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Donnerstag, 21. Januar 2021

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Staatsopernchor Stuttgart, Copyright: Martin Sigmund

Staatsopernchor Stuttgart, © Martin Sigmund

Achim Freyers 'Freischütz' in Stuttgart

Symbolisch bis artifiziell

Es handelt sich schon fast um eine archäologische Ausgrabungsarbeit. In der Stuttgarter Staatsoper spielt man nun wieder die 'Freischütz'-Inszenierung von Achim Freyer, die erstmals im Jahre 1980 über die Bühne ging. Geheimnisvoll ist schon das Drumherum. Einlass in den Saal ist erst kurz vor Aufführungsbeginn, und das Opernfoyer ist mit Hirschmännern, Fliegenpilzen und anderen Fundstücken ausgestattet. Sobald man eintritt, sieht man den Eremiten im Gebet vor einem Kreuz, durch das ihn die Strahlen des allsehenden Sonnenauges am Himmel des Bühnenbilds erreichen. Auf dem Himmel selbst rundet sich ein Regenbogen. So idyllisch beginnt das Stück, das Freyer bald in teils grellen, teils düsteren Farben ausmalen wird.

Hintergründiger Theatersinn

Freyers Inszenierung erinnert an die durchaus schulmäßigen Anfänge des Regietheaters. Bei einigen Einfällen springt einen der hintergründige Theatersinn des Regisseurs noch heute an, so wenn der Eremit die Rosen in emblematischer Weise an Agathe überreicht, oder wenn Kaspar sich zum Singen seines Strophenlieds metatheatral ins Kasperletheater verkriecht. Auch das Bühnenbild mit seiner verzerrten Zentralperspektive ist suggestiv, verbindet etwas Klaustrophobisches mit einer gewissen Fallhöhe. Hinter den mit idyllischem Landleben bemalten Zimmerwänden droht hier stets die Wolfsschlucht mit ihren Dämonen. Die Wände ziehen sich jedoch auch im II. Akt nicht zurück; auch die Wolfsschlucht erscheint als Teil der symbolischen Innenwelt dieses Märchen-Böhmens. Und noch weitere Elemente des Bühnenbilds lassen sich symbolisch deuten – so das aus dem Hintergrund hereinscheinende rote Licht –, was für Kurzweile sorgt und dem Geschehen die notwendigen Sinnebenen von Transzendenz, dem Numinosen und echten Unheimlichen hinzufügt.

Auch die stilisierten Bewegungen der Figuren erscheinen zunächst sinnreich, indem sie den eigentümlich zwischen Geschichte und Märchen schwankenden Handlung akzentuieren. Der 'Freischütz' als Puppenspiel in der Phantasie seiner Autoren über die Zeiten. So geriet der I. Akt zu einem relativ dichten, expressiven Figurengeflecht, in dem ein greller Kilian (mit Bühnenpräsenz für zwei: Elliott Carlton Hines) und ein düsterer Kaspar (Friedemann Röhlig mit wunderbarer Schauspielstimme) neben dem totenbleich geschminkten Max standen. Die Couplets Kilians und Kaspars wurden von Thomas Guggeis und dem Staatsorchester Stuttgart klug dynamisiert und mit der Bühnenhandlung synchronisiert, was die Effizienz der inzwischen oft unverständlichen Strophenform von neuem sicherstellte. Matthias Klink sang den Max mit gewaltiger Anstrengung und konnte die Verzweiflung der Figur so hinreichend deutlich machen. Für die großen Soli hätte man sich mehr langen Atem, weniger trübes Brüten gewünscht.

Artifizielle Erstarrung

Hingegen entfaltete Laura Wilde als Agathe zwar edles Pathos und lyrische Linien, gab der Figur aber insgesamt zu wenig dramatisches Profil. Die statuarische Inszenierung der Figur half da nicht. Zusammen mit dem vorwitzigen Ännchen (kräftig und keck: Josefin Feiler) ergab sich freilich ein reizvoller Kontrast, namentlich im Duett der beiden. Je länger der Abend dauerte, desto mehr trat das Beschränkende an Freyers Personenführung zu Tage: Die Figuren wirkten nun weniger lebendig, zum Teil plakativ, gleichsam szenisch aufgeblätterte Pop-Art. So blieb auch der Erkenntnisgewinn angesichts des hohen Abstraktionsgrads auf lange Sicht gering. Die Revitalisierung des musikalischen Theaters, die sich in Freyers persönlichem Zugriff auf das Stück zeigt, verläuft sich so in artifizieller Erstarrung.

Ein ganz eigenes Gebilde dieser Regie ist freilich die Wolfschlucht. Da treiben Elephanten- und Eselsmann, ein falscher Papst und ein Hase Priapos ihr Unwesen. Die Proben, die Kaspar mit Max bestehen muss, sind sinnig durch eindringende Monsterwesen gestaltet. Freilich kippt die Inszenierung hier fast in Richtung Schaustück. Den Samiel hat Freyer höchst elegant als Wiedergänger von Gründgens’ Mephisto gestaltet. Es verleiht Bösewichtern und Beelzebuben immer Tiefe, wenn man ihnen zumindest Eleganz, ein gewisses Stilbewusstsein zubilligt.

Geschmack und Verve

Das Staatsorchester Stuttgart spielte durchweg charakteristisch, mit kernigen und klangschönen Instrumentalfarben, namentlich sehr schönen, naiven Hörnern und ahnungsvoll vibrierender Oboe im Finale. Auch die Figur des Fürsten Ottokar hat durch eine besonders elegante Gestaltung dazugewonnen. Ottokar ist hier kein deutscher Duodezfürst, sondern führt etwas Gottesgnadentum bei sich. Umso köstlicher wird dadurch das nervöse Fußgetrippel, das ihn – musikmimetisch – als Empörung über Maxens Unverfrorenheit überkommt. Auch ist sein Thron von der verzerrten Perspektive beeinträchtigt, jeden Moment müsste er, so glaubt man, vornüberkippen. Michael Ebbecke sang den Fürsten mit Geschmack und Verve – kein unwichtiges Factum für das Gelingen.

Kritik von Matthias Nikolaidis

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Der Freischütz: Romantische Oper in drei Aufzügen

Ort: Staatstheater,

Werke von: Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Achim Freyer (Inszenierung), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Friedemann Röhlig (Solist Gesang), Matthias Klink (Solist Gesang)

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