Haltung zu zeigen.

Musikalischer Genuss

Musikalisch ist die Oper ein Genuss. Die Neue Düsseldorfer Hofmusik verströmt unter der Leitung Axel Kobers viel tänzerisch verspielte und dramatisch bewegte Leichtigkeit im historisch authentischen Klanggewand. Zu diesem besonderen, sehr transparenten, mit dem Gesang dialogisierenden Klangbild gehören neben effektvollen Spielweisen auch Fagott, Oboe, Blockflöte, Naturhörner, Streicher mit Darmsaiten und besonderen Bögen, zwei Violonen (barocke, mit Bünden versehene Kontrabassinstrumente), Theorbe, barocke Laute und Cembalo.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Alcina: Dramma per musica von Händel

Ort: Deutsche Oper am Rhein,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Neue Düsseldorfer Hofmusik (Orchester)

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