> > > > > 23.01.2020
Dienstag, 18. Februar 2020

1 / 5 >

Messias, Copyright: Lucie Jansch

Messias, © Lucie Jansch

Robert Wilson inszeniert Mozarts 'Messias'-Bearbeitung

Völlig neu gehört

Die Salzburger Mozartwoche steuert mit ihrem diesjährigen Bühnenprojekt Spektakuläres für das Jubiläumsprogramm der Salzburger Festspiele 2020 bei. Mozarts Bearbeitung KV 572 von Händels 'Messias', der jetzt im Haus für Mozart Premiere hatte, wird dann wieder auf dem Spielplan stehen. Der 79-jährige Regisseur Robert Wilson bot mit seiner Inszenierung samt Tanzeinlagen eine neue Lesart.

Spirituelle Reise ins Licht

Es ist die Sicht eines altersreifen Künstlers, der sich mit der Angst vor dem Tod und dem danach nicht mehr aufhält. Mozarts 'Messias' erkennt er als ideales Spielfeld. Es gibt keine Heilsfigur, dessen Leiden, Sterben und Auferstehen es zu durchleben gilt. Stattdessen sind es biblische Botschaften aus dem Munde des Propheten, vielfach abstrakt um die Ängste des Menschen und dessen Erlösungsbedürftigkeit rankend und dadurch umso freier zur individuellen Assoziation. Diesen Spielraum weitete Robert Wilson, indem er den 'Messias' aus dem christlichen Kontext herauslöst und ihn als spirituelle Reise der Hoffnung deutet, die ins Licht mündet.

So reduzierte er seine Inszenierung auf assoziative Bilder für die Schau nach innen wie außen. Blau-weiße Tiefen, wogendes Meer, verkohlte Balken, die herabschweben, eine zum Tor gebogene Gerade auf nebligem Grund, erzeugt durch Videoeinblendungen, Lichtinstallationen und viel Theaternebel, bestimmten die Atmosphäre auf der Bühne im Haus für Mozart. Solisten und Chor agierten puppenartig, ihre Bewegungen speisten sich aus Miniaturen in der Wiederholungsschleife. Großräumig federleicht durchtanzte Alexis Fousekis den Bühnenraum, alle weiteren Bewegungen waren entlang der musikalischen Struktur choreographierte Bewegungsmuster.

Mythen und Märchen

Vieles, was hier in mit einer auf das Minimum reduzierten Bildhaftigkeit fesselte, lässt sich in Verbindung mit dem Text deuten oder beflügelt die Vorstellungskraft des Einzelnen. Der alte Mann mit Rauschebart, das Mädchen mit dem blauen Vogel auf dem Arm, die Vogelscheuche aus Stroh, die weiße Frau auf dem Nachen weckten Assoziationen an Bilder und Figuren aus Mythen und Märchen. Manches blieb ein Rätsel wie der Kopflose mit dem Hummer an der Leine, während vom Blinden gesungen wird. Auch das gehört zu Robert Wilsons Absicht.

Dem Regisseur zur Seite stand ein brillantes Ensemble. Marc Minkowski, die Musiciens du Louvre, großartige Solistinnen und Solisten und der Philharmonia Chor Wien beglückten den 'Messias'-Kenner mit einer Interpretation, die frischer, heller, konzentrierter erschien als das Original und neue Klangsinnerfahrungen in Gang setzte.

Populäre Händel-Bearbeitung

Gottfried van Swieten, bekennender Oratorienfan, beschaffte sich die Händel-Partitur und beauftragte 1789 Mozart mit einer Bearbeitung zur Aufführung im privaten Kreis. Mozart erstellte eine aus heutiger Sicht betrachtet populäre Version auf einen deutschen Text, weniger Bläser, dafür Klarinetten, anstelle der Orgel ein Tasteninstrument und vermehrt Flötenpartien, um aufzuhellen, stellenweise verspielt bis humoresk, was bei Händel feierlich beladen erklingt. Zudem führte er Instrumente und Chor näher zusammen und überließ den Posaunenruf dem Horn.

Trostreiche Musik

Marc Minkowskis Interpretation am Pult offerierte die dunklen Tiefen des Originals, blitzlichtartig erhellt durch Mozarts Einwürfe, die durch Reduktion, Instrumentierung und maßvolle Veränderungen entstanden. Das Orchester Musiciens du Louvre musizierte durchlässig transparent, selbst in den dramatisch schweren Partien beflügelnd leicht. Nicht Angst und Tod sollte der Zuschauer erfahren, sondern Trost, und das nicht erst in der finalen Amen-Fuge.

Am deutlichsten zeigte sich dies im berühmten 'Halleluja', vom Chor durchgängig verhalten gesungen, mozartisch leicht begleitet vom Orchester, während im Hintergrund die Eisberge zerbarsten und die Apokalypse heraufbeschworen, an deren Ende ein Astronaut zwischen den Choristen Pirouetten drehte. So leichtfüßig verwirrend deutet Robert Wilson die Endzeit und entzieht damit allem Geschehen die Dramatik.

Überirdischer Gesang

Ähnlich zeichnete er die Solo-Tenor- und Altpartie. Richard Croft tänzelte, lachte und zwinkerte mit Glitzer über den Augen wie ein clownesker Varieté-Künstler. Das 'Tröstet Zion!' als erste Soloarie des Abends formte der großartige Ausdrucksgestalter in einem ruhig beseelenden Pianissimo. Dabei strahlte er die tiefgreifende Zuversicht eines göttlichen Wesens aus, was gleichzeitig richtungsangebend war für die dreistündige Aufführung. Nicht von ungefähr genügte eine Geste von ihm und die Lichter gingen an. Die Altistin Wiebke Lehmkuhl war nicht nur stimmlich sein Pendant. Bildlich verknüpft mit Wasser und Erde, erinnerte sie an Figuren aus der Commedia dell‘arte, wirkte sie wie eine erdverwurzelte Mutter und Geliebte.

Prophetische Aussagen

Während Robert Croft und Wiebke Lehmkuhl zu ihren Arien in tänzelnder Bewegung blieben, forderte Robert Wilson vom Sopran und Bass konzentriertes Stillhalten und messerscharfe Präzision. Mühelos meisterte der junge bolivianische Bassist José Coca Loza die Koloraturen. Kostüm und Haartracht suggerierten Nähe zu Konfuzius. Unter diesem Eindruck wandelten sich seine prophetischen Aussagen zu Botschaften jenseits christlicher Ausrichtung.

Elena Tsallagova begann als Verkündigungsengel und wurde zur luziden Gestalt, die auf dem Nachen über den nebelumwobenen See glitt, als würde sie die Seelen in das Totenreich begleiten. Dabei sang sie strahlend und entführte in überirdische Sphären. Der Chor, einstudiert von Walter Zeh, agierte als gesichtslose Klangquelle meist aus dem Dunkel heraus, gelegentlich hinter der Bühne, dennoch gefordert, sich in das Bühnengeschehen einzuordnen. Was nicht immer gelang, kann bis zum Sommer noch werden. Das Publikum feierte die Inszenierung uneingeschränkt mit großem Jubel.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Christiane Franke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Händel/Mozart: 'Der Messias' KV 572

Ort: Haus für Mozart,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Marc Minkowski (Dirigent), Robert Wilson (Inszenierung)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2020) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Tzvi Avni: In Spite of all that

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich