> > > > > 21.02.2020
Donnerstag, 2. April 2020

Yannick Nézét-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra, Copyright: Bob Bruyn

Yannick Nézét-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra, © Bob Bruyn

Nézet-Séguin und Mahler

Kraftvolle Körperlichkeit

Bevor Yannick Nézet-Séguin Musikdirektor des Metropolitan Orchestra New York wurde, leitete er 10 Jahre lang das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Sie kennen sich seit 2008 und machen immer wieder mit Interpretationen der sinfonischen Werke Gustav Mahlers auf sich aufmerksam. Neben Rotterdam, Paris und Baden-Baden inszenierten sie am vergangenen Freitag in der Philharmonie Essen Mahlers 5. Sinfonie. Ein knapp 90 Minuten währender Spannungsbogen, an dessen Ende das Publikum in Begeisterungsstürme ausbrach.

Da trifft die plastische, virtuose und ausgesprochen homogene Spielkultur des Rotterdam Philharmonic Orchestra auf die energiegeladene, detailverliebte und gestenreiche Ausdruckskultur Nézet-Séguins. Da verwandeln sich die varianten- und dramenreichen Klangwelten Gustav Mahlers in ein leidenschaftliches Erzählen und Kommentieren – ein immer neu einsetzendes Vergegenwärtigen und Suchen von Trauer, Melancholie, Aufbau und Absturz, ironischen Brechungen, Tanz und verzaubertem Innehalten.

Mit Bedacht

‚Gemessen‘ im Tempo, ‚streng‘ in Metrum und Rhythmus erklingt der erste Satz. Von den Streichern bis zu den Paukenwirbeln im Pianissimo – alle Instrumente des Riesenorchesters vollziehen mit Bedacht den schwer lastenden Trauergestus. Erwartungshaltungen werden gebrochen bzw. vorgeführt. Nézet-Séguin akzentuiert die letzte Zählzeit im Takt nicht einfach nur dynamisch ansteigend und leicht verzögert im Tempo. Er lässt auch zum folgenden, eigentlichen Taktschwerpunkt hinüberschleifen. Und dann folgt auf ein gedachtes Innehalten der im Pianissimo gehauchte, eigentliche Ton.

Wie sehr Gustav Mahler diese mit den Erwartungen des Publikums spielende Erzählhaltung zu eigen ist, veranschaulicht Nézet-Séguin nicht nur im zweiten, virtuos dargebotenen Satz mit seinen atemlosen Ausbrüchen hemmungsloser Verzweiflung, sondern vor allem auch im dritten Satz, dem 'Scherzo'. Ein humorvolles, demonstrativ lebendiges Erzählen mit harmonisch unaufgelösten Schlüssen, ausgedehnten Fermaten und musikalischen Überraschungen. Gegensätze prallen aufeinander. Hat man sich z. B. gerade noch die Trauer in Erinnerung gerufen, beginnen die Streicher unerwartet, im Pizzicato melancholisch beschwingte Walzer und Tanzatmosphäre zu wecken. In immer wieder neuen Abwandlungen entsteht ein faszinierendes, polyphon verknüpftes musikalisches Kaleidoskop, das die Musiker virtuos, ausdrucksstark und transparent vor Augen führen.

Herzliche Glückwünsche

Auch das sich anschließende 'Adagietto' enthielt eine dramatische Spannung. Nézet-Séguin dirigiert hier ohne Taktstock, begleitet einen ganz vom Atemstrom getragenen, verhalten entrückten Melodiefluss. So außergewöhnlich wie diese Konzerterfahrung war auch der Abschied. Nach dem fünften und letzten Satz 'Rondo-Finale' und den sich anschließenden Begeisterungsstürmen des Publikums ging der Dirigent zunächst durch die Reihen des Orchesters, bedankte sich spontan und herzlich bei allen Musikern und Musikerinnen, um sodann die hinreißend spielende, sehr junge Hornsolistin und den Solotrompeter, aber auch Harfe und Schlagwerk, Klarinetten, Oboen und Posaunen hervorzuheben. Und die Musiker? Sie verließen die Bühne nicht unmittelbar am Schluss, sondern standen noch beieinander und beglückwünschten sich.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Nézet-Séguin, Rotterdam Philharmonic Orchestra: Gustav Mahler

Ort: Philharmonie Essen (Alfried Krupp Saal),

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Yannick Nézet-Séguin (Dirigent), Rotterdam Philharmonic Orchestra (Orchester)

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