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Mittwoch, 19. Februar 2020

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Szenenfoto, Copyright: Staatsoper Wien

Szenenfoto, © Staatsoper Wien

Ur-Fidelio-Premiere an der Wiener Staatsoper

Leonore und ihr zweites Ich

Es ist Beethoven-Jahr – und großes Beethoven-Wochenende an der Wiener Staatsoper: Neben der Präsentation sämtlicher Klavierlieder konnte man am Samstagabend eine gewissermaßen doppelte Premiere erleben: Nicht nur hob sich dort erstmals der Vorhang für Amélie Niermeyers Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ – erstmals überhaupt wurde die vorliegende Urfassung gespielt. Wie fast überall sonst wurde auch hier zuvor stets die dritte 1814er-Fassung gegeben (mit ihr wurde das Haus am Ring 1955 nach seiner kriegsbedingten Zerstörung übrigens wiedereröffnet). Überhaupt hat es sage und schreibe 100 Jahre gedauert, bis Richard Strauss die 1805 uraufgeführte erste Version 1905 in Berlin erstmals wieder auf die Bühne brachte. In eine frühere Bahnhofshalle, also an einen vormals für jedermann öffentlich zugänglichen Ort, hat Niermeyer das Gefängnis als Hauptschauplatz der Handlung verlegt. Soweit, so schlüssig – dass dieses Bild durchgängig beibehalten wird, macht die Bebilderung indessen nicht unbedingt abwechslungsreich, spiegelt auf der anderen Seite aber die erdrückende Monotonie eines Regimes wieder, in dem (unliebsame) Menschen willkürlich grund- und spurlos verschwinden bzw. beseitigt werden.

Glitzernde Freiheit

Einige signifikante Abweichungen vom Original sind darüber hinaus charakteristisch für das Regie-Konzept: Leonore wird ein schauspielerisch verkörpertes zweites Ich zur Seite gestellt, das als für das Publikum hörbar gemachte innere Stimme fungiert und die Ambivalenz zweier einerseits mutig voranschreitender, andererseits zaghaft-zweifelnder Seelen in einer Brust Ausdruck verleihen soll. Die Idee als solche ist gut, den Eindruck einer brüchig gespaltenen Persönlichkeit lässt sie dabei nicht aufkommen. Zu künstlich implantiert und fremdkörperartig wirkt in diesem Zusammenhang nur leider die von Moritz Rinke stammende Textbearbeitung, mitunter auch schlicht zu plakativ - etwa, wenn Frauen augenzwinkernd als die besseren "Weltretter" propagiert werden. Die mit sich selbst geführten Dialoge der Figur hemmen zudem eher den Handlungsfluss und zwängen ihn in ein konzeptionell übergestülptes Korsett. Für den etwas steif und ungelenk, aus heutiger Sicht fast schon einfältig wirkenden Libretto-Text Sonnleithners können hingegen weder Regie noch Beethoven etwas. Insofern ist zumindest die Absicht, diesen etwas aufzupimpen aller Ehren wert. Auch der Regie-Einfall, Leonore am Ende sterben und sie das Happy-End als Vision simultan in Person ihres Alter Ego durchleben zu lassen, wirkt zu aufgesetzt und unglaubwürdig. Auch die fast schon ritualisierend initiierte individuelle Demaskierung der einzelnen Gefangenen gerät symbolisch etwas dick aufgetragen. Der inhaltliche Durchbruch von Beethovens hehrem Freiheits- und Erlösungsgedanken bzw. die kollektive Verbrüderung äußert sich am Schluss optisch in allgemeinem Glanz- und Glitter-Design – das hat wiederum etwas und bricht sinnfällig mit der vorherigen Knast-Tristesse.

Fulminantes Debüt

Jennifer Davis debütiert als Leonore fulminant nicht nur – wie alle anderen Akteure – in ihrer Rolle, sondern auch am Haus. In allen Registern durchweg sicher meistert sie ihre fordernde Partie und begeistert mit technisch versierter Ornamentik. Auch Katrin Röver als ihr sprechendes Pendant macht ihre Sache gut. Benjamin Bruns als Florestan besitzt ein weiches, bewegliches Tenor-Timbre und einen strahlend klaren Ton. Falk Struckmann begeistert als souveräner, stimmstarker Rocco. Chen Reiss bewältigt ihre (in der Urfassung musikalisch deutlich aufgewertete) Partie als Marzelline mit schlanker, natürlicher Phrasierung. Jörg Schneider verkörpert einen vitalen Jaquino mit stimmlich und schauspielerisch gewinnendem Wesen, Samuel Hasselhorn strahlt als Don Fernando würdevolle Bariton-Noblesse aus. Thomas Johannes Mayer (Pizarro) überzeugt zwar darstellerisch, kann sich stimmlich allerdings zu wenig behaupten. Tomáš Netopil führt das Staatsopernorchester von der dramaturgisch großartig vorzeichnenden Ouvertüre (gespielt wird Leonore Nr. 2), zu einem erfrischenden, dynamisch und agogisch präsenten, aufgeweckten Beethoven-Klang. Kurze Anlaufschwierigkeiten in der Synchronisation mit den Akteuren auf der Bühne sind da schnell vergessen. Der Staatsopernchor glänzt voluminös in seinen effektvoll angelegten Nummern.

Über das Regiekonzept kann man – wie auch die Zuschauer am Ende – geteilter Meinung sein. Musikalisch gelingt dem Haus am Ring jedenfalls ein wirklich wertvoller Beitrag zum Beethoven-Jahr. Eine weitere anlassbezogene Besonderheit auf dem diesjährigen Spielplan: Parallel zu diesem "Ur-Fidelio" wird auch die gängige Endfassung in der Inszenierung von Otto Schenk zu sehen und zu hören sein. Ein Besuch in Wien lohnt sich also doppelt – einmal, um die spannende Bekanntschaft mit der überaus selten gespielten Urfassung zu machen, zum anderen kann man die  noch seltenere Gelegenheit nutzen, beide Versionen unmittelbar zu vergleichen. Niermeyer und Schenk haben sich anlässlich dieser Prroduktion übrigens über ihre jeweiligen Ansätze freundschaftlich-kollegial ausgetauscht: Beide sind denkbar weit voneinander entfernt – und das, so finden nicht nur die beiden Regisseure, ist auch gut so.

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Kritik von Thomas Gehrig

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