> > > > > 15.01.2020
Mittwoch, 29. Juni 2022

Mariss Jansons, Copyright: BR/Peter Meisel

Mariss Jansons, © BR/Peter Meisel

Das Gedenkkonzert für Mariss Jansons

Strahlendes 'Urlicht'

Sechs Wochen ist es inzwischen her, dass Mariss Jansons unerwartet verstarb – noch immer ist die Musikwelt über diesen schmerzlichen Verlust schockiert und tief betroffen. Am gestrigen Abend fand im Münchner Gasteig ein Gedenkkonzert zu Ehren des langjährigen Chefdirigenten des BRSO statt, sein enger Freund und Kollege Zubin Mehta stand am Pult. Ein Blick ins ausliegende Kondolenzbuch verrät, dass in Erinnerung an ein bewegendes Konzerterlebnis, das sie selbst einst mit Jansons hatten, Besucher eigens hierfür sogar aus Fernost angereist sind.

Mahlers Symphonie Nr. 2 c-Moll, die (nicht von ihm selbst) sogenannte 'Auferstehungssymphonie' hat das Orchester sich für diesen Anlass ausgesucht. Bevor es losgeht, gibt es noch einleitende Gedenkworte und wird posthum die ursprünglich erst für Mai geplante Verleihung der Karl Amadeus Hartmann-Medaille an Mariss Jansons vorgenommen, die das Orchester traditionell nur an ganz herausragende Dirigenten vergibt: In nur einer Handvoll von Trägern dieser Auszeichnung steht Jansons in einer Reihe mit so großen Kollegen wie Rafael Kubelik oder Leonard Bernstein.

Gebündelte Kräfte

Dann hebt Mehta den Taktstock, konzentrierte Kraft und Energie gehen schon von den charakteristischen Bass-Figuren zu Beginn des Kopfsatzes aus, die für das BRSO typische unverwechselbare Homogenität der aus einem Guss spielenden Streicher ist zweifellos auch ein Verdienst der 16-jährigen Präzisionsarbeit von Jansons in München. Gewohnt bruchlos verschmelzen im weiteren Verlauf die Instrumentengruppen und Stimmen miteinander, Mehta behält in Mahlers programmatisch geschildertem Gefühlschaos auch mit sparsamer Dirigiergeste stets den Überblick und versteht es mit all seiner Erfahrenheit, die immensen Kräfte der Partitur zu bündeln und zu kanalisieren.

Ein inniger Violoncello-Klang trägt die Kantilenen zu Beginn des 'Andante moderato' ohne kitschige Süßlichkeit auf samtweichen Händen, in sich geschlossen und abgerundet klingen die Streicher-Blöcke, die feinen polyphonen Spitzen setzt Mehta exakt. Nach und nach entfesselt er auch hier die klanglichen Kräfte, über filigranen Pizzicato-Impulsen formt er geradlinige Holzbläser-Linien. Rhythmisch pointiert beginnt der dritte Satz, zielstrebig nehmen die zerrissenen Emotionen agogisch Fahrt auf, transparent gelingt die Verarbeitung des sich verzweigenden Hauptthemas. Intensiv und dynamisch gut ausbalanciert führt das BRSO im vierten Abschnitt den choralartigen Dialog mit dem Alt-Solo, das mit Gerhild Rombergers tonsicherer, raumgreifender Stimme ideal besetzt ist.

Tröstliche Wärme

Dieses 'Urlicht' verströmt buchstäblich hellstrahlende, tröstliche Wärme. Im Finale verfehlen Mahlers allerlei klangliche ‚Special effects‘ ihre musikalischen und räumlichen Wirkungen bis in die ekstatischen Sphären der Schluss-Apotheose nicht. Mit schlanker, natürlicher Phrasierung überzeugt Golda Schultz‘ Sopran, lediglich an einigen wenigen Stellen fehlt ihr etwas Volumen. Seine weltweit geschätzte Klasse demonstriert der Chor des Bayerischen Rundfunks. 

Ganz in dessen Sinne kommt der Erlös des Konzerts Mariss Jansons‘ Herzensangelegenheit, der Stiftung 'Neues Konzerthaus München' zugute – im Wesentlichen das Verdienst seines unermüdlichen Engagements ist es, dass der Bau einer neuen Heimat für das BRSO im Werksviertel auf den Weg gebracht wurde. Sowohl Zubin Mehta als auch beide Solistinnen spenden denn auch ihre Gagen für diesen Zweck. Mit treffsicherem Instinkt sagte Jansons‘ Frau Irina seinerzeit schon in der ersten Probenpause nach dem Übernahmeangebot des BRSO als Nachfolger Lorin Maazels spontan zu ihrem Mann: ‚Mariss, das ist DEIN Orchester!‘, der, wie er später erzählte, darauf antwortete: ‚Das wusste ich nach fünf Minuten‘. Beide sollten Recht behalten – und ganz sicher wäre er an diesem Abend ob solch intensiven und emotionalen Musizierens stolz auf ‚seine‘ Musiker gewesen. Nach stehenden Ovationen sieht man viele ergriffene Besucher den Saal verlassen – im Gedenken an einen maßstabsetzenden Menschen und Musiker, der unvergessen bleiben wird und dessen prägendes Erbe weiterlebt. In einem Rednerbeitrag zu Beginn klang die Idee an, das neu entstehende Konzerthaus nach Jansons zu benennen. Das wäre nichts weniger als angemessen – denn es war und bleibt sein Projekt.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Gedenkkonzert für Mariss Jansons: Mahler: Symphonie Nr. 2

Ort: Gasteig,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Zubin Mehta (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Golda Schultz (Solist Gesang)

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